Neue Kommentare

Ada Rompf zu „The Rider”. Die zärtlich-raue Poesie der Chloé Zhao : Besser kann man meinen Lieblingsfilm dieses Früh...
yolo 456 zu Die Juden vom Altrhein: man sollte einen artikel erst einmal lesen bevor ...
yolo123 zu Die Juden vom Altrhein: Das jüdische Leben in Deutschland ist vorbei und...
Achenar Myst zu Nils Landgren with Janis Siegel: some other time: Die CD ist ein absoluter Genuss, tolle Auswahl de...
Achim zu Golnar & Mahan – Derakht: Musik, die glücklich macht - Danke !!!...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Bildende Kunst

Poesie kontra Politik: „Now and Then“ kontra „Streamlines“

Drucken
(81 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 10. Februar 2016 um 12:22 Uhr
Poesie kontra Politik: „Now and Then“ kontra „Streamlines“ 4.5 out of 5 based on 81 votes.
Poesie kontra Politik: „Now and Than“ kontra „Streamlines“

Die Deichtorhallen Hamburg punkten derzeit mit zwei außerordentlich sehenswerten Ausstellungen: Während die Französin Sarah Moon in ihren faszinierenden, seltsam nostalgisch anmutenden Fotografien und Filmen archaische Ängste und das unterschwellig lauernde Grauen in der Ausstellung „Now and Then“ beschwört, tritt in der gegenüberliegenden Halle das reale Grauen in der aufklärerischen Schau „Streamlines – Ozeane, Welthandel und Migration“ offenkundig zu Tage. Poesie kontra Politik.

Ex-Model fotografiert Mode. Keine Ahnung, warum die Sarah-Moon-Schau auf diesen simplen Nenner gebracht wurde. Denn Mode ist in der ersten Retrospektive dieser großartigen Künstlerin nur ein Teilaspekt.

Sarah Moon war Mannequin Anfang der 60er-Jahre, das ist richtig. Und sie begann ihre Karriere als Fotografin auch mit Modeshootings, Kampagnen für Label wie Cacharel, Comme des Garcons, Issey Miyake und Valentino. Doch bereits in diesen frühen Aufnahmen sieht man, dass Mode nur der Vorwand war, Gemütszuständen einzufangen; die Aura und Atmosphäre um somnambule weibliche Wesen, die aus Zeit und Raum gefallen zu sein scheinen. Doch nicht nur Porträts, auch die Stillleben, Tier- und Landschaftsbilder der Autodidaktin sind von der leisen Melancholie der Vergänglichkeit durchzogen. Die besondere Qualität der Platinum Prints, die grau-bräunlichen, oft verwischten und unscharfen Ästhetik der Aufnahmen trägt maßgeblich zu dieser Anmutung bei. Impressionismus, Symbolismus und Jugendstil scheinen hier durch und erinnern an die Pioniere der Fotografie. An die Daguerreotypien von Vincent Chevalier (1770-1840), an die Salzpapier-Abzüge von William Henry Fox Talbot (1800-1877) oder an die wunderbaren Albumin-Papier-Porträts von Julia Margaret Cameron (1815-1879), deren Bestreben es war „das Wirkliche und das Ideale“ zu verbinden. Dieser Satz hätte auch von Sarah Moon stammen können, denn inhaltlich taucht sie immer wieder in Traum- und Albtraumwelten ein, in die Welt der Magie und des Zirkus, in die Welt der Sagen und Märchen.

Von geradezu beängstigender Sogkraft jedoch sind die fast schon mythischen Filme, die hier im Fokus stehen und die sich kaum stilistisch einordnen lassen. Eine Mischung aus Film noir und Symbolismus vielleicht, mit jeder Menge Bildern im Schwebezustand, wie wir sie aus den Filmen Fellinis oder Antonionis kennen. Vorlagen sind sattsam bekannte Märchen, wie „Rotkäppchen“, „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ oder „Die kleine Meerjungfrau“. Geschichten, die an unserer Urängste rühren und bezaubernde Mädchen als Inbegriff des unschuldigen Opfers in den Mittelpunkt rücken. Mädchen, die durch düstere, leere Räume oder einsame Straßen laufen und die wir aus der Sicht des (unsichtbaren) Bösen verfolgen. In ihrem ersten Spielfilm „Mississippi one“ (1990) hat Sarah Moon das Opferthema auf eineinhalb Stunden ausgedehnt: Ein Mädchen wird von einem jungen Psychopathen entführt und fährt mit ihm im Auto tagelang durch die Gegend. Die Intensität und unheimliche Ruhe dieses Films ist kaum auszuhalten. Er allein schon lohnt den Besuch der Sarah-Moon-Schau.

Gegenüber, in der Nordhalle, dann der Alltagshorror unserer globalisierten Welt. Koyo Kouoh, eine mittlerweile international arbeitende Kuratorin aus Dakar, hat 15 künstlerische und literarische Positionen über das Meer zusammengetragen, die alle irgendwie mit Hamburg als Hafenstadt zusammenhängen: Das Meer als (ehemals kolonialer) Transportweg von Menschen- und Warenströmen. Als Kriegsschauplatz und territoriales Interessensgebiet, als Flüchtlingsgrab. Es ist viel zu sehen und viel zu lesen in dieser komplexen Schau, die ihre Spannung aus dem Gegensatz zwischen luftig leichter Präsentation und zum Teil heftigen (Video)Bildern und Objekten bezieht. Die Installation des in Frankreich geborenen Algeriers Kader Attia, der mit einer über den Boden verstreuten Menge blauer Klamotten Leidensweg und Tod tausender Flüchtlinge versinnbildlicht, ist damit nicht gemeint. Auch nicht Thomas Rentmeisters Installation aus dutzenden von Kakao Tetra Packs, die an Kolonialherrschaft und Versklavung erinnern; oder die farbenprächtigen Wandteppiche von Abdoulaye Konaté aus Mali, der traditionelles Kunsthandwerk hochästhetisch mit aktuellen politischen, ökonomischen wie ökologischen Problemfeldern verknüpft.

Nein, richtig unter die Haut geht vielmehr die Zwei-Kanal-Videoinstallation „All That is Solid Melts into Air“ von Mark Boulos: Der US-Künstler mit Schweizer und syrischen Wurzeln stellt Aufnahmen von der Chicagoer Börse 2008 (in den ersten Tagen der internationalen Finanzkrise) den schwer bewaffneten und mordlustigen Rebellen im Niger Delta gegenüber. Als Zuschauer ist man mittendrin in einem ekstatischen Geschrei – und die wild gestikulierenden Börsenhändler stehen dabei den vermummten Kämpfern, die sich im rituellen Kriegstanz auf das Blutvergießen einstimmen, in nichts nach: Zwei Gruppen an entgegengesetzten Enden der Welt, die jede auf ihrer Weise um Öl kämpfen - die einen in Termingeschäften, die anderen gegen die ausbeuterischen Ölgesellschaften.

Danach tut es gut, in aller Ruhe die wunderbare Erzählung von Ken Bugul zu lesen: Die senegalesische Schriftstellerin (bürgerlich: Mariètou Mbaye) schildert darin, wie sie sich auf macht, ihren Kindheitstraum zu verwirklichen: Einmal eine Nacht im Hamburger Hafen zu verbringen. Und hier scheint es dann doch wieder durch, das romantische Bild vom Meer als Sehnsuchtsort.

Die Ausstellungen „Streamlines. Ozeane, Welthandel und Migration“ läuft noch bis 13.3.2016, die Retrospektive „Sarah Moon. Now and Then“ bis 21.2.2016 in den Deichtorhallen Hamburg. Deichtorstraße 1-2, 20095 Hamburg
www.deichtorhallen.de

YouTube-Videos:
„Streamlines. Ozeane, Welthandel und Migration“
"Sarah Moon – Now and Then"
"The Photography of Sarah Moon"


Abbildungsnachweis:
Header: Detail aus Bouchra Khalili, The Constellations, Fig. 6, 2011. Silkscreen print mounted on aluminum and framed, from the series "The Constellations Series", 8 silkscreen prints. 42 cm X 62 cm. Courtesy of the artist and Galerie Polaris, Paris. © Bouchra Khalili
Galerie:
01. Sarah Moon: Der Birnbaum, 1992 © Sarah Moon
02. Sarah Moon: Fashion 9, Yohji Yamamoto, 1996 © Sarah Moon
03. Sarah Moon: o.T., 2008 © Sarah Moon
04. Sarah Moon: L'avant dernière pivoine © Sarah Moon
05. Sarah Moon: Die Möwe, 1998. © Sarah Moon
06. Alfredo Jaar: The Cloud, 2015. Approx. 600 x 600 x 100 cm, plaster, bandages, ballons, polyester fibre. © Alfredo Jaar
07. Abdoulaye Konaté, Coffee Beans − Container, 2015. Stoff, 345 x 249 cm. © Abdoulaye Konaté
08. Mark Boulos: Film stills aus/from All That Is Solid Melts into Air, 2008. Two-channel video installation (colour, sound), HDV, 14 minutes, 20 sec. © Mark Boulos
09. Peter Buggenhout: The Blind Leading the Blind (Herzliya Piece), #1 final state, 2008. Mixed media (polyurethane, epoxy, foam, polyester, iron, wood, plastic, aluminium, paper and household dust), approx. 450 x 900 x 900 centimeters © Peter Buggenhout
10. Thomas Rentmeister: Skizzen zu/ Sketches Cocoa Milk, 2015. 6900 cocoa cartons, 14.8 (height) x 900 x 300 cm © VG Bild Kunst
11. Ulrike Ottinger, Containermarkt Odessa. Fotoserie, Ukraine, 2002. Details aus / from Diamant Dance, 2015 Mixed media installation (photographs, videos, framed Postcards, artist books, printed curtains), approx. 265 x 1200 x 400 cm © Ulrike Ottinger
12. Kader Attia: Rochers Carrés, 2015. Three lightboxes, 130 x 160 x 18 cm © VG Bild Kuns.

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Bildende Kunst > Poesie kontra Politik: „Now and Then“ kon...

Mehr auf KulturPort.De

Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte
 Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte



Auch heute noch geschehen beglückende Wunder: Mit 80 Jahren veröffentlichte die 1923 in Wien geborene Ilse Helbich ihren ersten Roman unter dem Titel „Schwal [ ... ]



Thierry van Werveke: Schauspieler, Rockstar, Troublemaker, Thierry National
 Thierry van Werveke: Schauspieler, Rockstar, Troublemaker, Thierry National



Thierry! – allein sein Vorname löst in Luxemburg schon entzücken aus und wird mit der Addition von „National“ zum Kult. In Deutschland und Österreich fr [ ... ]



„Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls
 „Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls



Samuel Moaz kreiert mit dem Antikriegsdrama „Foxtrot” einen atemberaubenden ästhetischen Kosmos: zornig, visuell kühn, emotional hochexplosiv, oft grausam, [ ... ]



Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte: „Der Vorname“
 Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte: „Der Vorname“



Das Stück brillant, die Schauspieler große Klasse, die Inszenierung rundum gelungen und der kleine Saal der Komödie Winterhuder Fährhaus restlos ausverkauft. [ ... ]



Vergessen und wiederentdeckt: „Ludwig Meidner – Im Nacken das Sternemeer“
 Vergessen und wiederentdeckt: „Ludwig Meidner – Im Nacken das Sternemeer“



Der Titel der Ausstellung „Im Nacken das Sternemeer“ verweist auf das Buch mit Texten von Ludwig Meidner, das 1918 in Leipzig erschien. Meidner (1884-1966),  [ ... ]



Trio Elf & Marco Lobo – und die „Música Popular Brasileira“
 Trio Elf & Marco Lobo – und die „Música Popular Brasileira“



Die brasilianische Liedkunst – die dort den Status von Popmusik hat – nennt sich pragmatisch „Música Popular Brasileira“. Den Musikern des Trio Elf, Wal [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.