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Ein rauschhafter Roman, der Grenzen überschreitet!

Seit über 30 Jahren schreibt Thomas Kunst Bücher. Die meisten davon erschienen in eher kleineren Verlagen. Bis sein Gedichtband „Kolonien und Manschettenknöpfe“ 2017 bei Suhrkamp erschien. So auch sein neuer Roman „Zandschower Klinken“, der auf der Shortlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis steht. Mit dieser Auszeichnung kürt die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels alljährlich zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse den „Roman des Jahres“. Thomas Kunst hat gute Chancen, diesen begehrten Literaturpreis zu gewinnen. Obwohl und weil er mit „Zandschower Klinken“ einen Roman geschrieben hat, der alle bisher bekannten literarischen Grenzen sprengt. Bisher erreichten seine Bücher nicht das breite Publikum. Das dürfte sich jetzt ändern!

 

Schon die Nominierung für diesen Literaturpreis erhöht die öffentliche Aufmerksamkeit, geschweige denn, die Auszeichnung selbst. Die Jury begründet die Nominierung des neuen Romans von Thomas Kunst so: „Bengt Claassen verschlägt es aus einer Lebenskrise in ein nordostdeutsches Provinznest. Dort trotzen Menschen mit aufsässigen Fantasien einer ihnen nicht wohlgesonnenen Realität. Sie haben ihr Dorf zu Sansibar, ihren Teich zum Ozean umfantasiert, strukturieren ihre Gegenwelt mit hinreißend absurden Ritualen. „Zandschower Klinken“, oft einprägsam wie Musik, verströmt Freiheit auch durch seine formale Radikalität. Politisch aufgeladen, bricht es zugleich mit jeder Diskursschwere, weil es sich im Spiel mit Wirklichkeit und Sprache keine Grenzen aufzwingen lässt. Eine bittere, märchenhaft verschlüsselte Familiengeschichte kontrapunktiert den Ausstieg in die Utopie, und dennoch: Dieses Buch lässt einen freier atmen.“

 

Zandschower Klinken COVERJa, das Buch lässt einen freier atmen. Zugleich aber nimmt es dem Leser oft den Atem. Es sind vor allem die Versatzstücke, die das Buch so außergewöhnlich machen: ganze Abschnitte werden wiederholt und in der Wiederholung um wenige Sätze verlängert. Dem Autor, der seinen täglichen Broterwerb seit 1987 als Saalaufsicht in der Deutschen Nationalbibliothek betreibt, diente dies vor allem als „Methode der Erinnerung“ (Der Freitag, Wochenzeitung). Der Einstieg des Romans ist eher klassisch, konventionell. Doch der Schein trügt… Ein etwas merkwürdig erscheinender Mann namens Bengt Claassen sitzt im Auto. Er hat sein ganzes Hab und Gut im Kofferraum. Das Halsband seiner verstorbenen Hündin liegt auf dem Armaturenbrett. Dort, wo es herunterfällt, will Bengt anhalten und ein neues Leben beginnen. „Ohne Musik. Ohne Selbstmitleid. Ohne Ewigkeit und Verantwortung. Doch erst einmal die Wälder und Kornfelder hinter sich lassen, aber in umgekehrter Reihenfolge. Er wohnt mit Vorliebe in Gegenden, in denen im Notfall jede Hilfe für ihn zu spät kam.“

 

Bengt Claassen ist Kennern von Thomas Kunst Werken bereits bekannt aus dem Roman „Strandkörbe ohne Venedig“. Dort verlässt Bengt am Ende das Dorf, in dem er bisher gelebt hat. Das Hundehalsband liegt auf dem Armaturenbrett. Und hier beginnt sein neuer Roman. „An der Stelle, wo es herunterfällt, will er anhalten und ein neues Leben beginnen“, heißt es im ersten Absatz des Buches. Drei Versuche hat er, „um auszuschließen, künftig in einem Wald, in einem Kornfeld oder in einem Flusslauf leben zu müssen […] Wir fahren jetzt los. Wir halten nicht mehr an. Wir sind uns einig. Wir übertreiben es mit der Geschwindigkeit nicht. Wir sind ausgeschlafen. Wir sind nicht ganz bei Trost.“

 

Bengt, der Lektor war, Hundetrainer und Taxifahrer in Kolumbien, der zuletzt seine demenzkranken Eltern pflegte und dem zeitgleich eine große Liebe zerbrach, landet letztendlich in Zandschow, einem Nest im äußersten Norden. „Wenn hier alle strandeten, denen bei diesem Huckelplaster ihr Hundehalsband vom Armaturenbrett rutscht, braucht man sich, um diese Walachei keine Sorgen mehr zu machen. Claassen hat nachgeholfen. Er ist rechts rangefahren. Zandschow.“ Hier will der dichtende Phantast ein neues Leben beginnen. Hier haben sich Menschen versammelt, die widerständig und träumerisch zugleich sind. Menschen, die dem bürgerlichen Leben abgeschworen haben, sich abgewandt haben von Materialismus und Perfektion. „Wir erfinden eine Dynastie der Fehlbarkeit. Wir lassen mit einem Gedicht die Mittagspause der Regierung ausfallen. Wir sind noch nicht so weit. Wir lieben Rachefilme auf dem Lande. Wir verachten Liebesfilme in den Städten. Wir haben Grund zu der Annahme, dass unser Dasein nicht ernst genommen wird.“ Drei Seiten voller Wir-Sätze, von denen jeder einzelne wichtig und daher ernst zu nehmen ist! Eine Suada, die von Brüchen erzählt und Brüche kenntlich macht, die von Macht und Ohnmacht spricht, von Machbarkeit und deren Gegenteil, von Witz und Irrwitz (der Gesellschaft).

 

Vieles findet in diesem Buch in „umgekehrter Reihenfolge“ statt. Vieles wiederholt sich. Auch der strenge Wochenplan, dem die Bewohner dieses Orts rund um „Getränke-Wolf“ folgen. Wolf, der den Laden nach dem Tod seiner Eltern geerbt hat, wo im hinteren Teil eine Sonnenbank steht. „Wie hier UV-Licht und rotes Beauty Light per Knopfdruck zur Wunschbräune führen, bringt einen schier um den Verstand.“ Den scheinen hier alle Einwohner verloren zu haben. Wolfs Wochenplan soll allen und allem Struktur verleihen: Montags dient ein ausrangierter Bauwagen als U-Bahn-Wagen, in dem ungefähr zwanzig Menschen Platz suchen, aber nur zehn Menschen Platz finden. Am Dienstag wird trainiert, sich in vier bis fünf unterschiedlichen Sprachen zurechtzufinden, mittwochs findet die Europakonferenz statt mit Diskussionen über soziale Gerechtigkeit, Altersdemut und Selbstverteidigung. Donnerstags werden Konzentration und Fortbewegungsmagie geschult. Zwanzig Zandschower setzen zwanzig identische Plastikschwände aus und übernehmen die Patenschaft, indem sie sich an Land bewegen wie die Tiere im Wasser. Freitags soll jeder Dorfbewohner mit Papier, Streichhölzern, Früchten und Kalendersprüchen demonstrieren, wie der Weltuntergang manipulativ aufzuhalten ist. Die Wochenenden dienen der Naherholung an der Küste.

 

Ihr Zandschow ist Sansibar, hier kann man arm sein, aber paradiesisch leben, noch dazu in viel Verrücktheit. Bengt fühlt, er ist hier und jetzt genau richtig. Zumal Wolf am Teich einmal im Jahr um diese Zeit das Darajani-Fest veranstaltet. Da werden Hängematten zwischen den Bäumen aufgespannt, Kanus aus dem Landesinneren an die Strände gezogen, Überfahrten zur Insel organisiert, Obst und Gewürze und Wolfs Windhoek Lagerbier verteilt. Und im September werden hier die Francis-Drake-Festspiele veranstaltet. „Den Feuerlöschteich könnte man getrost für keinen Feuerlöschteich halten.“ In der Mitte des Teichs befindet sich eine Insel. Zwölf Tische stehen auf der Terrasse des Restaurants am Teich, der mal zum Indischen Ozean wird, mal zum Mittelmeer.

 

In Zandschow bereichern diverse Kumpel wie Gruber, Gammi, Mädel, Benter, der kleine und der große Grabosch und viele andere mehr Bengts Leben und diesen Roman. Aus der Erinnerung tauchen Menschen auf wie Silje, die die schönsten (Brüste) hat. Li, Bengts Single-Bekanntschaft im Internet. Nachtschwester Ines, die tagsüber Spanisch lernt, um vielleicht nach Cartagena auszuwandern. Bengts Mutter, die mit seiner Hilfe „über viele Jahre die meistgesuchte Frau Deutschlands“ war, sein Schwesterchen, auch Reh genannt, wie in Grimms Märchen Brüderchen und Schwesterchen: „Nun leg schon deinen Kopf auf meinen Rücken, Schwesterchen. Die Wildnis der Demenztakte reicht für uns zwei“, heißt es bei Thomas Kunst. Vom Vater ist auch die Rede, der Bengt eröffnet, er wisse nicht, ob dieser sein Fleisch sei, sein Blut. Alle beschriebenen Typen sind merkwürdig bis schräg. Schräg ist auch der Stil: „Die Welt ist das Größte auf der Erde. Fragt doch die Halsbänder. Essen steht auf dem Herd. […] Eric Clapton hat nicht angerufen, aber er hat sich irgendwie gemeldet. “ Mit den Verrücktheiten will es so gar kein Ende nehmen in diesem Buch. Und das ist gut so.

 

Der Stil ist von wechselnder Erzählperspektive und von wechselnden Zeiten geprägt. Vor allem aber – wie bereits beschrieben – von Wiederholungen, die manchmal, aber nicht immer, um einige Sätze angereichert werden. Man muss schon genau hinsehen, genau lesen, damit einem nichts entgeht. Das lohnt sich. Die ständigen Wiederholungen gehen dem Leser weiß Gott nicht auf den Geist. Ganz im Gegenteil. Sie überzeugen und machen süchtig. Mehr davon, Thomas Kunst. Wir warten darauf. Wir freuen uns darauf. Wir drücken die Daumen. Für den Deutschen Buchpreis. „Die Schönheit auf dem Land ist ein Lieferwagen vor deiner Haustür… Und Schwäne, Schwäne über Schwäne… Und Schienen. Schienen über Schienen… Die Winde sind die Gewichtheber unter den Leisetretern.“ Dieser Roman ist ein Schwergewicht unter den Leichten. Ein rauschhaftes Lesefest.


Thomas Kunst: Zandschower Klinken

Suhrkamp Verlag 2021

Roman. 254 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-518-42992-1

 

Leseprobe

 

YouTube-Video:

MUSEUM BURG RANIS. Zandschower Klinken. Thomas Kunst im Gespräch mit Martin Straub (24:22min.)

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