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Was bleibt von einem Menschen nach seinem Tod? Dieser Frage geht der neue Roman von Angelika Klüssendorf nach.

Schon ihre Roman-Trilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“ begeisterte Kritik und Lesepublikum. Das könnte auch ihrem neuen Roman „Vierunddreißigster September“ so ergehen. Das tragikomische Buch stellte die Autorin dem Lübecker Publikum im Rahmen der LiteraTour Nord in der Buchhandlung Hugendubel vor. Die dortigen Zuhörer waren jedenfalls hingerissen. Dies zeigte sich am Applaus und an den interessierten Fragen, die von der Autorin im Anschluss an die Lesung überzeugend wahrhaftig beantwortet wurden.

 

Schauplatz des Romans ist ein Dorf in Ostdeutschland. Hier leben Walter und Hilde seit mehr als vierzig Jahren ehelich unglücklich vereint. Walter ist ein zorniger Mann, von Beruf Brigadeleiter für Forstwirtschaft. In der Silvesternacht wird er von seiner Frau Hilde erschlagen. Kurz vor seinem Tod wird der bis dahin so beständig wütende Walter plötzlich und unerwartet sanft und zugewandt. „Er war ein freundlicher alter Mann geworden“, heißt es im Roman. Warum musste Walter dennoch sterben? Was war der Grund für Hildes Tat? Geschah der Mord aus Hass oder aus Barmherzigkeit? Das fragt sich auch Walter, der nach seinem plötzlichen Ableben auf dem örtlichen Friedhof gemeinsam mit anderen Toten die Lebenden studiert.

 

Angelika Kluessendorf Piper COVER„Auslöser für die Figur Walter war, als ich 1990 wieder dahin fuhr, wo ich meine Kindheit verbracht habe“, berichtete die Autorin im Gespräch mit Martina Dusollier, Mitarbeiterin der Lübecker Buchhandlung Hugendubel. Denn in den Orten der Kindheit im Osten der Republik zeigte sich 1990 nach der Wende alles ganz anders als noch bei ihrem letzten Urlaub im Jahr 1985: „Die Menschen hatten ihre Arbeit verloren, wussten nicht wohin mit sich. Ich habe die Männer dort gesehen, wie sie an ihren Küchentischen saßen und ihre Kreuzworträtsel machten. Sie standen vor dem Nichts. Was sie ausgemacht hatte, hatten sie verloren.“ Sie wollte ein Buch über diese enttäuschten Männer schreiben. Und so entstand Walter.

 

Walter ist allerdings schon sein ganzes Eheleben – immerhin 40 Jahre lang – ein missmutiger, nörgeliger Mensch. Er macht seine Frau klein, wann immer es ging, er entwertet und erniedrigt sie. Als Hilde mit vierzig schwanger wird und das Kind verliert, bezeichnet Walter die Fehlgeburt als Abgang und befindet, Hilde sei sowieso viel zu alt. […] „hab dich nicht so, das waren seine Worte. Sie fühlte sich ausgehöhlt, als würde ein kalter Wind durch ihre Gedärme gehen.“ Viele Jahre später, kurz bevor Hilde von Dr. Kies erfährt, dass Walter unheilbar krank ist, weil er an einem weitfortgeschrittenem, inoperablen Hirnödem leidet, wird Walter plötzlich zum liebenswerten Ehemann, geschieht der überraschende Wesenswandel. Walter lädt Hilde in den „Goldenen Ochsen“ ein und bietet ihr freiwillig den Fensterplatz an: „Was ist nur los mit ihm?“, fragte sie ihren Arzt, der eigentlich Orthopädie ist und nur deshalb Hausarzt des Ehepaares, weil Hilde bis zur Rente als Arzthelferin für ihn arbeitete. […] „Seine lebenslange Wut, einfach so verschwunden?“ Dr. Kies nickte […] „Wir sollten das Thema Tod besprechen“, sagte er. „Dein Mann hat nicht mehr lange.“

 

Walter, der ihr zum zwanzigsten Hochzeitstag einen Gummibaum schenkte und auch zu den folgenden, „so dass mittlerweile ein hässlicher kleiner Wald in ihrem Wohnzimmer wuchs“, wird also bald tot sein. Draußen, vor der Praxis, zerreißt ein Krachen die Stille, vielleicht ein Vorbote der kommenden Silvesternacht, in der Hilde ihren Gatten mit der Axt erschlagen wird, die sie auf seinen Kopf niedersausen lässt, als wollte sie ein Holzscheit spalten. Danach geht sie, schließt die Tür hinter sich, besucht eine Silvesterparty im Haus der Schriftstellerin - eine der vielen skurrilen Nachbarn und Nachbarinnen, die in dieser Dorfgemeinschaft im östlichen Deutschland wohnen. Dort zu Hause sind, möchte man sagen. Aber zu Hause sind diese Menschen eher im Nirgendwo. Obwohl sie anscheinend ständig auf der Suche nach Heimat sind, nach Geborgenheit, wo auch immer die zu finden sein mochte.

 

„Hilde hatte mit allen getanzt, sogar mit dem Trommler“, dem Liebhaber der Schriftstellerin. Danach verabschiedet sich Hilde, geht hinaus in die Silvesternacht. Vom eisigen, böigen Wind gepeitscht, kämpft sie sich Schritt für Schritt voran im knöchelhohen Schnee. „Erst am Dorfausgang blieb sie stehen und sah ihre Fußspuren weiß hinter sich verschwinden.“ Walter ist derweil im Jenseits angekommen, auf dem Friedhof beobachtet er die Lebenden und die Toten, sogar seine eigene Beerdigung schildert er uns als Ich-Erzähler. Er wundert sich über die Wut der Lebenden: „Sie muss über alle Maßen anstrengend sein, diese Wut […] Der Mensch verschleißt sich ja bei einer solchen Wut.“ Die Erinnerung an die eigene Wut ist wie weggeblasen.

 

Der tote Walter wird nun als neuhinzugekommener Toter von den Alteingesessenen des Friedhofs zum Chronisten ernannt und muss fortan die Schicksale der Menschen im Dorf festhalten. Menschen wie der arbeitslose Säufer Heinrich, wie Dr. Kies, der sich für einen Künstler hält und sich fragt, warum er nicht gespürt hat, dass auch Hilde wütend war. Menschen wie der einbeinige Hans, Ortsvorsteherin Doris, Rollschuhmädchen Helen, Herr Geist aus Weimar, der seinen Namen nicht umsonst trägt, Röschen, die alt und allein im Wald lebt und seit Kriegsende auf ihren Sohn wartet, die dicke Hubert, die zu viel Masse hat für diese Welt, Bipolarchen, der Helene Fischer liebt, die verhassten Freunde Leo und Eisenalex, die hübsche Wirtin Branka, Transfrau Gabriela mit Schildkröte Coco und die Schriftstellerin mit ihrem schönen Partner, dem Trommler. Hinzu kommen viele weitere schief im Leben stehende Dorfbewohner. Sogar Steven Spielberg spielt hier eine Rolle.

 

Und dann sind da noch die Toten, von denen Walter jetzt umgeben ist. Tote wie Dr. Freud. „Ist das meine Strafe, ist das die Hölle“, fragt Walter, der sich wirklich klar nur an die letzten paar Wochen erinnern kann, jenen Dr. Freud auf dem Friedhof. „Die Hölle wäre zu wisse, wer du wirklich warst“, erwidert der. Eine gibt es immerhin, die freut sich, dass Walter hier ist: Gerda Engel, seine Schwiegermutter. Gerda Engel, die ihr Steinkind, eine Steinfrucht, „die jahrzehntelang in ihrem Beckenboden festsaß“, liebevoll umsorgt. Die zu Walter, der nicht einmal mehr weiß, wie sich Wut anfühlt, sagt, jeder sterbe so, wie er in der letzten Endlichkeit gelebt habe. Gerda, die Walter erklärt, warum und dass er jetzt der Chronist sei. Der Bewegungsradius der Toten reicht leider nicht über die Grenzen des Dorfes hinaus. Innerhalb dieser Grenzen jedoch ist fast alles möglich: Die Toten sind den Lebenden nahe, können deren Träume sehen, sich im Diesseits und Jenseits bewegen, können Dinge tragen und Schneeschippen. Allerdings existieren all diese Tätigkeiten nur in der Vorstellung der Toten. Und überhaupt gilt das nur für diejenigen Toten, an die noch seitens der Lebenden gedacht wird. Nur sie kommen heraus aus ihren Gräbern. Wer aus der Erinnerung der Lebenden verschwunden ist, bleibt begraben und erstarrt im Nichts.

 

Vom Mauerfall ist die Rede, vom Birnbaum im Dorf, der damals erste Früchte trug. Vom Walnussbaum, den jeder im Dorf kennt, der auf dem Mühlenhof stand und den ein Blitz gespalten hat, so dass er nur noch ein trauriger Stumpf ist mit schwarzgrauer Borke. Von Hilde, die Gedichte schreibt, die sie manchmal dem einbeinigen Hans vorliest, die einen Schwimmkurs besucht und während der Busfahrt, während sie Dörfer und Landschaften hinter sich lässt, davon träumt, was möglich wäre. Von Verlust und Ohnmacht ist die Rede und von Walters Wut, die irgendwann ausbrach und erst kurz vor seinem Tod wieder verschwand.

 

Die Schönheit des Dorfes sieht Walter erst als Toter. Doch da ist es längst zu spät. Einmal, als er die Dorfstraße langspaziert, bleibt er vor Brankas Fenster stehen. Sie liest ein Buch mit Gedichten in einer ihm unbekannten Sprache. Auf dem Buch ist ein Foto zu sehen, ein Mädchen im schwarzgelb gestreiften Kleid, das einzige Foto, das von Hilde existiert. Dieses Buch stammt von Hilde. Also lebt Hilde, schlussfolgert Walter und lernt mühselig die fremde Sprache, es ist tschuktschisch. Am Ende des Romans kann Walter immerhin eine Zeile aus einem Gedicht von Hilde übersetzen. „Nur Regen, der auf nichts mehr trifft.“

 

„Ich habe Walter auch deshalb am Leben erhalten, damit er über alles nachdenkt“, sagt Angelika Klüssendorf im Gespräch mit Buchhändlerin Martina Dusollier. Sie wollte ihrem Antihelden eine zweite Chance geben. Deshalb wird Walter Chronist, beobachtet die Lebenden und die Toten. „Er übernimmt somit die Aufgabe der Schriftstellerin“, erklärt die Autorin. Im Buch antwortet die fiktive Schriftstellerin auf die Frage, „Warum schaffen wir es nicht, so zu leben, als wäre jeder Tag der letzte? - Weil es Steuererklärungen gibt.“ Und der noch lebendige Graukopf fragt: „Gibt es denn niemanden, der ein normales Leben führt? - Ein normales Leben, was soll das sein?“, erwidert die Verrückte. Walter immerhin hat zu guter Letzt einen guten Rat für uns Lebende parat: „Sterbt nicht aus Überdruss. Es ist wie ein doppelter Tod." Angelika Klüssendorfs Roman "Vierunddreißigster September" ist ein wildes, starkes und tröstliches Buch über die Trostlosigkeit, hin- und mitreißend geschrieben, tiefschwarz gefärbt auch in der Komik, gespickt mit hellen Punkten, die leuchten wie Sterne. Der Titel des Buchs spielt übrigens auf einen erfundenen idealen Tag an, an dem man alles im Leben anders machen würde.


Angelika Klüssendorf: Vierunddreißigster September

Roman

Piper 2021
ISBN 978-3-492-05990-9

Hardcover mit Schutzumschlag, 224 Seiten und als eBook erhältlich

 

Weitere Informationen und Leseprobe

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