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Bildende Kunst

In einem schmalen Band schildert der prominente Kunsthistoriker und Museumsmann Werner Spies, wie Max Ernst zum Surrealismus fand. Oder erfand er ihn sogar?

 

Eine Biographie ist das Buch nicht, denn über Kindheit, Jugend und Ausbildung des 1891 in Köln geborenen, 1976 in Paris gestorbenen Künstlers verliert Werner Spies kaum ein Wort, sowenig wie über seine letzten Lebensjahrzehnte.

 

Auch über die traumatischen Erlebnisse des Künstlers im 1. Weltkrieg schreibt er nicht, obwohl er in ihnen den Grund für die düstere, nicht selten sogar dämonische Ausrichtung von dessen Kunst sieht. Ihm geht es allein, wie es ja auch der Untertitel sagt, um „die Geburt des Surrealismus“. Die vollzog sich in den Zwanzigerjahren im Werk dieses Malers, wenn Spies recht hat.

 

Zunächst zeigt der Autor, dass die Collage die Wurzel der Kunst Max Ernsts ist – das ist eine Grundthese des Buches und war bereits das Thema der Dissertation des Autors in den siebziger Jahren wie auch einer Düsseldorfer Ausstellung. Neu sind die Überlegungen des Autors also nicht. Spies erklärt im Detail, wie und wo Ernst die Bilder fand, die er zu Collagen zusammenstellte, und erläutert, was dem Künstler dabei wichtig war. Es scheint, dass sich Ernst auf Inspiration von außen angewiesen fühlte, auf Bilder (bevorzugt aus dem medizinischen Bereich), die er in Anzeigen oder in Broschüren, auf Fotos oder in Büchern fand: „der Weg zur Malerei führt über eine primär nichtkünstlerische, kombinierte Realität“ (56).

 

Dabei kam es ihm von Anfang an auf die Kombination einander fremder Bereiche an, wenngleich Max Ernst keineswegs sofort zu den verwirrenden Bildern fand, die seine Kunst von Mitte oder Ende der Zwanzigerjahre an auszeichnete. Trotz der oft provozierenden (antiklassizistischen) Kombinationen war ihm „die Stimmigkeit der einzelnen Versatzstücke, Köpfe, Gliedmaßen, Attribute“ wichtig, und er achtete darauf, sie in dem Kunstwerk in harmonischer Weise zusammenzustellen.

 

Hauptbeispiel von Spies ist in der ersten Hälfte des Buchs die „Leimbereitung aus Knochen“ von 1921, also ein Werk aus der Zeit vor der Erfindung des Surrealismus. Erhalten ist nur die Collage, das Gemälde gleichen Titels ist leider verloren. Das Bild zeigt eine verkabelte Dame auf einer altmodischen Liege, und dass es ohne den Titel nicht halb so interessant wäre und auf jeden Fall nicht als bizarr empfunden würde, spielt in Darstellung und Deutung des Werks durch Spies merkwürdigerweise überhaupt keine Rolle. Dabei sollte ein provozierender Titel auch später zur künstlerischen Strategie Max Ernsts gehören.

 

Die Vorlage für das Bild fand Ernst wahrscheinlich in einem Prospekt, der für Diathermie warb. Das ist eine therapeutische Methode, die mit der Hilfe von Elektrizität Wärme im Inneren eines Körpers erzeugt, aber natürlich nicht der Produktion von Leim dienen soll. Was wenig später durch die Kombination von Bildern aus den verschiedensten Bereichen erreicht wird, wird hier durch die Sprache provoziert: die Begegnung nicht zusammengehöriger Dinge und Bereiche. Bereits dieses Bild ist insofern typisch für die Kunst Max Ernsts, als es durch die Zusammenstellung von Gegenständen oder Bildern eine Fremdheit und Schönheit anderer, eben surrealer Art evoziert.

 

Worauf Spies bestenfalls beiläufig eingeht, ist der Zynismus, der sich im Titel ausspricht – schließlich soll ein Mensch ausgekocht werden, noch dazu ein lebendiger… Der schwarze Humor, der die besten Werke des Surrealismus auszeichnet, spielt eine große Rolle gerade auch im Werk von Max Ernst, und es ist die Frage, ob Spies das Düstere und Schwarze seiner Kunst wirklich ausreichend zur Sprache bringt.

 

Schon oft ist die Kombination des Unvereinbaren in der surrealistischen Kunst mit der Alchemie in Verbindung gebracht worden. Und vielleicht war der Zusammenhang von Alchemie und Kunst nirgendwo enger und befruchtender als im in den Bildern Max Ernsts. Ein eigentlich merkwürdiger Vorgang – erst als man definitiv um das Unhaltbare der alchemistischen Theorien wusste, erst in dem Augenblick, als diese endgültig in den Bereich des Obskuren abgeschoben werden mussten, wandten sich ihnen einige kluge Geister zu, um aus ihren Blüten Honig zu saugen. Aber in diesem Buch spielt die Alchemie, um deren Bedeutung die Kunstgeschichte seit langem weiß, keine Rolle, sondern der Autor geht stattdessen immer wieder auf die Psychoanalyse ein und auf deren von der Physik des 19. Jahrhundert inspirierten mechanistischen Vorstellungen.

 

Bei der „Leimbereitung aus Knochen“ wie auch später in den anderen Kapiteln konzentriert sich Spies ganz darauf, die Zusammenstellung der verschiedenen Teile einer Collage zu beschreiben. Ihn interessiert die Konzeption der Bilder, und so schreibt er über die Thematik, ohne die Vorgänge bei der technischen oder handwerklichen Verarbeitung zu einer Collage oder deren Weiterverarbeitung zu einem Bild mehr als zu streifen. Entsprechend werden unter den zahlreichen Abbildungen des Bandes nur die Titel, das Jahr der Entstehung und die Eigentümer genannt, aber niemals die Technik, ob es sich also ein Gemälde in Öl, um eine Zeichnung oder etwas anderes handelt. Auch wenn eine Collage (ein „Klebebild“ in den Worten Ernsts) die Vorlage für ein gemaltes Bild darstellte, geht Spies auf den Prozess der Verwandlung des Klebebildes in ein gemaltes Bild beiläufig ein (wahrscheinlich verwandte er ein Episkop, also ein Gerät, mit dem man Vorlagen auf Papier oder Leinwand projizieren kann. – Bei dieser Gelegenheit: der Band ist zwar reich bebildert, aber die einzelnen Abbildungen sind nicht eben hochwertig, sondern können nur der Illustration der Ausführungen des Autors dienen.

 

Max Ernst 1909 Bruehl GemeinfreiDie erste These bezieht sich also auf die Bedeutung der Collage und kann überzeugend belegt werden. Die zweite besagt, dass der Künstler zu „einer grundsätzlichen Störung der Malerei“ (14) gelangen wollte, die der bereits einige Zeit zuvor von Marcel Duchamp ausgegangenen gleichwertig sei – natürlich in „Fountain“ (1917). Ernst ging es aber wohl weniger um einen finanziell enorm lukrativen Skandal als vielmehr um schwer oder überhaupt nicht zu deutende Kunstwerke, um die „Anfertigung unerklärlicher, technisch jedoch absolut plausibler Bilder“ (60), und wenn man Spies trauen darf, dann stand Ernst selbst „ratlos vor der knirschenden Mischung aus Perfektion und Unerklärlichkeit, die er hervorbrachte.“ (72)

 

Ein dritter wichtiger Aspekt ist die Bedeutung der Epiphanie als einem blitzartigen Aufleuchten der Wahrheit oder dem plötzlichen Aufscheinen einer Transzendenz, also im Grunde einem religiösen Erlebnis. Wahrscheinlich ist es typisch für das 20. Jahrhundert, von einer „Indienststellung der Epiphanie“ (19) zu sprechen, als ließe sie sich provozieren, um die Arbeit eines Künstlers zu inspirieren oder zu initiieren. Schließlich versuchen es Künstler zwar nicht erst in unserem Jahrhundert, aber doch in unserer Zeit besonders, mit der Hilfe von Drogen, der Provokation von Träumen oder mit anderen Techniken sich künstlich zu inspirieren. Spies erkennt in der Epiphanie den Ursprung einer spezifisch surrealistischen Schönheit („die surrealistische, blitzartig aufscheinende Schönheit“) (154).

 

Spies ist (oder war) Journalist, Hochschullehrer in Düsseldorf und vorher Museumsmann, unter anderem als Direktor des Centre Pompidou, und kann, woraus er kein Geheimnis macht, auf eine enge freundschaftliche Verbindung mit Max Ernst während dessen letzten Lebensjahrzehnts verweisen. Über die Collagetechnik Max Ernsts, einem der zentralen Themen dieses Buches, wurde er promoviert; aber mit Max Ernst verbindet ihn auch ein Skandal, denn er hatte einigen Fälschungen, an deren Verkaufserlösen er beteiligt worden war, ihre Echtheit bescheinigt. Es klingt deshalb etwas eigenartig, wenn er von den Collagen Max Ernsts sagt, sie seien dank dessen eigenwilligen Techniken „unverwechselbar als Werke Max Ernsts“ (54) zu erkennen.

 

Es ist kein schlechtes Buch, aber weder sind seine Thesen aufregend neu, noch nähert es sich dem Werk eines großen Künstlers aus so verschiedenen Richtungen, wie es das tun sollte. Insgesamt ist es vor allem Lesern zu empfehlen, die sich ein erstes Mal mit dem Werk Max Ernsts beschäftigen möchten.


Werner Spies: „Max Ernst und die Geburt des Surrealismus“

Hardcover, E-Book; 219 Seiten

Verlag C.H. Beck

ISBN: 978-3406735219

- Weitere Informationen (Verlagsseite)

- Leseprobe

 

Homepage des Max Ernst-Museums in Brühl

 

 

Abbildungsnachweis: Max Ernst im Schlosspark von Brühl im Jahr 1909. Fotograf unbekannt, Angabe: gemeinfrei

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