Bildende Kunst

In einer vielseitigen Ausstellung stellt das Staatliche Museum Schwerin bis in den Herbst hinein mit künstlichem Licht arbeitende Kunstwerke vor.

Fünfzehn Künstlerinnen und Künstler reflektieren mit der Hilfe von viel Technik das Verhältnis des Menschen zur Natur; und in einigen Fällen werden die Besucher eingeladen, in einen Dialog mit den Arbeiten zu treten.

 

Das Licht ist nicht, wie man zunächst denken könnte, Thema der Ausstellung oder auch nur einer einzigen Arbeit, sondern das Mittel der Wahl für alle beteiligten Künstler und Künstlerinnen. Sie arbeiten mit artifiziellem Licht, um politische Botschaften in die Welt zu senden, um eine gewisse Interaktion zwischen dem Publikum und den Objekten zu provozieren oder ästhetische Affekte von großem Reiz hervorzurufen. Als Symbol der Erkenntnis aber spielt das Licht in dieser Ausstellung überhaupt keine Rolle.

Viel Technik bedeutet zum Beispiel, dass durch die sehr politisch agierende Amerikanerin Jenny Holzer LED-Bänder eingesetzt werden, um mit eilig dahinlaufenden Schriften auf Gefahren für Kinder aufmerksam zu machen („Mother and Child“): eine sehr direkte politische Kunst, die nicht etwa den Weg auf die Straße finden musste, sondern von dieser sogar ihren Ausgang genommen hat. In ihrem Katalog-Beitrag schreibt die Kuratorin Kornelia Röder, in der Zeit der „Fake-News“ sei „das Kommunizieren von wahrheitsgetreuen Aussagen zur gesellschaftlichen Realität wichtiger denn je und weit mehr als eine künstlerische Aktion“.

 

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Aber man kann auch ganz anders mit Licht arbeiten. Die Koreanerin Jeongmoon Choi nennt ihre Installation von 2020 „Zeichnung im Raum“ („Drawing in Space“); sie lässt Schwarzlicht auf feine, sehr regelmäßig gespannte Fäden fallen, und die blauen Fäden geben in einem fast komplett abgedunkelten Raum ein beeindruckendes ästhetisches Erlebnis ab, in das man buchstäblich eintaucht, denn man begeht ja diese Installation und wandert durch sie hindurch. Die Kuratorin fühlt sich an Piet Mondrians Bilder erinnert, und wirklich scheinen die Fäden in ähnlicher Weise jenseits der Zeit wie die regelmäßigen und akkuraten Farbflächen Mondrians. Eigentlich handelt es sich um einen Gegenentwurf zu der Arbeit von Holzer, denn es ist fast unmöglich, hier Verbindungen mit oder Hinweise auf gesellschaftliche Verhältnisse zu finden. Auch sonst stellt Holzers Arbeit in ihrer direkten Art eine Ausnahme dar.

 

Christa Sommerer und Laurent Mignonneau sind mit „The interactive plant growing“ von 1992 einen ganz anderen Weg gegangen. Sie simulieren ein an die Wand projiziertes pflanzliches Leben, das durch die Berührung von echten Pflanzen auf kleinen Sockeln davor manipuliert werden kann. Zunächst kann das Jahr irritieren, in dem diese Arbeit geschaffen wurde, denn alles funktioniert natürlich nur mit der Hilfe eines Computers, und 1992, könnte man glauben, hätte doch noch kein Künstlerpaar auf entsprechend leistungsstarke Rechner zurückgreifen können. Doch, konnte es wohl! Auf meine Nachfrage erklärte Christa Sommerer, dass sie „bereits 1992 Zugang zu den damals besten Grafikrechnern, den Silicon Graphics Workstations (SGI)“ hatten. Bis heute funktioniere die Installation mit eben diesem Programm, nur dass es heute auf einem PC laufe, nicht auf SGI. Unabhängig von all diesen Fragen ist diese Thematisierung und Veranschaulichung von Pflege und Kultur eine interessante Idee.

Gleich eingangs gibt es eine andere, sehr spielerische Installation, die das Verhältnis des Besuchers mit der Kunst zum Thema hat, Klaus Obermeiers interaktive Installation „Ego“ von 2016, in der man zwei Strichfiguren (eine ist weiblich, die andere männlich) an der Wand tanzen lassen kann: die Figuren reagieren auf die Bewegungen der Besucher davor, die sich auch tatsächlich nicht lumpen lassen und sich zu allerhand tänzerischen Bewegungen anregen lassen. Zumindest ist das lustig.

 

Es wäre etwas langweilig, alle fünfzehn Arbeiten aufzuzählen und vorzustellen. Nur auf zwei sei noch eingegangen. Dem Titel des Katalogbeitrages von Katharina Uhl nach befindet sich Hiroyuki Masayuma auf nicht weniger als „der Suche nach dem Wesen der Dinge im Kosmos“. „Flowers No. 7“ von 2009 zeigt in einem Lichtkasten das Foto einer Blumenwiese, das aus sehr vielen, zu verschiedenen Jahreszeiten aufgenommenen Fotos an verschiedenen Orten zusammengesetzt wurde; und die verschiedenen Jahreszeiten und Orte finden sich nun alle auf einem Bild wieder. In anderen Arbeiten veränderte der Künstler berühmte Gemälde; so scheint es, dass Caspar David Friedrich den Watzmann gemalt hat, und auf dem Bild der Kreidefelsen sieht man junge Leute sich in moderner Kleidung im Gras lümmeln.

 

Martin Walde hat eine Art Urzeitwurm geschaffen (nach einem ehemals diese Welt bewohnenden Vorbild), indem er Glas mit Edelgas füllte und das Wesen „Hallucigenia“ taufte. Nun krümmt sich der stachelige Wurm leuchtend in einem sehr dunklen Raum in einer Art Terrarium und fasziniert die Besucher. Ich selbst dachte bei seinem Anblick gar nicht an die erste Zeit des Lebens auf der Erde, sondern eher an einen fremden Stern – vielleicht würde man dort, nachdem man das Raumschiff verlassen hat, einem solchen Geschöpf begegnen, und womöglich wäre es auch noch intelligent und hegte finstere Absichten… oder hätte Appetit…

 

Meine kleine Freundin Hallucigenia ist – und das ist nun wirklich auffällig – in dieser Ausstellung ganz allein, nämlich das einzige Beispiel für animalisches Leben: Pflanzen spielen in dieser Ausstellung eine große Rolle, aber Tiere kommen praktisch nicht vor. Warum finden sich keine Leuchtkäfer, Leuchtquallen oder die gelben Augen von Katzen? Nur im Katalog werden die großartigen Bilder von Otto Marseus van Schrieck (1619-1678) angesprochen – wirkliche Glanzlichter des Schweriner Bestandes –, auf dessen Waldstücken Schmetterlinge taumeln, hinter denen die Schlangen züngeln.

 

Im empfehlenswerten zweisprachigen Katalog werden nicht allein die ausgestellten Stücke thematisiert, sondern die Künstler auch mit anderen Arbeiten ausführlich vorgestellt; es handelt sich bei diesem Buch also um weit mehr als bloß um ein Begleitheft zur Ausstellung. Zusätzlich machen die beiden Eingangsessays auf Gemälde aus dem Bestand des Museums aufmerksam. Zunächst zeigt Gero Seelig die Bedeutung des Lichts für die Malerei des 17. Jahrhunderts – als das Licht als Symbol der Erkenntnis tatsächlich Thema vieler Gemälde war –, und die Kuratorin der Ausstellung, Kornelia Röder, stellt das „Licht in der Moderne“ vor, wozu sie auf Bilder vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart zurückgreifen konnte. Nur ein Beispiel unter vielen ist Rudolf Bartels‘ bekannter „Laternenumzug“ von 1906, ein schon fast spektakuläres Bild eines allen bekannten Sujets. Dieses Bild wird in diesen Tagen in einer zweiten, deutlich kleineren Sonderausstellung gezeigt, in „Zeit der Stille“, in der in vier Sälen einige schöne Herbst- und Winterbilder besonders des 19. Jahrhunderts zusammengestellt wurden.


Verführung Licht. Medienkunst im Dialog mit Natur und Gesellschaft

Zu sehen bis 3. Oktober 2021

Im Staatlichen Museum Schwerin, Alter Garten 3, 19055 Schwerin

Öffnungszeiten:

April bis Oktober: Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr

November bis März: Dienstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr

Weitere Informationen

 

Es ist ein Katalog erschienen:

Verführung Licht / Seductions of Light.

Herausgegeben von Kornelia Röder. Sandstein Verlag

 

Vimeo-Video:

Verführung Licht – Medienkunst im Dialog mit Natur und Gesellschaft (9:01)

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