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Zu den allerersten Anfängen der Philosophie führt uns ein Band des renommierten Marburger Philosophen Arbogast Schmitt, in dem er den Leser mit dem Gedicht des Parmenides bekannt macht.

 

Das Buch ist das erste einer dreiteiligen Reihe über die „Ontologie der Antike“, deren nächsten beiden Bände sich mit den Konzepten von Platon und Aristoteles beschäftigen werden. Während diese beiden etwas jüngeren Philosophen umfangreiche Werke hinterlassen haben, kennen wir von Parmenides allein sein Lehrgedicht „Über die Natur“, das uns in Fragmenten durch verschiedene antike Philosophen überliefert wurde – ein sowohl sprachlich als auch inhaltlich extrem schwieriger, vielfach kommentierter Text. Und ein extrem folgenreiches Werk, denn Parmenides war, wie sich Karl Vorländer ausdrückte, der „Bahnbrecher der Ontologie“ als dem Teilgebiet der Metaphysik, das sich mit den Grundstrukturen der Wirklichkeit befasst.

 

Schmitt bietet nicht allein eine Übersetzung, sondern auch einen dem Gedankengang Punkt für Punkt folgenden Kommentar, in dem er immer wieder auf die Rezeption des Gedichtes im Werk von Platon und Aristoteles und dazu neuzeitlicher Philosophen eingeht. Für Schmitt wie für Vorländer und noch andere Historiker der Philosophie war Parmenides der erste Philosoph, denn erst mit ihm, schreibt Hegel, habe „das eigentliche Philosophieren angefangen; die Erhebung in das Reich des Ideellen ist hierin zu sehen.“ Gottfried Martin (und mit ihm viele andere) sehen in Parmenides den Gegenspieler zu Heraklit; während dieser lehrte, „daß Alles in beständiger Bewegung begriffen“ sei, lasse Parmenides „nur das reine Sein gelten, und wehrt jede Veränderung, jedes Anderssein, jedes Nicht-Sein von ihm ab.“ Diese sehr konventionelle Deutung spielt in Schmitts Buch keine Rolle.

 

Wie bei anderen Vorsokratikern auch – also bei Heraklit, Pythagoras, Empedokles und anderen – ist es wohl nicht zuletzt die Kürze der Fragmente, die sie so wirkmächtig werden ließ; wären die Lehren dieser Philosophen in ausformulierter Form auf uns gekommen und besäßen sie nicht eben deshalb das Wesen von Rätselworten, hätten die Kommentatoren sich nicht so austoben können. Aber so? Was bedeutet es, wenn wir bei Parmenides finden, „Denken und Sein“ seien dasselbe? In dem vorliegenden Buch heißt die entsprechende Stelle – und das ist natürlich bereits Deutung, nicht allein Übersetzung – „Denken und (Nicht)-Sein“ seien dasselbe, denn für Arbogast Schmitt liegt das Wesen des Denkens im Unterscheiden. In seinem vor drei Jahren erschienenen Buch „Denken ist Unterscheiden“ hat er seine Überlegungen zu diesem Thema näher ausgeführt.

 

ParmenidesLinks: Büste des Parmenides (Replik). Foto: Archiv. Rechts: Details aus Raphael: Die Schule von Athen, 1509, Fresko, Vatikanisches Museum, Rom. (Zuordnung nicht eindeutig: Parmenides (Philosoph, Begründer der Eleatischen Schule) oder Euklid (Mathematiker)

 

Arbogast Schmitt ist ein erfahrener Hochschullehrer – das spürt der Leser dieses auffallend schönen Bandes auf jeder Seite, und eben das macht dieses Buch so lesenswert. In aller Ruhe und ganz systematisch geht der Autor durch das Gedicht. Er beginnt mit dem poetischen „Proömium“, dem Eingang oder der Einleitung, und bespricht dann nacheinander die einzelnen Lehrstücke, oft oder sogar meist, indem er auf die Kommentare und Hinweise späterer Philosophen eingeht. Vor dieser Parmenides-Interpretation steht eine lange Einleitung, in der er die „Schwierigkeiten eines Zugangs zur Ontologie der Antike“ behandelt. Zentral für seine Überlegungen ist der Unterschied zwischen der Antike und der Neuzeit, den er in aller Schärfe herausarbeitet.

 

Schmitt unterscheidet das präsentische Denken der Antike von dem repräsentierenden der Neuzeit. In diesem ist das Bewusstsein auf etwas anderes seiner selbst gerichtet (es ist „intentional“), wogegen in der antiken Vorstellung das Denken „immer ein Etwas zum Inhalt hat“, einfach deshalb, weil es unmöglich gar nichts denken könne. Denn dann wäre es ja kein Denken. Die Reflexion, beschreibt Schmitt das Denken, „weist dann auf, dass die Aufgabe des Denkens in der Ermittlung der Kriterien dessen besteht, was das Etwas, das es denkt, zu einem Etwas macht und wie es diese Kriterien zur Ermittlung dessen, was an möglichen Gegenständen deren jeweiliges Etwas-Sein ist, anwendet.“

 

Auch für Platon und Aristoteles wie für andere antike Denker, so Schmitt, bestehe Denken im „Unterscheiden“, und man darf auf die beiden Folgebände gespannt sein, in denen er seine Interpretationen näher begründet. Zunächst aber stört mich ein wenig die Terminologie – die deutsche, wohlgemerkt, nicht etwa die Übersetzung der griechischen Termini. An Schmitts philologischer Qualifikation wird niemand zweifeln wollen, aber seine philosophische Deutung darf hinterfragt werden.

 

Arbogast Schmitt Denken ist Unterscheiden COVERDer Autor setzt in seiner Darstellung Denken und Erkennen gleich. Ist das wirklich aufrecht zu erhalten? Ist es nicht so, dass das zentrale Moment des Erkennens das Unterscheiden ist, wogegen das Denken aus einem Widerspiel von Unterscheiden und Zusammenfügen besteht? Ich möchte hier gern Immanuel Kant folgen, der in der „Kritik der reinen Vernunft“ (im „Anhang zur transcendentalen Dialektik“) mit dem „Princip der Gleichartigkeit des Mannigfaltigen“ beginnt. Nach ihm müssen wir zuerst das Gemeinsame erkennen, damit wir eine Gattung unter einem Begriff zusammenfassen können. Daraufhin folgt „der Grundsatz der Varietät des Gleichartigen“. Mit der Hilfe eines unterscheidenden Merkmals lässt sich die Spezies (lassen sich die Unterarten) unterscheiden. Und schließlich erkennt Kant eine Verwandtschaft aller Begriffe, welche „einen continuirlichen Übergang von einer Art zu einer anderen durch stufenartiges Wachsthum der Verschiedenheiten“ erlaubt. Das scheint mir das eigentliche Denken zu sein, eine Zusammenschau, die an den Unterschieden und damit am Reichtum der Welt nicht vorbeisieht.

 

So formulierte es zu Beginn des 20. Jahrhunderts in meisterhafter Kürze Paul Natorp, wie Schmitt Professor in Marburg: „Denn Fragen heißt im Denken vereinigen wollen, was sonst auseinanderklaffen würde; es heißt Zusammenhang suchen und fordern, einen Zusammenhang, von dem also stets vorausgesetzt wird, daß er an sich vorhanden sei.“ Für Natorp wäre es sinnlos, vom Zusammenfügen zu sprechen, wenn dem nicht ein Unterscheiden vorausgegangen wäre. Deshalb lautet das Widerspiel – ganz im Sinne Kants – „Sonderung und Vereinigung“, so dass Denken die Summe zweier antagonistischer Bewegungen ist.


Arbogast Schmitt: Ontologie der Antike. Die Frage nach dem Sein bei Parmenides.

Verlag der blaue Reiter 2023

230 Seiten

ISBN: 978-3933722850

Weitere Informationen (Verlag)

Leseprobe

 

Arbogast Schmitt: Denken ist Unterscheiden: Eine Kritik an der Gleichsetzung von Denken und Bewusstsein

(Studien zu Literatur und Erkenntnis, Band 18).

Universitätsverlag Winter 2020

239 Seiten

ISBN 978-3825347116

Weitere Informationen (Verlag)

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