Bildende Kunst

Welches sind die Denkmäler, Orte und Räume, in denen es sich anhäuft, und durch welche Praktiken wird es geformt, weitergegeben, angeeignet?

Gemeinsam mit Albert Oehlen und Martin Kippenberger bildete er das Hamburger Dreigestirn der 80er Jahre. Dadaistisch, ironisch, politisch. Apologeten der „schlechten Malerei“ wurden Werner Büttner und seine Kollegen genannt.

 

Mittlerweile sind die „Jungen Wilden“ Kunstgeschichte und Büttner emeritierter Professor der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Zum Abschied ehrt ihn die Hamburger Kunsthalle mit einer großartigen Retrospektive von rund 170 Gemälden und Collagen aus 30 Jahren: Die „Last Lecture Show“ zeigt alle Fassetten seines Schaffens.

 

Zu seinem 65. Geburtstag rief Werner Büttner (*1954) die Stiftung „Störer des Stumpfsinns“ ins Leben, die es Stipendiaten ermöglichen soll, in Büttners Atelier in Geesthacht zu arbeiten. Ein programmatischer Titel, denn der Stifter selbst war seit Anbeginn seiner künstlerischen Laufbahn ein Störer des Stumpfsinns. Doch wie diese Ausstellung zeigt, hat sich sein Stil in den vergangenen Jahrzehnten doch deutlich verändert. Waren seine Bilder Anfang der 1980er Jahre mit ihren dunklen, dicken, dreckigen Farbschlieren von Hoffnungslosigkeit, Vertreibung und Kriegsvorstellungen durchgetränkt („A und E“, 1985, „Russische Hochzeit“ 1986, „Drei Landser auf dem Heimweg“, 1988, „Bloß keine Illusionen“, 1989), so ist die Farbpalette im Laufe der Jahre deutlich heller und fröhlicher geworden, die gestische Malweise wich einem glatten Farbauftrag. („Nach der Straßenschlacht, 2014, „Ausgebrannter Hengst“, 2018, „Hormonhektik in Maigrün“, 2020).

 

Es scheint fast, als habe Büttner zunehmend Frieden mit sich und der Gesellschaft geschlossen, in die er als Siebenjähriger „von der Mutter verschleppt wurde“, wie er einmal sagte. (Die Eltern siedelten kurz vor dem Mauerbau aus der DDR nach München). Die ungezügelte Lust an der Provokation und der sarkastisch schwarze Humor, die sein gesellschaftskritisches Frühwerk prägten, ist im Alterswerk vielfach einer surreal-heiteren Komik gewichen.

 

Regelrecht anrührend komisch wirken einige Tierbilder wie „Die erstaunlich schlichte Balz des Blaufußtölpels“ (2020) oder die „Väterliche Ansprache“ (2021) - wobei das Küken, auf das der väterliche Kakadu einredet, eher einem kleinen Flugsaurier gleicht, der seinen liebenden Papa alsbald verspeisen wird.

 

Wie auch immer – der real existierende Sozialismus hat sich mittlerweile erübrigt und Büttners Preise sind seit der ersten Ausstellung in der international agierenden Marlborough Gallery in London 2015 exorbitant gestiegen. Das dürfte zur Versöhnung mit dem Kapitalismus beigetragen haben. Die derzeitige Ausstellung ist eine weitere Ehrbezeugung für den Wahl-Hamburger, der seinerseits Alten Meister und Klassikern der Moderne die Ehre erweist, indem er sie neu malt. René Magrittes Bild „Le Barbare“ (1927) beispielsweise, das bei dem deutschen Luftangriff auf London verbrannte. „Akte der Wiedergutmachung“ für Werner Büttner, der seine Retrospektive ebenso mitgestaltete, wie den ausnehmend schönen Katalog. Beides absolut empfehlenswert.


Werner Büttner: Last Lecture Show

Zu sehen bis 16.1.2022,

Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 5, 20095 Hamburg.

Weitere Informationen

 

YouTube-Video:

Ausstellungsfilm Werner Büttner. Last Lecture Show

 

Hinweis: Das Bild "Büttner geht von Bord", das wir ursprünglich als Header-Foto verwendet haben ist aus der Ausstellung und bei uns aus rechtlichen Gründen entfernt worden.

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