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Nachtschicht für Engel - Weihnachtsgeschichten von Dagmar Seifert

Man muss dem Langen-Müller-Verlag bescheinigen, dass die Ausstattung dieses Buches einfach gelungen ist. Klein und schmal, passt es in eine Wintermanteltasche: sehr zweckmäßig, da es sich bestens als Mitbringsel der Adventszeit ‚statt Blumen‘ empfiehlt.
Gehalten ist der Titel in den durchaus zum Thema passenden Farben Schneeweiß (der Hintergrund) Weihnachtsmannrot und Himmelblau.
Da fährt er, Santa, bequem zurückgelehnt auf seiner Harley, nix mit Rentieren und Schlitten. Das ist zwar die Illustration zu einer der Erzählungen, nämlich der titelgebenden, ‚Nachtschicht für Engel‘, doch es umreißt auch, wie Dagmar Seifert in diesem Buch Zimt- und Pfefferkuchenduft mit Kettenfettgeruch mischt. Im Übrigen handelt es sich in der speziellen Geschichte tatsächlich bei dem Motorradfahrer keineswegs um einen Weihnachtsmann, sondern um einen Altrocker. Aber das tut nichts, die Stilisierung des Graphikers passt sehr gut.

Acht Geschichten beinhaltet das Bändchen. Christliche? Bedingt.

Jesus taucht auf, wenn auch nur als Krippenfigur, aber bereits dieses Stückchen Holz bewirkt Gutes für eine Familie mit gescheiten und selbstbewussten Kindern, etwas hilfloseren Eltern, dem arroganten Liebhaber der Mutter und einer patenten Omi:
„Fröhliche Weihnachten, Pappi!“ Pavel guckte stolz zu, wie sein Vater eins der Päckchen aus der Tüte angelte und auspackte. „Das ist von mir. Das hab ich für dich bestellt, aus einem Sex-Versandhaus!“ Pappi traute sich nicht, es weiter auszuwickeln. „Du hast das aus einem… -?“ Sein Sohn nickte begeistert. „Es ist ein Männer-Parfum. Macht un-wi-der-stehlich! Wie Magie!“

In einer Autobahnkapelle wird, am Heiligen Abend, gebetet und in ein Fürbittenbuch geschrieben. Das klingt weihnachtlich.
Allerdings beten und bitten da eine hochschwangeren Punkerin und ein irrer Mörder, der bereits plant, die junge Frau umzulegen.
Das klingt eher gruselig und könnte fürchterlich enden –wenn die Engel nicht, gottseidank, zuverlässig Nachtschicht schieben würden. Und besagten Altrocker auf seiner Harley in die Schlacht schicken:
Bertie wollte nach Bookstedt fahren, um einem anderen ehemaligen Rocker, der schwer krank war, die Feiertage mit seiner Gegenwart und seinen beträchtlichen Kochkünsten zu verschönen. Im Rucksack trug er eine kleine Gans und verschiedene Zutaten, im Herzen Weihnachtsstimmung. Während er mit flatterndem Bart über die Landstraße düste, brummelte er das Lied von Rudolf, dem rotnasigen Rentier vor sich hin.

Interessanterweise – da die Autorin bekanntlich ausgesprochen weiblich ist – wird trotzdem keins ihrer Stückchen aus weiblicher Sicht geschildert.
Vielleicht abgesehen von ‚Peter, der Weihnachtskater‘, als einziges in der Ich-Form erzählt. Da handelt es sich um ein kleines Mädchen und überhaupt klingt alles recht autobiographisch. Ein hässlicher, narbenbedeckter alter Kater wird von dem (Einzel-) Kind, das sich nach einem Haustier sehnt und keine Freunde besitzt, fast mit Gewalt mit nach Hause geschleppt. Peter, der Weihnachtskater, will weder schmusen noch spielen, frisst nur den Kühlschrank leer, taucht auf oder verschwindet nach Belieben wieder und verwüstet die festlich geschmückte Wohnung zur Verzweiflung der Eltern. Dieses Tier schnurrt nicht, es faucht, und natürlich kratzt es. So etwas ist erst in der Erinnerung lustig:
‚Der Nachbar hatte Peter mit kaltem Wasser übergossen. „Dieser Rohling - bei dem Frost!“ hat meine Mutter gesagt. Mein Vater hat versucht, Peter mit einem Handtuch abzurubbeln. Die Narben auf seinen Händen konnte er zwanzig Jahre später noch zeigen, wenn er die Geschichte erzählte. Er wurde sehr böse und ging ins Bett. Meine Mutter und ich haben Peter dann vorne gefüttert und hinten vorsichtig abgetrocknet…‘

Eine sehr besinnliche Geschichte beschreibt zwei alte Menschen, die in der winterlichen Dämmerung in einem Altersheim Geschenke tauschen und sich gemeinsam ausmalen, wie es gewesen wäre, wenn sie sich nicht vor vielen Jahrzehnten getrennt, sondern ihr Leben miteinander verbracht hätten:
„Also, wir sind uns natürlich wieder begegnet, nicht wahr? Als du dein Studium abgeschlossen hattest. In diesem – in diesem Restaurant.“ „Ach, das war ein Restaurant?“ „Aber ja. Ein Griechisches. Irgendwas mit Oliven. Oder nein, warte – ich glaube, das war überhaupt im Urlaub, auf Griechenland. Ja, natürlich. Es war heiß und ich trug das weiße Kleid mit den Rüschen auf den Schultern, erinnerst du dich?“

Ein alleinstehender Lehrer mit dem Spitznamen ‚Sammler‘ findet zum Fest eine Art Familie aus unterschiedlichen Einzelstücken, durchaus unfreiwillig, aber sehr willkommen und beglückend, nachdem er anfangs recht einsam war:
„Hier ist Hoa!“ – und Frau Nguyen zeigte auf einen sehr kleinen Gegenstand im Treppenhaus, da, wo es dunkler war. Folker kniff die Augen zusammen und erkannte ein Kind mit schwarzer Pagenfrisur in einer gelben Daunenjacke. Es hielt sich mit beiden Händen die Augen zu, vielleicht in der Hoffnung, so nicht gesehen zu werden. „Hoa?“ wiederholte er verständnislos. Daraufhin drehte das Kind sich um und zeigte ihm den Rücken. „Hoa ist Tochter. Sie verbleibt hier, bitte. Ich muss weg…“ erklärte Frau Nguyen. Dabei verzerrte sie ihr sonst so harmonisch-unbewegliches goldbraunes Gesicht und hielt sich mit beiden Händen den Bauch fest. „Universitätshaus Eppendorf. Aua. Blinder Darm!“, fügte sie hinzu.

Ein junger Mann plant ein recht hässliches Verbrechen, um seiner Freundin mehr Luxus zu bieten; er will einen kleinen Jungen entführen, das Kind reicher Eltern, die gerade auf die Festtage hin emotional leicht weichgekocht werden müssten. Wahrscheinlich liegt es auch hier wieder an den allgegenwärtigen Weihnachtsengeln, dass alles gut ausgeht. Jedenfalls bemüht der Kidnapper sich, das Kind bei Laune zu halten:
Sie nahmen ein Taxi zum Gerhard-Hauptmann-Platz und das Entführungsopfer futterte sich durch Currywurst, Liebesäpfel, Kokosnuss, Zuckerwatte, heiße Maronen – „Hier, nimm mal, die mag ich nicht, iss du die mal auf…“ – Fischbrötchen und noch mehr Zuckerwatte. Dann war ihm übel.

Verschiedene Menschen gehen am 24. Dezember in ein Hamburger Theater, um eine Komödie zu genießen – beziehungsweise einer von ihnen, um eine Höllenmaschine hochgehen zu lassen:
Jochen hatte seine Bomben selbst gebaut. Technik war nicht unbedingt seine Stärke, weder Chemie noch Physik gehörten je zu seinen Lieblingsfächern. Aber die Anleitungen zu den Zerstörungsmaschinen gab es im Internet und es klang so einfach wie ein Kochrezept. An die verschiedenen Zutaten gelangte man ganz leicht, sie kosteten nicht einmal besonders viel.
Wer sorgt hier einmal mehr dafür, dass nichts Schlimmes passiert? Zwar werden sie nicht extra erwähnt, aber es müssen doch die unermüdlichen Engel sein. So steht der Titel des Buches für nahezu alle Geschichten.

Nur in der letzten Erzählung halten die geflügelten Himmelsboten sich zurück, da verhindern sie ganz und gar nicht, dass ein fröhlicher, dicker Weihnachtsmann – ein anderer dieses Jahr – so kriminell wie möglich agiert und eine Familie nach Strich und Faden ausräubert. Sie werden ihre Gründe haben, die Engel:
Nun wurden die Kinder ins Zimmer geschoben. Die beiden Älteren litten an bedenklichem Übergewicht, dem Jungen wuchsen bald die Augen zu. Das kleinste Kind kam nach seiner Mutter, mager und dürftig, mit fusselig-dünnem Haar. Die Erwachsenen nahmen auf Sesseln und Sofa Platz und beobachteten den fülligen Mann mit dem weißen Bart. „Guten Abend, liebe Kinder. Wer ich bin, wisst ihr doch wohl?“ „Irgend ’n Rentner von der Weihnachtsmann-Agentur“, rief Guido und blinzelte schlau. Der Weihnachtsmann lächelte. „Was für ein Irrtum, mein Junge.“


Schauplatz aller Erzählungen ist entweder Hamburg oder die Umgebung dieser Stadt, der Michel spielt sogar zweimal eine Rolle. Und wer das Glück hat, in dieser Gegend zu wohnen, der bekommt am 8. Dezember um 19.30 Gelegenheit, die Autorin selbst aus ihrem Buch lesen zu hören, im Logensaal der Hamburger Kammerspiele in der Hartungstraße.

Dagmar Seifert: Nachschicht für Engel

Weihnachtsgeschichten
ISBN 978-3-7844-3279-3



Abbildungsnachweis:
Buchumschlagsmotiv.

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