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Hamburger Architektur Sommer 2019

Festivals, Medien & TV
A Summers Tale Festival

Nicht ein einziger besoffener Typ weit und breit. Dafür massenweise umhertollende Kinder, tanzende Eltern zwischen Bollerwagen und Picknickdecken - und überall lächelnde Gesichter. A Summer’s Tale in Luhmühlen ist der glatte Gegenentwurf zu Wacken. Fröhlich, friedlich, bunt, nur positive Energie. Das ultimative Familienfestival.

Im Nachherein scheint es fast, als sei beim Summer’s Tale der Geist von Woodstock auferstanden. 50 Jahre ist das Jahrhundert-Open-Air-Festival nun her, das 1969 unter dem Motto „3 Days of Peace & Music“ rund 400 000 Besucher nach Bethel, State New York lockte – und widererwarten lief alles friedlich ab. Natürlich sind 400 000 kein Vergleich zu den 13000 Besuchern vergangenes Wochenende in der Lüneburger Heide. Doch auch dieses Festival war ganz eindeutig ein Statement: Die gelebte Utopie eines harmonischen Miteinanders. Ohne Aggression, ohne Hass, ohne Ausgrenzung, ohne Fremdenfeindlichkeit. Dafür mit jeder Menge guter Musik, guter Laune und guten Projekten. Mit zahlreichen Workshops, Yoga-Kursen und Umweltorganisationen wie Greenpeace, Fridays for Future und Viva con Agua, die um Unterstützung warben. Und natürlich mit vielen, vielen Produkten für das umweltbewusste Publikum, vom Bio-Schafskäse bis zum Batik-T-Shirt. Wer die „Kulturelle Landpartie“ kennt, die sich einst aus der Anti-Atomkraft-Bewegung gebildet hat und mittlerweile alljährlich zwischen Himmelfahrt und Pfingsten die Massen zur alternativen Shopping-Tour ins Wendland zieht, kann sich dieses Festival als eine Art „Kulturelle Landpartie mit Musik“ vorstellen. Das Publikum durch die Bank tiefenentspannt im Urlaubsmodus, die Jüngsten mit dicken Kopfhörern auf den Ohren bestens gewappnet gegen zu viel Lärm.

Zugegeben, die Autorin dieser Zeilen hat nur einen der insgesamt vier Festivaltage des vergangenen Wochenendes erlebt, im Grunde lediglich sechs Stunden. Also nur einen klitzekleinen Ausschnitt mit drei von weit über dreißig Konzerten. Aber diese sechs Stunden haben nachhaltig Eindruck hinterlassen. Angefangen bei der kompetenten Einweisung auf dem riesigen Parkplatzgelände, über Schließfächer und EC-Automaten bis zu den freundlichen Ordnern im Fotograben war hier einfach alles hervorragend organisiert. Und vor allem: Ohne jeden Stress!

 Das lag natürlich auch an dem fantastischen Wetter, das es gut mit dem Festival meinte. Die dicke Regenfront, die an diesem Nachmittag über Norddeutschland zog, ging haarscharf an Luhmühlen vorbei. Wer übrigens meint, den Namen schon mal in anderem Zusammenhang gehört zu haben, liegt richtig: Auf dem weitläufigen Gelände mit dem zentralen weichen Sandplatz (herrlich für die herumtollenden Kids) werden ansonsten internationale Meisterschaften der Vielseitigkeitsreiter ausgetragen. Deshalb auch die überdachte Tribüne mit ein paar hundert Sitzplätzen. Einfach ideal für die vielen Senioren, die es sich hier gemütlich machten.   

Die Zeiten, in denen Open-Air-Konzerte mit stundenlanger Verspätung anfangen, scheinen endgültig vorbei. Auf der großen Konzertbühne beim Summer’s Tale am Samstagabend jedenfalls begannen sie pünktlich auf die Minute. Zuerst Faber, ein junger Zürcher mit Sendungs-Bewusstsein, dessen Band vor eindrucksvollem Berg-Panorama groovte. Faber singt seine Chansons auf hochdeutsch, zum Teil sind sie politisch engagiert, zum Teil auch ziemlich frech und anzüglich. Obwohl er noch lange nicht das Format seiner Vorbilder hat, erinnert er durchaus schon an Jacques Brel, manchmal auch an Charles Aznavour.   

Zwei Stunden später begeisterte der Australier Xavier Rudd mit seinem luftigen Sound aus Folk, Blues, Rock und Reggae. Alles Songs, in denen der engagierte Mulit-Instrumentalist soziale und gesellschaftliche Fragen thematisiert.  Klima- und Naturschutz liegen Rudd ebenso am Herzen, wie die Reche der Aborigines. Und wenn man ihn da oben auf der Bühne zwei riesige Didgeridoos bespielen sieht, barfuß, mit Rastalocken, braungebrannt und am ganzen Oberkörper tätowiert, dann sieht er fast selbst aus wie ein Buschmann.  

Und dann endlich, um 22.30 Uhr, ist sie da: Isabelle Geffroy, besser bekannt als Zaz. Eine „Mademoiselle 100.000 Volt“, die, ehe man sie noch gewahr wird, los singt und in den kommenden zwei Stunden keinen Bruchteil einer Sekunde still steht.. Sie tanzt, sie hüpft, sie läuft von der Bühne runter in den Graben und schreit der begeisterten Menge zu: „Ihr seid alle viel zu weit weg“. Was für ein Energiebündel! Was für mitreißende Chansons! Was für ein Lebensgefühl! Zaz ist eine unglaublich authentische Sängerin, man glaubt ihr jedes Wort, schließlich singt sie ja auch fast nur von sich („Je veux“) Ja, sie will! Sie will Liebe, Leidenschaft und eine glückliche Welt und das bringt sie in jedem ihrer Songs zum Ausdruck. Mit einer Mischung aus Pop, Salsa, Jazz und Rock. Jawohl, auch Rock! Ein fetziger Beat, den man gar nicht so ohne weiteres zutraut. Aber sie probiert halt immer Neues aus, alle musikalischen Stile, alle Sprachen, alle kulturellen Einflüsse. Und plötzlich kommt da noch eine andere Frau auf die Bühne, umarmt die Künstlerin und erzählt von der „Arche“, einem christlichen Hilfswerk für sozial benachteiligte Kinder. Bei jedem ihrer Konzerte stellt Zaz derzeit ein soziales Projekt vor, für das gespendet werden kann. Das gehört zum Konzept ihrer gemeinnützigen Plattform ZAZIMUT, die sich unter anderem in Sachen Armutsbekämpfung, Umweltschutz und Entwicklungshilfe engagiert.  Zaz weiß, dass ihr Publikum die gleichen Werte teilt wie sie. Und dass ein emotional aufgeladenes Konzert die beste Gelegenheit ist, die Herzen zu erreichen.

Irgendwann nach Mitternacht ist auch dieses wunderbare Konzert zu Ende. Die Massen strömen zum Ausgang, aber auch hier alles easy going. Der letzte Shuttle-Bus nach Lüneburg geht schließlich erst um 1.30 Uhr früh. Die Sommer-Geschichten dieses Festivals werden noch lange nachwirken. In jedem Fall nächsten Sommer wieder - aber dann länger.

A Summer’s Tale Festival

Luhmühlen in der Nähe von Lüneburg vom 1. bis 4. August 2019
Alle Infos und Bilder auf
www.asummerstale.de
 
Fotos: Isabelle Hofmann

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