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Für diejenigen, die Martin Kohlstedts Arbeit verfolgt haben, wird das neue Album „Flur“ ein Bruchpunkt sein.

Alle Strukturen, die er im Laufe der Jahre gebaut und verfeinert hat – avantgardistische Arrangements und komplexe experimentelle Systeme – sind außer Kraft gesetzt. Was jedoch übrig bleibt, ist von grundlegender Bedeutung: „Flur“, das zwar seinen ersten Soloklavieralben „Tag“ und „Nacht“ nahekommt, jedoch in der Konsequenz keine Rückkehr zu seinen Wurzeln bedeutet. Mit dem Album hat der Musiker ein neues Vokabular benutzt und einen fruchtbaren Boden geschaffen, um etwas Neues aufzubauen. „Dies ist der Anfang von etwas für mich“, sagt Martin Kohlstedt.

 

Ein stiller Raum, voller Möglichkeiten. Das Innehalten, das Unbekannte, der Moment vor der Entscheidung, welche Tür geöffnet wird. Martin Kohlstedt traut sich nach Alben, die den Diskurs mit Elektronika und Chören als Gegenüber suchten eine Neubesinnung auf den Kern. Und legt mit „Flur“ ein Album vor, dass sich primär mit dem Instrument Piano auseinandersetzt. Doch das Klavier ist nicht vollkommen allein zu vernehmen. Kohlstedt wohnt zwar quasi in ihm, nahm das Album zurückgezogen in seiner Dachgeschosswohnung auf, mit Blick auf Weimar, aber mit all den Vögeln, Winden, Regentropfen, dem Licht, mit der Geometrie und Tiefe, die diese Tage begleiteten und sich nun auf „Flur“ selbst finden.

 

Und so ist das, was sich da an Leben und Leuchten um die Stücke versammelt Teil des Bildes. Eines komplett neuen Bildes. Zwar zieht sich weiterhin das modulare Komponieren durch das Schaffen, auch die Stücke von „Flur“ sind Momentaufnahmen von Werken mit Eigenleben, die stetig neu verhandelt und mit kryptischen Kombinationen aus drei Buchstaben versehen werden. Doch Kohlstedt legt hier nicht nur neue Grundmodule vor, er schafft es dem tausendfach erprobten Konzept des Klavieralbums Dimensionen hinzuzufügen. Das Instrument auf einer Lichtung und der Wald drum herum, als natürlicher Resonanzraum. Echtes Leben, das zwingend Teil des Ganzen ist. Kein Ton ohne Kontext.

 

Martin Kohlstedt Flur COVER„Lichtung” ist darüberhinaus der Titel des Gemäldes des in Bergisch Gladbach geboreren und in Leipzig lebenden Malers David Schnell, das Martin Kohlstedt sah und sofort wusste, dass er sein Albumcover gefunden hatte, ohne danach lange suchen zu müssen. Weil Schnells Werk dies in Form fasst, was „Flur“ für Kohlstedt ist: Ein Raum ohne Zeit. Ein Raum der Durchquerung, des kurzen Zwischenaufenthalts und der vielen Türen. Und so ist dieses Album auch ein bewusstes Statement: für das Klavier als Protagonist. Für den Verzicht auf Filter. Für Empathie, für Nähe, das Intuitive. Dafür die Türen zu öffnen.

 

Von den zehn „Flur“-Stücken sind fünf beispielhaft in der Albumreihenfolge vorgestellt:

 

LUN
Das Album beginnt mit einem Gute-Nacht-Lied. Jedenfalls war es als solches gedacht. Martin Kohlstedt nahm nur diese eine Version auf und nun eröffnet und färbt die einzige Aufnahme, die es von LUN gibt ein ganzes Album. Denn LUN läd all die Vögel ein, den Regen, den Wind und all das Leben & Leuchten, das dieses Klavieralbum zu einem besonderen Klavieralbum macht.

 

QUO
Auf jedem Martin Kohlstedt Album gibt es ein QUO: Ein bescheidenes, fast schon demütig introvertiertes Stück, das dennoch kurz zu träumen wagt und sich dann wieder in sich zurückzieht, beobachtet, einfach da ist.

 

PAN
Kaum ein Stück auf „Flur“steht so sehr für dieses Album wie PAN. Es wird zum Schlüsselmoment, weil die Ruhe, die Schönheit und das Innehalten von PAN zum Assoziationsraum Wald werden, der das Album ausmacht. Weil es gar nicht so sehr um den Schritt selbst geht, sondern um den Moment davor.

 

XEO
Im Rückblick spricht Martin Kohlstedt über XEO als der ersten bewussten Entscheidung während der Aufnahmen zu „Flur“: Die klare Architektur des Stückes im Verlauf in fließendes Licht zu transformieren, ganz bewusst und mit Sicherheit eine Tür zu öffnen und hindurchzugehen, alle anderen Optionen aufzugeben. Und eben nicht zum Beginn des Stückes zurückzukehren, sondern der Neugierde Raum zu geben.

 

JUL
JUL begleitet Martin Kohlstedt seit vielen Jahren, kam immer wieder zum Vorschein, wenn sich Dinge grundlegend veränderten und nach Aufbruch anfühlten, fand aber nie eine Form. Aber das Album schafft es den notwendigen Kontext – das Habitat, den Wald – für JUL zu bieten und so wird das Stück zur Lichtung, zum Aufbruch.

 

Martin Kohlstedt lebt und arbeitet in Weimar. Seine bisherigen Alben TAG, NACHT, STROM, STRÖME und deren Begleiter in Form von Reworks erhielten internationale Anerkennung und führten den Komponisten und Pianisten auf Konzertreisen in der ganzen Welt.
Kohlstedt bezeichnet seine Art des Arbeitens als modulares Komponieren, die Stücke sind ständig in Bewegung und folgen auch im Konzert keiner festgelegten Form. Improvisation ist zwingend Teil des Schaffens des 1988 geborenen Musikers, ebenso wie Augenhöhe mit dem Publikum, der Mut zu Scheitern und die Interaktion mit Raum, Menschen und Kontext.

Neben eigenen Stücken schreibt Kohlstedt Soundtracks für Filme, Theaterstücke, Podcasts und Hörspiele, führt sein eigenes Label und versucht sein Wirken mit Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein in Einklang zu bringen.


Martin Kohlstedt: „Flur“

Martin Kohlstedt, Piano
Label: Warner Classics
LP, CD, digital
EAN: 0190295180744

VÖ: 27.11.2020

 

Weitere Informationen

Hörproben

 

YouTube-Videos:

- Martin Kohlstedt - PAN (live from his balcony, 4:05)

- Martin Kohlstedt - XEO (live from the North Sea, 4:28)

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