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Hamburger Architektur Sommer 2015


Bildende Kunst

Über Wasser. Malerei und Photographie von William Turner bis Olafur Eliasson

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Dienstag, den 23. Juni 2015 um 10:07 Uhr
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Über Wasser. Malerei und Photographie von William Turner bis Olafur Eliasson

Nordeuropa hat es im Überfluss, doch in anderen Teilen der Welt wird jetzt schon darum gekämpft: Wasser – Segen und Fluch, vielfach konnotiert als unerschöpfliches Inspirationsquell, Spiegel der Seele, mitreißende Kraft.
Welche Faszination das kühle Nass auf Maler und Fotografen über die Jahrhunderte ausübte, wie viele Aspekte und Facetten mit dem Thema verbunden sind, das zeigt nun das Bucerius Kunstforum mit einer großangelegten Schau zur 6. Triennale der Photographie: „Über Wasser. Malerei und Photographie von William Turner bis Olafur Eliasson“.

Ein „Langzeit-Medienvergleich“ durch die Jahrhunderte und Kunststile also, bei dem die wechselnden Erscheinungsformen des Elements in Fotografie und Malerei durchdekliniert werden. Einer, bei dessen Vorbereitung Ulrich Pohlmann und Ortrud Westheider die „politische Dimension des Wassers“ immer stärker ins Bewusstsein gedrungen sei, wie die Kuratoren betonen. Notgedrungen, gewissermaßen. Wenn in den Nachrichten der vergangenen Monate vom Wasser die Rede war, dann meist vom westlichen Mittelmeer, das mittlerweile für zehntausende afrikanischer Flüchtlinge zum Massengrab wurde. Weit weniger publik, aber nicht minder erschreckend ist die Tatsache, dass die Schweizer Firma Nestlé systematisch weltweit Quellen aufkauft und das in Flaschen abgefüllte Trinkwasser - gerade in der Dritten Welt - teuer wieder verkauft. Laut Prognosen, wird Wasser in Zukunft kostbarer sein als Erdöl. Für die Ärmsten der Armen ist die Versorgung mit sauberem Trinkwasser schon jetzt Luxus – ein Horrorszenario.

Die massiven globalen Probleme, die mit dem Wasser einhergehen, Klimaveränderungen, Flüchtlingsströme und Umweltverschmutzung, werden im letzten von sieben Kapiteln unter dem Titel „Unbezähmbares Element“ thematisiert. Hier hängen die eindrucksvollen Fotos von Andreas Müller –Pohle aus der Serie „Hong Kong Waters“ (2009/2010), die den Untergang der Megastädte am Meer suggerieren. Robert Longos imposanter, Hokusais großer Welle nachempfundener „Drachenkopf“ (2005), der von der allesvernichtenden Gewalt eines Tzunamis kündet. Pablo Genovés sintflutartige Fotomontage eines überschäumenden Meeres in einer barocken Bibliothek („Mar Tendida“, 2011) und das auf den ersten Blick so harmlos wirkende Meer vor Lampedusa (Federico Baronello/ Takuji Kogo, 2005-2007) – doch in der Fülle der insgesamt 150 Leihgaben aus aller Welt, die sich über zwei Stockwerke ziehen, fallen die aktuellen Aspekte leider zu wenig ins Gewicht.

Zum Auftakt im ersten Stock rückt erstmal der naturwissenschaftliche Blick in den Fokus. Hochbegabte, aber oftmals kaum bekannte Fotografen der 30er, 40er und 50er Jahre erkannten im Tropfen – der kleinsten sichtbaren Einheit des Wassers – ein faszinierendes Motiv. Kabinettstücke, wie Hans Finslers perlende „Wasserstropfen auf Stoffgewebe um 1930“ seien hier erwähnt. Die aus einem Wassertropfengitter bestehenden „1001 Gesichter“ (1957) von Peter Keetman (1916-2005) oder der frappierend exakt mit Bleistift gezeichnete „Regen IV“ der Hamburger Künstlerin Li Trieb, die in 14620 Minuten Zeichendauer auch Lebenszeit einfängt. Ein kleines Konvolut pittoresker Wasserfälle aus dem 18. und 19. Jahrhundert dokumentiert die Auseinandersetzung von Fotopionieren und Landschaftsmalerin mit Naturwundern, die zunehmend auch als Postkartenmotive populär wurden.

Ungleich spannungsreicher die Inszenierung im Erdgeschoss: In der Mitte ein großer dunkelgrauer „Felsblock“, auf dem einige Fotografien wie angespültes Strandgut liegen. Wohl eine Reminiszenz an Caspar David Friedrich, dessen kapitales „Eismeer“ (1823) hier zwar fehlt, aber mit drei „Eisschollen“-Ölskizzen zumindest in Erinnerung gerufen wird. Auch Zeitgenosse William Turner, der englische Licht- und Wassermaler par Excellence, ist hier nur mit zwei Studien über Lichtreflexionen vertreten. Erstaunlich eigentlich, von einem titelgebenden Künstler hätte man mehr erwartet. Als Besucher wird man dennoch nicht enttäuscht, denn in der schier überbordenden Fülle an Gemälden und Fotografien sind auf Schritt und Tritt Entdeckungen zu machen. Zudem haben die Kuratoren vielfach auf große Namen gesetzt: Präsentiert werden Arbeiten von Joseph Beuys, Gustave Courbet, Andreas Gursky, Raoul Hausmann und Weegee. Von David Hockney, Albert Renger-Patzsch, Victor Hugo und Claude Monet. Von Alex Katz, Yves Klein, Robert Motherwell und August Renoir. 94 Künstler insgesamt sind im Bucerius Kunst Forum versammelt und immer wieder verblüffen die Bezüge untereinander: So hängt neben Gerhard Richters riesigem, graublauen „Seestück“ (1969) ein fast winzig kleines Bild von Max Beckmann, „Blick aus der Schiffsluke“: Der Horizont hat sich in eine steile Diagonale verschoben. Das Bullauge erscheint hier mit dicken Planken regelrecht zugenagelt. Kein Zweifel, dieses Boot ist verloren. Der Dampfer, der am Horizont als schwarze Silhouette zu erkennen ist, wird zu spät kommen.

Selten war Beckmanns visionäres Bild von 1934 so aktuell wie heute. Als Sinnbild für die vielen Flüchtlinge, die, eingepfercht in Schiffsrümpfe, tagtäglich dem Untergang geweiht sind. So oder so ähnlich sieht vielleicht auch ihr letzter Blick aus – auf eine Welt, die aus den Fugen geraten ist.

Die Ausstellung „Über Wasser. Malerei und Photographie von William Turner bis Olafur Eliasson“ ist zu sehen bis 20. September, im Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt, 20095 Hamburg.
Weitere Informationen

Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog mit Beiträgen von Michael Philipp, Ulrich Pohlmann, Christiane Stahl, Iris Wenderholm und Ortrud Westheider im Hirmer Verlag, München (241 Seiten mit farbigen Abbildungen aller ausgestellten Werke, 29 € in der Ausstellung). Unter dem Titel The Day Will Come When Water Matters ist die Ausstellung der Beitrag des Bucerius Kunst Forums zur Triennale der Photographie Hamburg, die vom 18. bis zum 28. Juni 2015 stattfindet. Photofestival Triennale der Photographie Hamburg Das internationale Photofestival Triennale der Photographie Hamburg widmet sich seit 1999 alle drei Jahre aktuellen Themen und Fragestellungen im professionellen Photographiediskurs. Es möchte darüber hinaus kulturell interessierte Menschen durch Ausstellungen, Vorträge, Filme, Projektionen und Begegnungen, an einem Ort konzentriert, für das Thema Photographie gewinnen. Das Photofestival geht aus einer Initiative des Photographen und Photosammlers F.C. Gundlach hervor und findet 2015 zum sechsten Mal statt. Das diesjährige Festival beschäftigt sich unter dem Motto The Day Will Come mit der Zukunft der Photographie in technischer und ästhetischer Hinsicht und wird durch interdisziplinäre Zusammenarbeit von Kuratoren, Künstlern, Futurologen und Soziologen eine Brücke in die Zukunft schlagen. Die großen Kunstinstitutionen Hamburgs präsentieren dazu Ausstellungen mit Photokünstlern von internationalem Rang. Ergänzt werden diese durch weitere Sonderausstellungen und ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm. Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Header: Über Wasser Malerei und Photographie von William Turner bis Olafur Eliasson, Ausstellungsansicht. Foto: Daniel Bockwoldt
Galerie:
01. Robert Longo (geb. 1953): Ohne Titel (Drachenkopf), 2005, aus der Serie "Monster", DZ BANK Kunstsammlung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2015
02. William Turner (1775-1851): Schautafel: Reflexionen und Lichtbrechungen auf einer durchsichtigen Kugel, halb gefüllt mit Wasser, um 1810, Tate, London. Accepted by the nation as part of the Turner Bequest 1856
03.
Hiroshi Sugimoto (geb. 1948): Mittelmeer, Cassis II, 1989, DZ BANK Kunstsammlung, © Hiroshi Sugimoto
04. Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913): Die Blaue Grotte auf Capri, 1902, Privatsammlung
05. Olafur Eliasson (geb. 1967): Melting ice on Gunnar’s land, Island, 2008, © Olafur Eliasson, Photo by: Jens Ziehe, Berlin. Courtesy of the artist and neugerriemschneider, Berlin
06. Ausstellungsansicht. Foto: Daniel Bockwoldt
07. Gerhard Richter (1932-0): Gerhard Richter (geb. 1932): Seestück (bewölkt), 1969, Neues Museum, Staatliches Museum für Kunst und Design in Nürnberg, Leihgabe Sammlung Böckmann, © Gerhard Richter 2015
08. Auguste Renoir (1841-1919): Meeresbild, Guernesey, um 1883, Musée d'Orsay, Paris
09. Toni Schneiders (1920-2006): Wassertropfen, 1953, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, © 2015 Ulrike Schneiders
10. Thierry de Cordier (geb. 1954): Hochsee, 2011, Olbricht Collection, © 2015 Thierry De Cordier
11. Weegee (Arthur Fellig, 1899–1968): Frau, von einem Hydranten angespritzt, 1940er Jahre, Galerie Berinson, Berlin
12. Ausstellungsansicht. Foto: Daniel Bockwoldt

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