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Hamburger Architektur Sommer 2019

Fotografie
Paolo Pellegrin Un Antologia

„Fotografie ist wie schreiben für mich“, sagt Paolo Pellegrin. „Es ist eine Stimme.“
Diese „Stimme“ ist extrem berührend, mitunter fast unerträglich. Mehr als 200 größtenteils unveröffentlichter Fotografien aus 20 Jahren hat der vielfach ausgezeichnete Magnum-Fotograf in den Deichtorhallen in Szene gesetzt.

Sie erzählen von Krieg, Schmerz und Zerstörung. Und von der Schönheit, die es zwischen all dem Schrecken noch zu entdecken gibt. „Un‘Antologia“ trifft wie ein Schlag in die Magengrube – gerade deshalb ist diese Ausstellung so wichtig.
Zwei kämpfende Vögel in schwarz und weiß. Diese Polarität fällt ins Auge, noch bevor man das Warnschild an der Kasse gesehen hat, das die Besucher auf leidvolle Bilder einstimmt. Der studierte Architekt Paolo Pellegrin hat die Ausstellung gemeinsam mit den Deichtorhallen inszeniert und sie ist einfach großartig. Zunächst taucht man ab ins Schattenreich des Islamischen Staates. Aus dem Dunkel schält sich die nordirakische Steinwüste bei Mossul im XXL-Format. Man steht mittendrin im Kriegsgebiet, gleichsam an der Seite des Fotografen, sieht den schwarzen Rauch der brennenden Ölfelder südöstlich der Stadt, die der IS in Brand setzte. Sieht die Menschen aus den IS-Gebieten fliehen und hinter den Linien der Kurden Zuflucht suchen. Ein schreiendes Kind im festen Griff eines Soldaten. Einen alten Mann mit verbundenen Augen. Die Leiche eines IS-Kämpfers im Sand.

Galerie - Bitte Bild klicken
Grausamkeit und Elend, wohin das Auge blickt. Im Irak, in Kambodscha, im Kosovo, in Uganda, in Nigeria. Selbst in den USA, wo Prostitution, Drogensucht und Kriminalität ganze Regionen prägt. Leid ist überall und Paolo Pellegrin versteht es als seine Aufgabe, darüber zu berichten. Der in London lebende Italiener will deshalb auch nicht auf die Kriegsbilder reduziert werden. Er dokumentiert, „was Menschen Menschen antun“ - und zwar in Langzeitprojekten, nicht in schnellen, spektakulären Schnappschüssen. Pellegrin porträtiert Opfer, mitunter über Jahre hinweg. Zeigt, wie verstümmelte Kinder nach den israelischen Luftangriffen im Gazastreifen weiterleben. Wie schwer traumatisiert die von Boko Haram entführten Mädchen in Nigeria sind. Fatima musste ansehen, wie ihr Bruder ermordet wurde. Sie kann nicht weinen, erzählt ihre Mutter, dafür schreit sie jede Nacht im Schlaf.

Man nimmt diese Bilder und Videos mit in das lichte zweite Kapitel, in dem es um die Beziehung von Mensch und Natur geht. Wunderschöne Landschaften tun sich auf und ein abstrakter weißer (Eis-)Berg ragt wie ein Fanal in die Höhe. Eine imposante, faszinierende Installation voller Fotos, Zeichnungen, Skizzen und Notizen, die den kreativen Prozess des Fotografen veranschaulichen. Doch den Blick in die Hölle kann auch die schönste Installation nicht vergessen machen.

Paolo Pellegrin. Un’ Antologia

Zu sehen bis 1. März 2020, im Haus der Photographie, Deichtorhallen Hamburg
Geöffnet: Di-So 11-18 Uhr
Kuratorenführung mit Ingo Taubhorn, Kurator des Hauses der Photographie am 29. Januar, 18-20 Uhr, 3 Euro (zzgl. Eintritt), keine Anmeldung erforderlich.
Alle Informationen: www.deichtorhallen.de


Abbildungsnachweis:
© Paolo Pellegrin/Magnum Photos
Header: LIBANON. Beirut. August 2006. (Wenige Augenblicke, nachdem ein israelischer Luftangriff mehrere Gebäude in Dahia zerstörte)
Galerie:
01. USA. El Paso, Texas. 2011. (Zwei Männer, die versuchten, illegal in die USA einzureisen, laufen durch das trockene Flussbett des Rio Grande zurück nach Ciudad Juárez, Mexiko, nachdem sie von der amerikanischen Grenzkontrolle entdeckt worden waren)
02. Rom. Italien, 2015
03. IRAK. 2016. (Ein Mann, der aus den vom IS kontrollierten Gebieten flieht, ist am östlichen Rande von Mossul zu sehen)
04. Eine Thermodecke. Lesbos, Griechenland, 2015
05. USA. Rochester, NY. 2012. (Ein Mann wird von der Polizei Rochester verhaftet, nachdem er seinen Vater mit einem Samuraischwert angegriffen hat)
06. Eine Familie. USA. Rochester, NY. 2013.
07. KOSOVO. Die Stadt Pristina. 2000. (Krähen über dem Friedhof)
08. Paolo Pellegrin. Foto: Kathryn Cook

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