Bildende Kunst

Einem großartigen, leider fast ganz vergessenen Künstler widmet die Kieler Kunsthalle eine aufregende Ausstellung: Albert Aereboe und dem „Zauber der Wirklichkeit“.

Wer sich die Kieler Sonderausstellung ansieht, stellt sich vor allem eine Frage: Warum ist der Name dieses Künstlers fast unbekannt?

 

Lübecker und Kieler Museumsbesucher mögen ihn kennen, denn es finden sich einige wenige Werke in den ständigen Ausstellungen des Behnhauses und der Kunsthalle zu Kiel, aber sonst? Albert Aereboe (1889-1970) spielt in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle, und es ist schon überlegenswert, wie dazu kommen konnte. Ganz allein die Schuld von Publikum oder Öffentlichkeit ist es wohl nicht. Ein Grund mag sein zurückgezogenes Leben auf Sylt gewesen sein, aber auch Emil Nolde lebte in dieser abseitigen Region, wurde aber niemals vergessen.

 

In ihrem Vorwort zum Katalog unterscheidet Anette Hüsch, die Direktorin der Kunsthalle, „diverse Werkphasen“, die es unter Umständen schwer machen, Aereboes Arbeiten als die Bilder eines und desselben Künstlers zu identifizieren, und die Kuratorin Regina Göckede spricht denselben Sachverhalt an, wenn sie das „stilistisch ausgesprochen breite Spektrum seiner Arbeiten“ notiert. Sein Gesamtwerk erscheine „uneinheitlich und facettenreich“ – so etwas schreckt Sammler meist eher ab und verhindert auch sonst, den Namen eines Künstlers bekannt werden zu lassen, weil seinen Arbeiten die Wiedererkennbarkeit abgeht.

 

1889 in Lübeck als Sohn des Dompastors geboren, wurde er zunächst in Berlin und Lübeck als Dekorationsmaler ausgebildet, um dann ab 1912 Malerei in München zu studieren. Der 1. Weltkrieg blieb ihm nicht erspart – er kämpfte in Russland –, aber in Kiel findet sich kein einziges Bild, das den Schrecken des Krieges thematisiert. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich stark von Otto Dix, der sich in ähnlicher Weise wie er um altmeisterliche Techniken bemühte.

 

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In der Weimarer Republik konnte Aereboe sich allmählich als freier Künstler etablieren, aber schon früh attestierte ihm die damals sehr bekannte Kritikerin Rosa Schapire eine „eine im Wesentlichen dekorative Begabung“ – in meinen Augen eine sehr negative und ungerechte Charakterisierung, die vielleicht mit seiner ersten Ausbildung zusammenhing. Schapire bezog das wohl unter anderem auf Aereboes Blumenbilder, die mir eigentlich sehr gut gefallen. Rein Dekoratives findet sich wohl auch in dieser Ausstellung, schlägt aber erst in seinen abstrakten Versuchen im Spätwerk durch. Zuvor fand er die Energie zu einigen sehr anspruchsvollen, sowohl emotionalen als auch durchgeformten Arbeiten.

 

1920, als er Professor für Monumentalmalerei an der Staatlichen Kunstgewerbeschule in Kassel wurde, lernte er auch seine Frau kennen (wie er an der Kunstgewerbeschule lehrend), die Künstlerin Julie Katz, mit der er 1925 die sichere Stellung aufgab und nach Sylt zog. Ihr früher Tod 1927 muss ihn tief getroffen haben, aber die Arbeiten dieser Jahre sind herausragend. Besonders gilt das für ein „Der Einsiedler“ genanntes Bild, das bereits maltechnisch überzeugt – es ist in der Manier der Neuen Sachlichkeit gemalt, also altmeisterlich akkurat, fein und in den Details sehr realistisch. Gleichzeitig – und darauf weist der Untertitel der Ausstellung hin – besitzt es ausgesprochen irreale Züge.

 

Gerade in diesen Aspekten (wenn man einmal von der Einsamkeit des Mannes absieht, in dem man natürlich den frisch verwitweten Maler erkennt) zeigt sich die Beziehung auf Bilder des Spätmittelalters – besonders der Memling-Altar (heute im Lübecker St. Annen-Museum, früher im Dom, dessen Pastor sein Vater gewesen war) machte Eindruck auf ihn, und es scheint, dass Aereboe sich von der Malweise des Meisters stark angezogen fühlte.

 

Das eigentlich religiöse Motiv, „Hieronymus im Gehäuse“, verwandelte er phantasievoll und sehr eigenwillig. Im Katalog ist diesem sehr schönen Bild ein eigener Aufsatz der Kuratorin Regina Göckede gewidmet. Sie sieht es im Anschluss an die Literatur auch als ein Beispiel für den magischen Realismus und nennt es ein „Seelenbild“, in dem es um „die Darstellung einer zum Stillstand gekommenen Seelenlandschaft“ geht. Ihre kurze Beschreibung deutet mögliche Ausdeutungen der verschiedenen Gegenstände an, ohne dass diese erschöpfend zu interpretieren wären. Denn natürlich ist es ein Bild der Moderne und damit viel weniger eindeutig als ein Werk des Spätmittelalters. Besonders deutlich wird das an dem durch eine Glaskugel gesehenen Gesicht des blicklos vor sich hinstarrenden Mannes, von dem man nicht zu sagen weiß, welche Emotionen ihn in diesem Augenblick beherrschen. Einer nackten Frau im Hintergrund schenkt er so wenig Beachtung wie dem Blick aus dem Fenster auf die Sylter Dünenlandschaft, und auch auf die Sternenkarten auf dem Tisch vor ihm schaut er nicht. – Die Ausstellung präsentiert nicht allein das Gemälde Aereboes, sondern auch Vorzeichnungen dazu sowie einen „Hieronymus im Gehäuse“ von Joos van Cleve (1520 / 1525): ein Bild von geradezu spektakulärer Schönheit.

 

In seinem „Einsiedler“ scheint Aereboe ganz bei sich angekommen zu sein, und ähnliches gilt für „Julies blauer Malerkittel“, ein realistisches, mit Emotion aufgeladenes Gemälde, das im selben Jahr entstanden ist – ganz offensichtlich ein melancholisches Gedächtnisbild. Von Julie Aereboe-Katz selbst kann in dieser Ausstellung nur ein einziges Bild gezeigt werden, denn fast ihr gesamter Nachlass wurde in einer Berliner Bombennacht vernichtet.

 

Von der Neuen Sachlichkeit wandte sich Aereboe, ein wahrer Proteus der Malerei, leider schon bald wieder ab. Leider, denn vielleicht hatte er eben in ihr einen seinem Temperament entsprechenden Stil gefunden, zu dem er gelegentlich auch später noch zurückkehrte – besonders in einigen gelungenen Porträts.

 

Wenn man seine künstlerische Laufbahn von Anfang an betrachtet, findet man expressionistische Bilder ebenso wie Jugendstilmalereien, die auf einen Einfluss von Ferdinand Hodler deuten; zwei ganz wunderbare Blumenbilder erinnern an Maria Sybilla Merian (1647-1717), auch wenn er, anders als sie, einen dunklen Hintergrund wählte; und nach dem Krieg studierte er mit großem Ernst die Bilder von Picasso. In einer Vitrine kann man sich anschauen, wie er die Arbeiten des Meisters analysierte, nämlich in ihre verschiedenen Elemente und Formen zerlegte. Seine eigenen Versuche in dieser Richtung allerdings wirken tatsächlich nur dekorativ. Von Picasso nahm er aber noch andere Anregungen auf: ein „Ruderboot“ betiteltes Bild von 1946 zeigt nicht allein ein (Spielzeug?)-Ruderboot, sondern in diesem auch eine Gesichtsmaske, und wenn man das sehr große „Innenleben“ von 1949 sieht, denkt man sofort an „Guernica“ – man kann das gar nicht vermeiden. Ist das die kreative Aufnahme von Impulsen, die von einem überlegenen Künstler ausgehen, oder ist das einfach nur epigonal?

 

Alle ausgestellten Arbeiten zeugen von handwerklicher Meisterschaft, und zwar in allen Aspekten: Die wohldurchdachte Komposition, manchmal gewagte Perspektiven, der Farbauftrag, die saubere Zeichnung auch schwieriger Gegenstände … Aber man würde diese Bilder nicht unbedingt einem einzigen Meister zuordnen. So ist der Eindruck nach dem Besuch dieser sehr durchdachten Ausstellung ein ganz merkwürdiger: Man weiß, dass man viele schöne Bilder gesehen hat, und fragt sich, warum sich kaum jemand an den Künstler erinnert.


Zauber der Wirklichkeit. Der Maler Albert Aereboe

Zu sehen bis 5. September 2021

in der Kunsthalle zu Kiel

Öffnungszeiten: Di–So: 10–18 Uhr, Mi: 10–20 Uhr, Mo: geschlossen
Eintritt € 7,- / ermäßigt € 4,-

Audioguide 

Weitere Informationen 

 

Es ist ein Katalog erschienen:

Regina Göckede / Anette Hüsch (Hrsg.): Zauber der Wirklichkeit. Der Maler Albert Aereboe. Kunsthalle zu Kiel

184 Seiten

ISBN 9783937208565

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