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Hamburger Architektur Sommer 2019

Reisen
Der oeffentliche Raum und seine Nutzungen Plaetze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien

Wie sieht es in anderen Ländern mit dem öffentlichen Raum aus? Bei uns gibt es ihn kaum noch, denn jeder freie Quadratmeter wird dem Auto gewidmet. Können wir von anderen Ländern lernen? Von Argentinien zum Beispiel?
Wenn ich etwas in Deutschland vermisse, dann ist das ein öffentlicher Raum, in dem man einander treffen und sich zwanglos unterhalten kann. In meiner Vorstadt begegnet mir kaum noch jemand, der irgendwohin geht – sie fahren allenfalls an mir vorbei und grüßen durch die Windschutzscheibe –, in der Stadt übertönt der Lärm der Autos jeden Gesprächsversuch, und wenn sich irgendwo ein freier Raum auftut, dann wird aus ihm ein Parkplatz gemacht. Sieht es in anderen Ländern besser aus? Vielleicht im argentinischen Catamarca?

Catamarca liegt im Nordwesten von Argentinien, dort, wo es allmählich etwas bergiger wird – die eigentlichen Anden sind zwar noch ein Stück weit entfernt, aber bereits hier sind viele Berge mehr als doppelt so hoch wie unsere Zugspitze. Catamarca ist eine Provinzstadt mit einer Universität und zeichnet sich durch eigentlich gar nichts aus, wenn man einmal von einer Marienerscheinung in den Jahren 1618 und 1618 in einer Grotte absieht, die bis heute die Massen anzieht. Das Bild der „Virgen de Valle“ findet sich überall in Catamarca, als kitschiges Andenken auf einer Kommode, am Straßenrand oder als gerahmtes Andachtsbild. Von dem Dach der Kathedrale herunter schaut allerdings nur die Jungfrau Maria, geschmückt mit der argentinischen Banderole.

In Argentinien sind die Entfernungen etwas größer als bei uns; bei der Anreise liegen zwischen der letzten Station vor Catamarca, der Millionenstadt Cordoba, und dem Ziel immer noch 460 km. Man nimmt für die Reise den Bus – man muss ihn nehmen, denn die Eisenbahn wurde abgewrackt, und erst zuletzt wurde der Bahnhof in ein Verwaltungsgebäude umgewandelt. Die Bahn wird es also für die nächsten Jahrzehnte und vielleicht für immer nicht mehr geben. Deshalb der klimatisierte und auch sonst bequeme Bus, der um Mitternacht auf dem riesigen Terminal startet, dem Busbahnhof, zusammen mit vielen anderen Bussen. Der Lärm der laufenden Motoren, die Auspuffgase und das Gewimmel der Menschen lassen einen Mitteleuropäer kaum zur Besinnung kommen; aber dann sitzt man endlich doch im richtigen Bus und rollt durch die Nacht.

Die Fahrt von Cordoba nach Catamarca durch eine menschenleere und entsprechend stockfinstere, gelegentlich von Bergen begleitete Ebene dauert viele Stunden und ist so kalkuliert, dass man frühmorgens eintrifft. Irgendwann sehe ich schlaftrunken, wie der Bus eine schnurgerade, von einstöckigen ärmlichen Häusern gesäumte Straße entlangfährt. Gleich also sind wir da… In einigen Wohnungen brennt schon Licht, und manchmal kann ich in die Flure schauen und sehe jemanden am Herd stehen oder am Tisch sitzen und seinen Morgen-Mate-Tee trinken. Alles wirkt unendlich ruhig; die Straße glänzt bläulich im Schein der Laternen, und im Bus räkeln sich die ersten Fahrgäste. Dann flammt das grelle Licht auf, und nur Augenblicke später biegt der Bus in den Terminal ein, um sich dort seine Haltebucht zu suchen.

Die Fahrt mit dem Taxi ist in dieselbe Stimmung getaucht; noch sind die Straßen ganz frei und still, das Licht ist bläulich, und die Welt sieht auf den ersten Blick ungefähr so wie vor fünfzig oder mehr Jahren aus: vor allem ruhig. Die Menschen gehen spät schlafen und stehen entsprechend auf – so ist Catamarca noch in nächtliche Stille gebettet, wenn ich um sechs eintreffe.

Aber zwei, drei Stunden später? Dann fließt der Verkehr; nein, er fließt ja gar nicht, sondern steht und bewegt sich nur manchmal fort. Fast alle Straßen in Catamarca sind Einbahnstraßen – immer abwechselnd in die eine und die andere Richtung –, und auf allen stehen Autos, hupen und kommen nicht vorwärts. Argentinische Autofahrer hassen aber nicht, wie die deutschen, die Radfahrer, sondern die Moped- und Rollerfahrer, die, den Helm oben auf der Stirn, wo er sie sicherlich nicht beschützt, sich an ihnen vorbeischlängeln. Manchmal auch sieht man einen dieser Fahrer auf der Straße liegen, um ihn verteilt die Plastikteile seines Gefährts und Scherben. Und nicht selten ist er tot.

Der Verkehr in Catamarca ist noch schlimmer als hierzulande, und er bestimmt nicht allein das ganze städtische Leben, sondern hat es auch zerstört. Das Ganze? Nein, denn es gibt noch Plätze, um die der Verkehr herumgeleitet wird, und auf diese Inseln konzentriert sich das öffentliche Leben, allein dort ist man sicher, kann stehenbleiben und sich in Ruhe unterhalten. Aber sobald man den Platz verlässt und die Straßen entlanggeht… Die Fußwege sind viel zu schmal und oft sogar zugewachsen, gelegentlich mit dornigen Pflanzen, und das Überqueren der Straßen ist für alte oder gehbehinderte Menschen fast unmöglich. Wenn ein Auto anhält – das kommt vor, wenn auch extrem selten –, dann meint ein anderer Fahrer vorbeisausen zu müssen; und meist ist es ein Roller.

Für mich bedeutet Spazierengehen, dass man entweder gedankenverloren vor sich hin latscht oder aber sich entspannt umsieht und an Gärten oder schönen Häusern erfreut. Aber nicht in Catamarca! Das eine ist so unmöglich wie das andere. Man tut gut daran, nicht zu schnell zu gehen und abwechselnd auf seine Füße – Vorsicht, Stolperfallen! – und auf seinen Kopf zu achten; und so schaut man sich eigentlich kaum jemals so um, wie man das doch immer tun sollte. Ich bin jedes Mal derart auf mein unfallfreies Vorwärtskommen fixiert, dass ich den halb verhungerten Straßenköter auf meinem Weg erst im letzten Augenblick erkenne.

Wenn mir etwas gefällt in Catamarca, so sind es die öffentlichen Plätze – zunächst, weil sie oft schön sind, dann, weil sie funktionieren, also angenommen werden. Eine Voraussetzung dafür ist, dass man sie als Inseln erkennen kann. In Lübeck lässt man den Koberg, der ein wunderschöner Platz sein könnte, übergangslos in die Straße übergehen, weil man ihre Einheit nicht zerstören wollte. Die Folge ist seine Verlassenheit, denn niemand fühlt sich auf ihm sicher. Straße und Platz haben dasselbe Niveau, das ist es. In Catamarca dagegen führen einige Treppen zum Platz hinauf, und sein Rand ist noch zusätzlich bepflanzt – dort weiß man sich vom Verkehr zwar umgeben, aber auch vor ihm beschützt.

Es gibt noch eine zweite Banalität: Man muss Sitzgelegenheiten schaffen, am besten so, dass man auf etwas Nettes blickt, zum Beispiel auf einen Brunnen. Auf dem Koberg gab es für einige wenige Monate einen Brunnen, von einem Künstler konzipiert und ein wenig beleuchtet; aber er war so wenig beleuchtet, dass ein LKW aus Versehen auf ihm abgestellt werden konnte. Und schon hatte es sich ausgeleuchtet. Was auf dem Koberg fehlt, ist ein richtiger altmodischer Brunnen, an dessen Rand man sich niederlassen möchte. In Catamarca gibt es ihn.

Zu einem guten Teil ist die Lebhaftigkeit der Plätze in Catamarca wahrscheinlich dem mediterranen Erbe geschuldet – der Südländer an und für sich ist ein soziales Wesen –, aber darüberhinaus ist es zunächst das Verdienst eines einzelnen Mannes, des Architekten Luis Caravati (1821 – 1901). Im lombardischen Cazzone geboren, studierte Caravati wahrscheinlich in Mailand, bevor er in den fünfziger Jahren nach Südamerika auswanderte und 1857 in Catamarca eintraf.

Kaum in Catamarca, durfte er für ein neues Wasserreservoir ein Gebäude errichten, das heute zu den Monumenten der Stadt zählt, die wirklich jeder kennt, auch wenn sich sein Sinn heute kaum noch jemandem erschließt. Es ist ein merkwürdiges Tempelchen, das er in die Mitte des Platzes La Alameda stellte. Ursprünglich stand es in einem flachen Teich und spiegelte sich in diesem sehr hübsch. Dann aber wurde das Wasserreservoir für viele Jahre aufgegeben, wahrscheinlich wegen des Dengue-Fiebers. Diese sehr gefährliche Krankheit wird durch Mücken übertragen, die im ruhigen Wasser ihre Larven ausbrüten – ein stilles Reservoir muss also eine regelrechte Brutstätte sein. In den letzten Jahren hat man, als der Platz gründlich überarbeitet wurde, trotzdem das Wasser wieder neu angelegt – vielleicht, weil man mit Gift die Mücken bekämpft. Ich weiß es nicht.

Lange also gab es auf La Alameda kein Wasser, aber es fanden sich viele versteckte Plätze, und auch deshalb gab es einen lebhaften Drogenhandel. Nicht schön angesichts der Schule gleich nebenan. Es ist sehr lehrreich, wie man die Situation wieder verbesserte: nämlich einerseits mit einem Karussell, auf dem glückliche Kinder in der Runde fahren, mit der sehr arbeitsaufwendigen Pflege der Pflanzen, vor allem aber mit einem gleichmäßigen Niveau. Die Eltern behalten ihre Kinder im Blick, und weil man sich nicht mehr verstecken kann, haben sich die Drogenhändler dorthin verzogen, wo sie weniger gut zu sehen sind.

La Alameda war für Caravati nur der Auftakt. Er durfte viel für die Kirche bauen, vor allem die Kathedrale, und an ihrer Seite noch dazu den Palast der Stadtregierung errichten; beides befindet sich am Hauptplatz der Stadt, an der Plaza de 25 mayo. Und dieser Platz, den ebenfalls Caravati angelegt hat, ist nun allerdings ein Meisterwerk. Auf seinen verschiedenen Ebenen wachsen mächtige, schöne und gepflegte Bäume, durch deren Kronen hindurch und an deren Stämmen vorbei man immer wieder wechselnde Blicke auf Kirche und Casa de Gobierno werfen kann. Und natürlich finden sich auch allerlei Denkmäler und ein Brunnen. An jedem Tag ist mindestens ein halbes Dutzend Gärtner mit der Pflege der Pflanzen beschäftigt – schon deshalb wäre dieser Platz in Deutschland gar nicht denkbar, denn niemand wollte oder könnte so viel Geld für seine Pflege ausgeben. Zusätzlich sitzen Polizisten auf kleinen Türmchen („puestos preventivos“), die ein wenig an die DLRG-Türme auf dem Ostseestrand erinnern, und passen auf, dass nichts passiert. Denn ein Paradies ist Argentinien leider nicht.

Die Attraktivität dieses Platzes hat vor allem mit seinen vielen Ebenen zu tun. Während La Alameda durch das gleichmäßige Niveau sich wieder dem bürgerlichen Publikum öffnete, sind es ganz im Gegenteil die flachen Treppen, die das Zentrum der Stadt so anziehend machen. Kein Weg führt einfach so geradeaus, überall stehen Bänke herum, auch am Rand des Brunnens kann man sitzen – so ist alles dafür hergerichtet, dass dieser Platz belebt ist. Und natürlich ist er deutlich von der Straße und dem um ihn herumführenden Verkehr geschieden – mit der Hilfe von teils sehr großen und sehr alten Pflanzen und dank seines erhöhten Niveaus. Auf dem Lübecker Koberg dagegen sollen kleine hässliche Betonquader die Autos fernhalten und dazu ein gewisses Gefühl der Sicherheit vermitteln. Aber jeder kann sehen, dass das nicht funktioniert, denn Leute sieht man trotzdem nicht auf seiner grauen leeren Fläche.

Das Zusammenspiel von Architektur und Gärten war für Caravati ein zentrales Moment seiner Arbeit, er wollte unbedingt grüne Räume – selbst die Patios seiner Schulen sind bepflanzt –, und ganz offensichtlich besaß er dafür ein besonderes Geschick. Zu jeder Tageszeit wimmelt dieser Platz von Menschen, am Morgen ebenso wie am Abend, ja sogar in der Nacht, wenn die Gottesmutter auf ihn herabschaut, und erscheint so als ein wirkliches Zentrum der Stadt. An ihm bewahrheitet sich das Wort José Ortega y Gassets, der gesagt hat, die mediterrane Stadt beginne „als Hohlraum, als Marktplatz, forum, agora, und alles weitere ist Vorwand, um dieses Hohl zu sichern, seinen Umriss abzustecken“. Für Catamarca gilt dies ganz unbedingt, und so präsentiert die Stadt wenigstens in diesem Punkt ein Stückchen mediterraner Lebensart in Argentinien. Wir sollten uns ein wenig davon abschauen…


San Fernando del Valle de Catamarca

Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Headerfoto: Stefan Sauzuk. Quelle: Wikipedia
Galerie:
01. La Allameda, nächtliche Nutzung. Foto: Stefan Sauzuk. Quelle: Argentinien Tourismus
02. La Allameda. Foto: Stefan Diebitz
03. Virgen de Valle. Foto: Stefan Diebitz
04. Plaza de 25 mayo. Foto: Stefan Diebitz
05. und 06. Zum Vergleich: Der Koberg, Lübeck. Fotos: Stefan Diebitz
07. Die Catedral Basílica de Nuestra Señora del Valle vom Paza de 25 mayo aus gesehen. Foto: Stefan Diebitz
08. Das Tempelchen um Zustand vor der Restaurieung am Plaza alla Allemeda. Foto: Stefan Diebitz

Weitere Fotos zu Plätzen in San Fernando del Valle de Catamarca

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