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Eine italienische Philosophin polemisiert gegen staatliche Grenzen

Es scheint keine Frage: Neben der Erderwärmung ist die Migration das derzeit größte Problem der Menschheit.

Es ist eine globale Herausforderung, denn nicht allein aus Afrika strömen die Menschen, und sie wollen auch keineswegs alle nach Europa. Donatella Di Cesare, Professorin für Philosophie in Rom, beschäftigt sich in ihrem Buch „Philosophie der Migration“ mit der Vielfalt der Fragen, die sich an die Problematik von Flucht und Wanderung anschließen. Wie steht es um die Fremden, was hat es mit dem Wohnen auf sich, gibt es einen Anspruch auf Gastfreundschaft?

 

Donatella Di Cesare F Christian Mantuano WikipediaWie viele ihrer Kolleg:innen in Frankreich und anderen romanischen Ländern orientiert sich Di Cesare nicht an der angelsächsischen Philosophie (der analytischen Philosophie), und auch die amerikanische spielt nur eine Nebenrolle und wird oft scharf kritisiert. Stattdessen verweist sie immer wieder auf Hannah Arendt und kennt die Werke Carl Schmitts, sie zeigt sich aber auch als gute Kennerin Immanuel Kants, ist mit Heidegger vertraut und zitiert dazu gern die großen Klassiker der antiken Philosophie. Ihre Kenntnis der Philosophiegeschichte erlaubt es ihr, aus den verschiedensten Winkeln Werke heranzuziehen, und so ist ihr Buch zunächst einmal eines: anregend und interessant.

 

Eine „willkürliche Einzäunung“ nennt Di Cesare staatliche Grenzen – es dürfte nur schwer möglich sein, noch mehr gegen den politischen Mainstream zu verstoßen als mit dieser Bemerkung, die einen zentralen Argumentationsstrang ihres Buchs auf die kürzeste überhaupt nur mögliche Formel bringt. „Kommt den Staaten das Recht zu, den Zugang zu ihrem Territorium nach Belieben zu begrenzen oder zu entsagen?“, fragt sie rhetorisch und verneint entschieden, denn sie glaubt nicht an die Legitimität von Grenzen, also an das Recht staatlicher Institutionen, nach Gutdünken oder Gesetzeslagen Gruppen oder Individuen den Eintritt in ein Land zu verwehren.

 

Den Zoll- und Einwanderungsbeamten auf unzähligen Flugplätzen der Welt, die ja seit neuestem zu den Held:innen von Dokumentationen im Fernsehen aufgestiegen sind, dürfte sie mit solchen Meinungen allerdings nicht kommen, und ein deutscher Philosoph hätte sich an dieser Stelle mit der Argumentation Johann Gottlieb Fichtes auseinandergesetzt, der in seinem politischen Hauptwerk „Der geschloßne Handelsstaat“ (1800) strikt zu beweisen versucht hat, warum Grenzen absolut notwendig sind: Aller „Verkehr mit dem Ausländer“, kann man bei Fichte lesen, „muß den Untertanen verboten sein, und unmöglich gemacht werden.“ Aber Fichte besitzt in europäischer Perspektive nicht die Bedeutung, die Kant oder Hegel ganz fraglos zugestanden wird, und so kommt er in Di Cesares Argumentation nicht vor.

 

Er wäre als Gegner eine Idealbesetzung, denn eine „nationalstaatlich beschränkte Gerechtigkeit“ ist ganz im Gegensatz zu Fichte für die italienische Autorin „nicht mehr denkbar“. Das ist eine ziemlich extreme Position, aber für sie ist Bewegungsfreiheit ein Menschenrecht, und sie lehnt es entschieden ab, dass „Bewegung ein Vergehen“ darstellen soll. Folgerichtig lässt sich Migration für sie keinesfalls auf Flucht reduzieren – ein Recht auf Migration hat also ein jeder, nicht allein die/der Verfolgte, und sie findet das Konzept des Asyls, was nur konsequent ist, schon deshalb fragwürdig.

 

Eigentlich vertritt Di Cesare eine anarchistische Position, wenn sie Grenzen in toto ablehnt. Man kann ein Gegner des Konzepts eines Nationalstaats sein und es für Unsinn halten, dass ein Staat nur einer ausgewählten Ethnie gehört, aber doch trotzdem aus den verschiedensten Gründen an die Notwendigkeit von staatlichen Grenzen glauben. Die Bekämpfung der Kriminalität gehört dazu – wer profitiert mehr von offenen Grenzen als Verbrecher:innen aller Art? –, natürlich auch die Gesundheitsfürsorge, und gewisse Kreise kennen kein anderes mögliches Motiv für eine Einreise nach Deutschland als den Wunsch nach staatlicher Unterstützung. Diese Motivationen aber werden in diesem Buch kaum angesprochen, geschweige denn sorgfältig diskutiert. Denn für Di Cesare sind Grenzen prinzipiell nicht zu vertreten. Eigentlich lehnt sie damit den Staat an sich ab – und so vertritt sie tatsächlich eine anarchistische Lehre.

 

An zwei Stellen versucht sich Di Cesare an einer „Phänomenologie“, also an archetypischen Beschreibungen – einmal an der des Fremden, außerdem an der des Wohnens. In der Beschreibung des Fremden zeigt sie, dass wir alle immer beides sind, Fremde wie Einwohner:innen, und dass unsere Fremdheit je individuell verschieden ist. Mit der Phänomenologie des Wohnens können wir weniger zufrieden sein. Hier schließt sie sich Heidegger an, der sich teils in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“, teils in den Arbeiten der fünfziger Jahre mit dem Wohnen beschäftigte. „Wenn der Fremde immer auch ein Wohnender ist, bleibt der Einwohner auch stets ein Fremder. Wohnen heißt, fremd zu bleiben.“ Di Cesare gefällt sich in derartigen paradoxen Wendungen, aber einerseits verzichtet sie auf eine sorgfältige Deutung des von ihr besprochenen Paragrafen 12 von „Sein und Zeit“, in dem ich die Vokabel „Wohnen“ ohnehin vergeblich suche. Andererseits übersieht sie, von der Freude an der Dialektik des Wohnens hingerissen, einen ganz wesentlichen Aspekt: Wer wohnt, gestaltet und kultiviert seine Umgebung. Damit fehlt in den Überlegungen ihres Buches ein wichtiger Gedanke: Unter Umständen ist Mobilität – ein Oberbegriff zu Migration? – eine fragwürdige Sache, denn der Tourist wie der Migrant sind nicht unbedingt so an der Bewahrung einer kultivierten Welt interessiert wie deren Bewohner.

 

Donatella di Cesare Philosophie der Migration COVERAuf jeden Fall hätte sie ganz unbedingt auf ethnologische und frühgeschichtliche Arbeiten zurückgreifen müssen, in denen das Wohnen und seine Beziehung zur Natur eine große Rolle spielt. Denn der Mensch hat auch schon gewohnt, bevor er Staaten gründete oder sich überhaupt zu organisieren begann. Kann man eigentlich wohnen, ohne Anspruch auf (zumindest temporären) Grundbesitz zu erheben? Wäre es nicht interessant gewesen, einen Blick auf die Auseinandersetzung zwischen sesshaften Bauern und wandernden Viehhirten zu werfen, die über sehr, sehr lange Zeiträume hinweg die Menschheitsgeschichte bestimmt hat und entsprechend von wichtigen Autoren behandelt wurde? Die Position Di Cesares ist auf jeden Fall so extrem, dass sie sich keineswegs in dieser Härte verteidigen lässt.

 

So fällt das Resümee etwas gemischt aus: eine sehr belesene Autorin hat ein in allen seinen Teilen interessantes, aber nicht in jeder Hinsicht verteidigungsfähiges Buch vorgelegt.


Donatella Di Cesare: Philosophie der Migration

Aus dem Italienischen von Daniel Creutz.

Matthes & Seitz 2022

343 Seiten

ISBN 978-3751803175

Weitere Informationen

 

Abbildungsnachweis:
Portrait Donatella di Cesare; Christian Mantuano. CC1.0

Buchumschlag

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