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Hamburger Architektur Sommer 2019

Film
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Mit „Die schönsten Jahre eines Lebens” kreiert Claude Lelouch eine hinreißende nostalgische Collage aus Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fiktion. Ein Film im Film, durchdrungen von Zärtlichkeit wie auch Ironie. Noch einmal kehren Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant als Liebespaar auf die Leinwand zurück.

Die Erinnerungen der Protagonisten katapultieren uns per Rückblende in den legendären Kino-Klassiker „Ein Mann und eine Frau”. 53 Jahre ist es her, dass der französische Regisseur jenes melancholische Nouvelle Vague-Epos drehte, welches die Art und Weise Lovestorys zu erzählen, revolutionierte und ihm selbst zum internationalen Durchbruch verhalf.

 

Siege erringt der ehemalige Rennfahrer und Womanizer, Jean-Louis (Jean-Louis Trintignant), nur noch in seinen Tagträumen. Er ist Ende Achtzig, verliert sich in Erinnerungen, aber selbst die verblassen. Doch noch immer kreisen die Gedanken um Anne (Anouk Aimée), der großen Liebe seines Lebens und um das Scheitern ihrer Beziehung. Der Herzensbrecher von einst ist ein Schatten seiner selbst. Das Gedächtnis lässt ihn in Stich, er verweigert die Welt um sich herum: „Altersheime sind wie Gefängnisse. Man denkt nur daran, auszubrechen“. In diesem Moment gibt es als einzige Option die Flucht in die Vergangenheit. Sohn Antoine (Antoine Sire) ist ratlos, macht sich auf die Suche nach der mysteriösen Schönen, vielleicht kann sie den Vater in die Realität zurückholen.

 

Anne, früher Filmproduzentin in Paris, ist in die Normandie gezogen zu ihrer Tochter und Enkelin, ein idyllischer Ort, hat dort einen kleinen Laden. Noch immer ist sie unglaublich attraktiv, voller Energie und Charme. Auch sie denkt oft an jene Tage zurück vor 53 Jahren. Warum die Beziehung zerbrach? „Es war zu schön”. Er, ein berühmter Rennfahrer, sie ein Scriptgirl, beide verwitwet, beide alleinerziehend, ihre Kinder auf demselben Internat. Cineasten kennen das kleine Mädchen und den kleinen Jungen, wie sie im Winter am Strand von Deauville ausgelassen toben. Claude Lelouch verstand es, den einfachsten Szenen eine betörende Magie zu verleihen, die Millionen in ihren Bann zog und andere kalt ließ. Der französische Autorenfilmer polarisiert. Als „Ein Mann und eine Frau” in Cannes damals mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, buhten manche unten im Publikum. Trotz mehr als vierzig Preisen darunter zwei Oscars, die Entrüstung der Kritiker nahm zu mit den Jahrzehnten, ungerührt drehte und produzierte Lelouch einen Film nach dem anderen. Selbst die Reaktionen der Gegner wurden Teil des Oeuvres, beeinflussen aber auch unbewusst unsere Haltung, wir, die Zuschauer, müssen überlistet werden, aus der Abwehrhaltung hervorgelockt wie ein störrisches Kind.

 

Zurück zu „Die schönsten Jahre eines Lebens”. Bezaubernd die erste Begegnung der Protagonisten in dem prächtigen Park der Senioren-Residenz: Jean-Louis, an den Rollstuhl gefesselt, erkennt die Besucherin nicht, aber die Geste, mit der sie sich durchs Haar fährt, erinnert ihn an die Geliebte von einst. Er ist verwirrt, verliert den Faden im Gespräch, flirtet dann wieder für einen Augenblick unverdrossen drauf los. Behutsam lenkt Anne die Situation, wovon er träume, will sie wissen. Und der gebrechliche Playboy fragt, ob sie mit ihm durchbrennen will. Die geheimnisvolle Besucherin geht als Fremde, so wie sie gekommen ist, und doch sind die beiden einander nah, näher vielleicht als je zuvor. Die Erinnerung ist heute das, was sie verbindet. Vor 53 Jahren war es die Erinnerung, die trennend zwischen ihnen stand, Annes Mann war bei einem Stunt tödlich verunglückt. Gegen einen Toten hat man keine Chance, glaubte Jean-Louis, dessen Frau Selbstmord beging.

 

Anne hat versprochen, wiederzukommen. Sie hält Wort, holt Jean-Lous in ihrem grauen 2CV für eine Spritztour ab. Bei einer Polizeikontrolle werden sie von zwei Gendarmen verwarnt, weil Anne zu langsam fährt und den Verkehr aufhält, kurzerhand setzt sich der ehemalige Rallye-Fahrer ans Steuer der Ente und rast durch die schmalen Landstraßen- bis sie mit 93 Stundenkilometern geblitzt und von einer weiteren Streife angehalten werden. Während der alte Herr die Gendarmen der Lüge bezichtigt („Ich bin über 100 gefahren, keine 93”) steigt seine Begleiterin aus, entfernt sich ein paar Schritte. Dann zieht sie einen Revolver aus ihrer Tasche und schießt. Getroffen gehen die beiden Polizisten zu Boden... und Jean-Louis erwacht aus seinem Tagtraum. Als Anne ihn wirklich ein zweites Mal besucht, erkennt er sie wieder. Sie schlägt ihm ein Picknick vor, fährt dann spontan weiter bis nach Deauville, auch ins Hotel Normandy, das Zimmer 26, sie dürfen kurz den Raum betreten. Hier hatte alles angefangen. Immer mehr verbinden sich Gestern und Heute in Jean-Louis Gedanken zu einem unentwirrbaren Netz aus Bildern, Gefühlen und Erinnerungen, aus Realität und Fantasie. Und auch der Zuschauer weiß nie, wo er sich befindet, und doch der Film hadert nicht mit dem sich Selbst-Verlieren der beginnenden Demenz, jeder Augenblick ist kostbar, ob wirklich oder erträumt. Anne akzeptiert diesen Schwebezustand, nickt lächelnd, wenn der fragile Herr im Rollstuhl sie wieder einmal fragt, ob sie neu im Heim sei. Ob er sie herumführen und ihr alles zeigen könne, will sie wissen. „Mit dem größten Vergnügen”, sagt Jean-Louis begeistert und strahlt.

 

„Die Liebe ist die Kunst der Gegenwart und die Gegenwart ist alles, was wir haben”, so Lelouch. „Sie beinhaltet sämtliche Tugenden, selbst wenn die Helden meines Films nur noch eine Stunde zu leben hätten, so wäre es die schönste Stunde überhaupt. Deshalb habe ich mich für den Filmtitel bei Victor Hugo bedient, der einmal den Satz „Die besten Jahre eines Lebens sind all jene, die man noch nicht gelebt hat,” formulierte. Es ist ein Satz, der für mich zur Obsession geworden ist, der auf die eine oder andere Weise Eingang in viele meiner Filme gefunden hat. Aber es stimmt ja auch: Nichts ist schöner als die Gegenwart.” Ganz überzeugen mich die Worte Hugos nicht, das mit der Obsession stimmt, schon damals Mitte der Achtziger, als ich in Paris Lelouch traf, um ihn dem Proust‘schen Fragebogen zu unterziehen, kein Vergnügen, wenn man schon etliche Male, wie er mir versicherte, diese Prozedur über sich hat ergehen lassen müssen. Beeindrucken taten mich seine Antworten weniger, heute finde ich sie um vieles treffender und amüsanter. Was ist für Sie vollkommenes irdisches Glück? „Ein schöner Film und eine schöne Frau.” Seine Gegner, die ihn als Virtuosen des Edelkitsch bezeichneten, würden höhnisch grinsen. Lelouch ist Romantiker aus Berufung mit einem Faible für Komödien und Gangstergeschichten, er hält die Lüge als Alternative zur Wahrheit für legitim.

 

Was schätzen Sie an Ihren Freunden am meisten? „Ihre Frauen.” Diese Art von Humor käme in Zeiten von #MeToo ganz schlecht an. Aber Lelouch ist sich dessen durchaus bewusst, auch wenn er seinem verwirrten Schürzenjäger erlaubt, auf üble Art zu flirten. In seinem Film ist das Ende der Verführung der Anfang wirklicher Liebe. Dem Tod nah, verwandelt sich emotionaler Überschwang in zärtliche, geduldige Vertrautheit und gegenseitiges Verständnis. Jean-Louis bittet Anne um Verzeihung. Der letzte Punkt im Proust‘schen Fragebogen lautete: Ihr Motto? „Die schönsten Jahre des Lebens sind jene, die noch vor uns liegen.” Ich hatte meine Zweifel, den nächsten Tag fuhr ich mit meinem Husky an die Strandpromenade nach Deauville. Es war Winter wie bei den Dreharbeiten Mitte der Sechziger. Der Zauber des Ortes lag allein in der Vergangenheit, in der Erinnerung an „Ein Mann und eine Frau”. Aber Kino heißt auch, die Zeit zurückdrehen, die Gegenwart außer Kraft setzen.

 

Claude Lelouch, der mit sechs Jahren heimlich in die Kinopaläste rund um den Boulevard Sébastopol schlich, mischte als erster Regisseur Schwarz-Weiß Material und Farbe, 35 mm mit 16 mm und Super 8. Die Filmkritiker rätselten über die Symbolik der Szenen, irgendwann gestand der Franzose, das Geld wurde knapp, ursprünglich hatte er den Film in Schwarz-Weiß drehen wollen, die Amerikaner verlangten Farbe. Kunst braucht Unwegsamkeit, Herausforderungen. Das Resultat war ein Liebesfilm von atemberaubender Ästhetik, puristisch, exquisit, verstörend authentisch. Noch einmal wiederholt sich auf der Leinwand das Wunder. Das Herz schlägt schneller bei der ersten Rückblende in Schwarz-Weiß, wenn Anne das Telegramm aufgibt an Jean-Louis, in dem es heißt: „Ich liebe Sie.” Lelouch schreibt dazu: „Dieses Bekenntnis wird beider Leben auf den Kopf stellen. Alles fängt an mit dem außergewöhnlichen Moment, in dem eine Frau den Mut aufbringt, „Ich liebe Sie” zu sagen- das wohl schwierigste Bekenntnis von allen. Doch wenn man diese Wort einmal ausgesprochen hat oder hört, erhält das Leben endlich Sinn. Mit einem Mal fühlt es sich an, als wäre es kein Versehen gewesen, auf die Welt zu kommen, dass all das Blut, all der Schweiß, all die Tränen es wert waren. Diese drei kleinen Worte entschädigen einen für alles. Um diese Idee herum habe ich meinen Film gebaut. Die Bilder aus dem ersten Film sind mehr als nur Kinobilder- sie sind Teil unseres kollektiven Gedächtnisses geworden. Sie gehören uns, als hätten wir diese Liebesgeschichte selbst erlebt. Dieses „Ich liebe dich” gehört der ganzen Welt.”

 

„Die schönsten Jahre eines Lebens” beharrt Lelouch, wäre keine Fortsetzung, sondern ein eigenständiges Werk. Verdrängt oder vergessen hat der Autorenfilmer ganz offensichtlich sein wenig gelungenes Sequel, die romantische Tragikomödie „Ein Mann und eine Frau- 20 Jahre später” (1986), deren Existenz würde auch empfindlich beim Verständnis dieses Films stören. In das kollektive Gedächtnis eingegangen ist aber das berühmte Chabadabada-dabda aus dem Soundtrack von Francis Lai. Für den Regisseur ist die Musik ein mit den Schauspielern gleichberechtigter Protagonist, sie wurde vor Drehbeginn aufgenommen und Lelouch ließ sie am Set abspielen, um den Akteuren die Atmosphäre der Szene zu vermitteln, so konnten sie darauf reagieren. Auch dieses Mal komponierte Francis Lai die entscheidenden Chansons, es sollte seine letzte Arbeit fürs Kino sein, er starb im November 2018.

 

Lelouch sei „immer auf der Jagd nach authentischen Momenten”, sagt Jean-Louis Trintignant. Jene Wahrhaftigkeit, die dem Ansturm der Technik Widerstand leistet. „Die Rückblenden zum ersten Film sind ausgesprochen bewegend“, so der 89jährige, „denn an unseren Gesichtern lässt sich ablesen, wie viel Zeit und Leben vergangen ist. Und doch wird alles viel leichter und freier erzählt, als es damals möglich war. In „Ein Mann und eine Frau” erkundeten unsere Figuren einander, sie suchten nach Liebe und entdeckten das Leben.” Hier sind die Erinnerungen als Gemeinsamkeit schon vorhanden, man braucht nur den Spuren folgen. Lelouch nahm die beiden Akteure mit an die Schauplätze des ersten Films, um zu sehen welche Reaktionen sie auslösen würden. „Es war, als hätte er uns in einen emotionalen Hinterhalt gelockt,” sagt die 88jährige Hauptdarstellerin, dem Zuschauer ergeht es ähnlich. Rührung, Verunsicherung, die Erinnerungen überstürzen sich, vermengen sich mit den eigenen wie jene verrückte Fahrt durch Paris mit mehr 200 Stundenkilometern, die Strandpromenade von Deauville, das Hotel Normandy, der Bahnhof, wo Jean-Louis Trintignant vor 53 Jahren gewartet hatte, um Anouk Aimée in die Arme zu schließen. Sie ahnte davon nichts, die Überraschung auf ihrem Gesicht ist echt. So arbeitet Lelouch, spontan verändert er Handlung und Dialoge, flüstert sie den Akteuren zu wie ein Souffleur, überlässt ihnen die Gedanken weiterzuspinnen. Diese einzelnen Szenen aus „Ein Mann und eine Frau sind auf seltsame Weise intensiver, intimer, als wenn wir den Film als Teil einer Retrospektive erlebten. Und selten war die Begegnung mit dem Alter so greifbar, seltsam hoffnungsvoll wie hier, schauspielerisch eine grandiose Leistung.

 

„Beim Endschnitt bin ich der allererste Zuschauer meiner Filme, erzählt Lelouch. „Als ich Jean-Louis’ Gesicht zum ersten Mal sah- die Kamera (Robert Alazraki) spürt es auf wie eine Erinnerung, die an die Oberfläche drängt- und das von Anouk, die eine Frau spielt, die verloren und besonnen zugleich wirkt, musste ich weinen. Es war, als würde ich ihre Gesichter, auf denen die Zeit ihre Spuren hinterlassen hatte, ganz neu entdecken. Die Bilder ihrer allerersten Begegnungen, die wir vor 52 Jahren – vor einem halben Jahrhundert – drehten, sind tief in mir verankert. Ich wartete, bis sie ihren Weg nach oben fanden, und als das passierte, kam mir erneut die Tränen.

 

In meinen Filmen mischen sich häufig Vergangenheit und Gegenwart, aber diesmal fühlte es sich so an, als hätte ich das Ergebnis erträumt. Die Gegenwart genau wie die sehr weit zurückliegende Vergangenheit hatte ich mit denselben Schauspielern gedreht, ihr Alter entsprach jeweils ihrem richtigen Alter. Kein Make-up, keine anderen Darsteller, die sie mal jünger oder älter spielen. Nur dieselben Gesichter, auf denen die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat, Gesichter, die davon erzählen, was so alles in ihrem Leben passiert ist. Die Realität, aber auch die Mythologie jener Realität- was man über Anouk und Jean-Louis weiß oder zu wissen glaubt- verschmelzen mit der Fiktion, die sich wiederum aus der Realität speist. Bei unserem Film handelt es sich also um eine Art verschachteltes Stück im Stück, ein Metadrama, gewaltig und ergreifend. Aber eins, dem es nicht an Humor mangelt. Als wäre es mein letzter Akt des Aufbegehrens gegen die Zeit, die immer schneller vergeht.”

 

Originaltitel: Les plus belles années d'une vie

Regie: Claude Lelouch
Drehbuch: Valérie Perrin, Claude Lelouch, Pierre Uytterhoeven
Darsteller: Anouk Aimée, Jean-Louis Trintignant, Souad Amidou, Antoine Sire, Marianne Denicourt, Monica Bellucci
Produktionsland: Frankreich, 2019
Länge: 90 Minuten
Kinostart: 2. Juli 2020
Verleih: Wildbunch Germany

 

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Wildbunch Germany

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