Neue Kommentare

Maggie zu Walter-Kempowski-Literaturpreis 2019: Guten Abend,
Gibt es denn schon irgendeine...

Lothar Segeler zu Filmtonschaffende erstmals als Urheber*innen an Kinoerlösen beteiligt: Großartig - wie lange haben wir darauf gewartet!...
Alf Dobbertin zu Henri Bergson: Die beiden Quellen der Moral und der Religion: Ein großes Lob dem Rezensenten Stefan Diebitz, d...
Maximilian Buchmann zu „Apocalypse Now - Final Cut”. Der Höllentrip des Francis Ford Coppola: Uff! Nur heute im Kino? Hoffentlich bekomme ich n...
Klaus Schöll zu Am 12. Juli 2019 wird die James-Simon-Galerie eröffnet – in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel: Ich finde das die Treppe zur James-Simon-Galerie ...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Bildende Kunst

Ólafur Elíasson – Riverbed

Drucken
(180 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Dienstag, den 14. Oktober 2014 um 10:05 Uhr
Ólafur Elíasson – Riverbed 4.6 out of 5 based on 180 votes.
Ólafur Elíasson – Riverbed

Es ist eine erstaunliche Installation, die der isländisch-dänische Künstler Ólafur Elíasson ins Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk bauen ließ.
Eine wahre Herausforderung für die dänische Museumsinstitution und ein hoher technischer Aufwand waren notwendig, um „Riverbed“ durch verschiedene, Räume im Südflügel zu leiten. Ort und künstlerisches Werk gehen eine wunderbar vielschichtige und sinnreiche Auseinandersetzung ein.

Elíasson ließ tonnenweise graues Geröll und Steine aus Island in ein Band aneinander angrenzender Innenräume schütten. Kommt der Besucher vom Eingangsbereich so macht dieser einen leichten Aufstieg durch die sonst so klaren und sauberen sowie weiß-getünchten Räume. Ein kleiner Bach schlängelt sich zudem durch die Arbeit, es plätschert das Wasser, es knirschen die Steine unter jedem Schritt – festes Schuhwerk ist keine falsche Entscheidung gewesen. Es fühlt sich eigenartig an, langsam durch die Räume zu gehen, denn einerseits hat man das Gefühl irgendwo oberhalb der Baumgrenze in öder Landschaft zu sein, anderseits ist die Künstlichkeit eines Filmsets spürbar, die Inszenierung dessen, etwas großem, aufwändigen auf der Spur zu sein. Der Besucher ist recht schnell auf sich selbst zurückgeworfen, muss körperliche und geistige Entscheidungen treffen, die zwischen bekannten und unbekannten physischen und psychischen Territorien oszillieren. Um das Werk überhaupt überblicken zu können, muss es durchquert werden. Die Aktion der Besucher ist von entscheidender Wichtigkeit – das Werk begleitet ihn und er begleitet es. Vergleichbar der Werke von Franz Erhard Walther ist die Handlung, die Benutzung des Kunstwerks ebenso entscheidend, wie dessen Anschauung und zeitliche Komponente. Sich physisch distanzieren oder sich ihm gar zu entziehen, kann keiner.

Ein Aspekt wird schon im ersten Moment des Betretens der „Bühne“ deutlich: der Künstler trennt in seinem Werk den Begriff Landschaft von dem der Natur: er setzt sie in einen architektonisch geschlossenen Raum und verzichtet vollständig auf Vegetation und Geräuschkulisse der Fauna.
Die Natur tobt nur draußen, es ist immens stürmisch am Tag meines Museumsbesuchs, die Bäume biegen sich und die hohen Wellen brechen sich am Kiesstrand Seelands. Bäume, Sträucher, irgendetwas Grünes, Vogelgezwitscher oder Hundegebell sucht man also innerhalb der begehbaren Landschaftsskulptur vergeblich und das ist auch gut so, weil das Werk sonst nur eine Simulation wäre.
Der definierte architektonische Raum und die Richtungsbezogenheiten seiner Durchquerungsmöglichkeiten haben ihre Wirkungen auf unterschiedlichen Ebenen. Zunächst hat „Riverbed“ etwas Allgemeingültiges, denn es spielt mit Bekanntem. Jeder hat sich schon einmal in einer Steinlandschaft bewegt, musste sich einen Weg suchen, über ein Rinnsal springen, kennt das Geräusch von knirschendem Schotter unter den Füßen. Das ist eine Art Déjà-vu-Effekt und mildert Annäherungsschwellen für nicht in der Kunst heimischen Besucher.

Und doch ist alles anders, trotz der Kargheit gibt es die Faszination einer gewissen „Entleerung“ und der künstlerischen Sprache, denn Elíasson kehrt die Idee der Land-Art der 1960er- und 70er-Jahre um. Nicht die Landschaft wird künstlerisch als Raum inszeniert, sondern der Raum wird „belandschaftet“. Und zwar so, dass es sich nicht um ein verkleinertes Modell handelt, sondern um ein abgeschlossenes, der Wirklichkeit entsprechend proportioniertes Kunstwerk.
Zudem ist das Licht stringent gleichmäßig, zyklische Tages- und Jahreszeiten verschwinden während der Öffnungszeiten. Auch die potentielle Zeitlosigkeit der Inszenierung gehört zur Idee des Künstlers sein Werk von derlei Information und vorgefasster Sinnhaftigkeit loszukoppeln.
Auch liegt die Faszination im technischen Aufwand und im Respekt dessen, was der Künstler, das Museum und seine Mitarbeiter geleistet haben.

Jedem Besucher ist es selbst überlassen wie lange er sich durch die Steinlandschaft bewegt, so entkoppelt sich die Erlebniszeit von der Realzeit.


 


Schließlich, am Ende des „Weges“ steht man in einer Elíasson-Arbeit, die er „Contract is content“ nennt, was man mit „Kontraktion ist Inhalt“ übersetzen könnte. Es ist einem gleichnamigen Buch entlehnt, das Landschaftsfotografien aus Island zeigt. In der Bibliothek des Museums hat der Künstler seine Publikationen zusammengetragen und präsentiert dort seine neue Homepage.

Auch im Nordflügel des Museumskomplexes sind weitere Werke des Künstlers zu sehen: der „Model room“, eine seit 2003 mehrfach in Europa und den USA gezeigte Arbeit. Auf einem gigantischen Tisch sind eine Unzahl von geometrischen und architektonischen Modellen zu sehen, Entwürfe für Gebäude und Objekte, die oft in Zusammenarbeit mit dem isländischen Künstler Einar Thorsteinn entstanden sind. Hier ist man sowohl den geistigen und ästhetischen Überlegungen und Arbeitsprozessen nahe.
Schließlich findet der Besucher in der „Hall Gallery“ drei Videoarbeiten: „Your embodied garden (2013), „Movement microscope“ (2011) sowie „Innen Stadt Aussen“ (2010). Alle Werke sind inhaltlich und gedanklich mit dem verknüpft, was in den anderer Räumen zu sehen ist.

Eine sehr erlebenswerte Ausstellung, die noch bis zum 4. Januar 2015 im Louisiana Museum of Modern Art zu sehen ist.
Gl. Strandvej 13 in 3050 Humlebæk, Dänemark
www.louisiana.dk
Katalog zur Ausstellung: ISBN 978-87-92877-28-4


KulturPort.De dankt der DB Bahn für die Unterstützung.


Abbildungsnachweis:
Header: Installation „Riverbed“, Raumansicht
Galerie: Ólafur Elíasson
01. Katalogtitel
02. und 03. Riverbed, 2014. Installationansichten. Fotos: Anders Sune Berg. Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk
04. bis 06. Model room, 2003. Installationansichten. Fotos: Anders Sune Berg. Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk
07. Superimposed video stills from the Movement microscope, 2011, HDV 16:9, 14:15 min. Supported by LUMA Foundation. Courtesy of the artist; neugerriemschneider, Berlin; and Tanya Bonakdar Gallery, New York. © 2003 Olafur Eliasson
08. video still from Your embodied garden, 2013, HDV 16:9, 9:23 min (60–65). Courtesy of Fondation Louis Vuitton © 2013 Ólafur Elíasson
Video zu Riverbed: Claus Friede

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

avatar Rainer
+2
 
 
Schon andere Kritiken bei Spiegell online, art und beim NDR gelesen. diese hier ist mit Abstand die fundierteste
Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Meinen Kommentar abschicken
Abbrechen
Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Bildende Kunst > Ólafur Elíasson – Riverbed

Mehr auf KulturPort.De

Vilnius und die Nutzung postindustrieller Gebäude als alternative Zentren für Kultur und Nachtleben
 Vilnius und die Nutzung postindustrieller Gebäude als alternative Zentren für Kultur und Nachtleben



In den letzten Jahren haben viele osteuropäische Städte Projekte gestartet, um ehemalige Industriegebäude und bislang ungenutzte Flächen in Zentren städtisc [ ... ]



Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien
 Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien



Wie sieht es in anderen Ländern mit dem öffentlichen Raum aus? Bei uns gibt es ihn kaum noch, denn jeder freie Quadratmeter wird dem Auto gewidmet. Können wir [ ... ]



Theater-Horror vom Feinsten – „Mummy Brown/Mumienbraun“ der norwegischen Gruppe Susie Wang schockte beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel
 Theater-Horror vom Feinsten – „Mummy Brown/Mumienbraun“ der norwegischen Gruppe Susie Wang schockte beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel



Das Programmheft hat nicht zu viel versprochen: Eine derart blutige, ins Groteske überzogene Horror Picture Show hat man in Hamburg noch nicht geboten bekommen. [ ... ]



Rainer Mausfeld: „Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“
 Rainer Mausfeld: „Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“



Die Zitterpartie der Macht
Welch ein Glück im Unglück. Wie üblich nach einem Zwischenfall auf Leben und Tod so auch diesmal, wie erwartet: Kaum war das Kind  [ ... ]



„I Am Mother” Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo
 „I Am Mother” Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo



Grant Sputores post-apokalyptischer Science-Fiction Thriller „I Am Mother” beginnt als intimes Kammerspiel in einem, hermetisch von der Welt abgeschlossenen  [ ... ]



Letizia Battaglia: Retrospektive in Venedig
 Letizia Battaglia: Retrospektive in Venedig



Sie gilt als bekannteste „Mafia-Fotografin“ und als „eine der wichtigsten Fotografinnen unserer Zeit“, aber auch als politisch, ökologisch, sozial und f [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.