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Eine Autobiographie in der Form eines Interviewbuches: so etwas darf man nur vorlegen, wenn man schon sehr alt ist und dazu einigermaßen prominent.

Dieter Henrich, Jahrgang 1927, kann beides für sich in Anspruch nehmen – er zählt unter den deutschen Philosophieprofessoren zu den bekannteren und hat vor allem mit seinen Arbeiten über Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), aber auch mit Büchern zur Kunst oder zur Dramatik Samuel Becketts das Publikum beeindruckt. In „Ins Denken ziehen“ spricht er, befragt von Ulrich von Bülow vom Literaturarchiv Marbach und dem Ideenhistoriker Matthias Bormuth, über sein Leben, das er in neun Kapiteln Revue passieren lässt.

 

Es handelt sich tatsächlich um ein Interview und nur in wenigen Passagen um ein wirkliches Gespräch, um einen Dialog oder ein lebhaftes Hin und Her. Bormuth und von Bülow haben Henrich über Jahre hinweg immer wieder besucht, ihm in kurzen Fragen Stichworte gegeben und ihn erzählen lassen. Für die Publikation in einem Buch wurden alle Texte stark gekürzt und dazu redigiert – schließlich spricht niemand ein so korrektes Deutsch, wie es Henrich in diesem Buch tut. Gelungen ist die Bearbeitung der Protokolle hervorragend, denn sie lesen sich durchweg flüssig und interessant.

 

„Bei mir“, sagt Henrich selbst „ist fast alles Wesentliche immer auch ganz persönlich gewesen.“ Ein wenig erinnert das an die sehr lesens- und empfehlenswerte, geradezu klassische und immer noch erhältliche Autobiografie seines Lehrers Hans-Georg Gadamer, der in „Philosophische Lehrjahre“ von seinen Begegnungen mit Paul Natorp, Nicolai Hartmann, Martin Heidegger und anderen berichtet. Die atmosphärische Dichte und anekdotische Lebhaftigkeit von Gadamers Buch wird in Henrichs Erinnerungen aber an keiner Stelle erreicht, obwohl er doch so großen Wert auf eine sehr persönliche Darstellung gelegt hat.

 

Hermann Schmitz COVERAndere Philosophen haben sich daran erst gar nicht versucht. Sein um ein Jahr jüngerer Kollege Hermann Schmitz zum Beispiel verliert in „Ausgrabungen zum wirklichen Leben“ (2016) kaum ein Wort über Persönliches – vielmehr ist es ihm allein um die Darstellung seiner Philosophie zu tun. Nur eingangs seines Buches spricht er über fehlende Beachtung und Ablehnung seines Werkes. Dann aber konzentriert er sich auf eine Zusammenfassung seiner Überlegungen, die er in einem nicht selten an Überheblichkeit grenzenden Selbstbewusstsein vorträgt. Zum Beispiel, wenn er über seine Philosophie sagt, sie habe den Leib „gerade erst aus der Gletscherspalte jahrtausendelanger Vergessenheit hervorgezogen“, und von seiner Theorie der Gefühle, dass diese „ein jahrtausendealtes Missverständnis“ zu überwinden hilft. Das wäre nicht ganz schlecht: Bis zu Hermann Schmitz hat sich die ganze Menschheit geirrt.

 

Ganz begründet ist das Selbstgefühl dieses Gelehrten sicherlich nicht – er hat in Jahrzehnten ein ganz und gar eigenständiges und tatsächlich systematisches Werk geschaffen. Wer sonst kann das heute für sich in Anspruch nehmen? Schmitz ist, was auch immer man im Einzelnen einwenden mag, ein wirklicher Philosoph, denn er hat in einer gewaltigen Anstrengung eine eigene Philosophie formuliert. Außer ihm ist das in den vergangenen Jahrzehnten kaum jemandem gelungen – schon gar nicht jenen, die sich, ohne zu erröten, als „gelernte Philosophen“ (was auch immer das sein mag) ansprechen lassen.

 

Schmitz‘ Buch gliedert sich in fünf große Kapitel, „Subjektivität“, „Mannigfaltigkeit“, „Leib und Gefühl“ und „Welt“ überschrieben; das letzte Kapitel nennt sich „Rückblick auf das Abendland“ und meint eine Kurzfassung der europäischen Philosophiegeschichte. Alle Überlegungen von Schmitz sind höchst komplex, das heißt nicht allein in aller Regel anspruchsvoll, sondern auch in- und miteinander verwoben, so dass man keinen Teil ungestraft überspringen darf – sonst wäre es ja kein System.

 

Anders als der zwar mit einigen Schülern und Mitstreitern gesegnete, aber doch weitgehend solistisch agierende Schmitz war Henrich immer gut vernetzt – auch international –, ein renommierter Hochschullehrer und anerkannter Wissenschaftler. Aber ist er auch ein eigenständiger Philosoph? In einigen Passagen schätzt er sich selbst durchaus bescheiden ein, wenn er zum Beispiel über sich selbst als jungen Professor sagt, er habe „nicht zugleich selbst so etwas wie die Grundzüge einer Lehre anzubieten“ gehabt. Gleich darauf fragt er: „Was sind denn die wirklich systematischen Bücher von mir?“ Erst als Emeritus, fügt er selbstkritisch hinzu, habe er ein erstes systematisches Buch herausgebracht.

 

Dieter Henrich Selbstverhaeltnisse COVERTatsächlich ist Henrich ein sehr genau argumentierender Interpret großer Denker, vor allem der des Deutschen Idealismus, und wurde ja auch als Fichte-Forscher bekannt. Von seiner Beschäftigung mit Fichte sagt er, er habe „mit Hilfe dessen, was dieser Autor entwickelte, etwas Eigenes deutlich werden lassen“ – dabei ging es ihm vor allem um das Selbstbewusstsein, und er spricht von seiner „Subjektivitätstheorie, in der die Freiheit des Subjekts als eine ermöglichte verstanden wird und nicht als eine aus Selbstmacht initiierte.“ In einem schmalen Band der Reclam-Reihe, „Selbstverhältnisse“ überschrieben, sind einige seiner Arbeiten zum Deutschen Idealismus zusammengefasst. Wenn man seiner eigenen Selbsteinschätzung folgt, hat er uns den Zugang zu großen Denkern erlaubt und dazu eigene Akzente gesetzt.

 

Aber sonst leidet auch Dieter Henrich nicht unter zu großer Bescheidenheit und zitiert recht gern das Lob, das ihm schon als jungem Menschen bedeutende Persönlichkeiten gespendet haben, zum Beispiel der eben erwähnte Gadamer. Aber, so seriös und wichtig seine philosophiehistorische Arbeit auch sein mag – vor allem die lebenslange Beschäftigung mit der Bewusstseinsphilosophie des Deutschen Idealismus ist sehr beeindruckend –, ihm ist trotzdem nicht das gelungen, was Schmitz für sich in Anspruch nehmen kann: Er hat keine eigene Philosophie formuliert, ja im Grunde hat er es gar nicht erst versucht.

 

Es kann sich bei diesem Buch deshalb gar nicht um die Darstellung seiner Philosophie handeln, sondern um die Erzählung seines recht bewegten Lebens. Sie ist an den Persönlichkeiten orientiert, denen er begegnete und die ihn beeinflussten – angefangen mit seinen Eltern, über die Lehrer und Professoren bis hin zu seinen Freunden und Kollegen. Dabei ist er stets sehr diskret, auch hinsichtlich der eigenen Person, denn über sein Privatleben verliert er kaum ein Wort. Aber auch die Darstellung seiner philosophischen Arbeiten gerät stichwortartig kurz – darauf kam es allen Beteiligten dieser Interviews ersichtlich nicht an. Vielmehr sind es vor allem die zeitgeschichtlichen Umstände, die eine Rolle spielen: seine erste Schulzeit mit der Mitgliedschaft im „Deutschen Jungvolk“, wo er sogar eine Art Funktionär war; sein Studium in Marburg und seine späteren universitären Stationen in Berlin und Heidelberg; sein Leben im geteilten Berlin oder seine Gastprofessuren in den USA.

 

Schmitz „Ausgrabungen“ kann man schon deshalb empfehlen, weil das Buch eine Einführung in eine ganz eigenständige Philosophie darstellt. Von dort aus kann man sich dann näher mit seinem Werk und damit mit der „Neuen Phänomenologie“ beschäftigen. Und warum könnte die Lektüre von Henrichs Buch interessant sein? Für alle, die sich ein wenig in der Geschichte der Philosophie seit dem Weltkrieg auskennen, sind natürlich die Beschreibungen und vor allem auch Bewertungen einzelner Personen interessant.

 

Deutlich ist Henrichs große Distanz gegenüber Adorno, dessen Vorlesungen er einen „eher journalistischen Zuschnitt“ zuspricht. Adornos Rhetorik findet er „rattenfängernahe“ und sagt von ihm, dass das Philosophieren „eigentlich gar nicht zum Feld seiner besonderen Begabung zu gehören“ schien. Hier ist der Übergang zur Beleidigung schon fließend… Henrich vergleicht Adorno mit dem von ihm wie von Gadamer verehrten Heidegger, der seinem Urteil zufolge „unvergleichlich tiefer denken konnte“. Deshalb habe Adorno „kein Recht“ gehabt, sich im „Jargon der Eigentlichkeit“ mit Heidegger zu messen. Abgesehen davon, dass Henrich diese Einschätzung weder begründet noch gar belegt, wird man es etwas bizarr finden, dass man erst ein Recht haben muss, wenn man jemanden kritisieren will. Auch wer Adorno skeptisch oder sogar ablehnend gegenübersteht, kann diese Einlassungen Henrichs nicht gutheißen.

 

Noch schroffer als Adorno lehnt Henrich Ernst Bloch ab, den er „grundunsympathisch“ fand – wegen seines „prophetischen Gestus“ und seines „auftrumpfend-suggestiven“ Redens. In aller Regel aber deutet Henrich seine Antipathien eher vorsichtig an (vielleicht, weil diese Leute noch leben?), zum Beispiel, wenn er einem prominenten Kollegen sein Verhalten während der Studentenproteste Ende der Sechziger Jahre vorwirft. Er hingegen war kein Freund der Studentenbewegung.

 

Im Allgemeinen aber spricht er mehr über seine Sympathien. Besonders die Amerikaner haben es ihm angetan, von denen er einige aufzählt und die er durchweg lobt. Aber weder versucht er zu erläutern, warum die analytische Philosophie anderen Richtungen überlegen sein soll, noch verstehe ich, wie sich Henrichs eigene Interessen mit der analytischen Philosophie vereinbaren lassen.

 

Aber was mir noch mehr fehlt, ist eine lebensnahe und anschauliche Schilderung seines eigenen Alltags in Deutschland wie auch des universitären Lebens während seiner Gastprofessuren. Ist es denn wahr, was alle sagen, dass man in den USA so viel besser studieren oder auch als Dozent arbeiten kann? Warum? Nur deshalb, weil auf einen Dozenten weniger Studenten kommen? Was ist tatsächlich anders, worin unterscheiden sich der studentische wie der professorale Alltag von Europa? Nähert man sich der Tradition auf eine andere Art? Gibt es eine größere Kollegialität? In welcher Weise unterscheidet sich ein europäisches Seminar von einem amerikanischen, eine europäische von einer amerikanischen Vorlesung? Einzig und allein die größere Bedeutung der Logik wird von Henrich angesprochen, mehr erfahren wir nicht. Und das ist mir doch ein wenig zu dünn.

 

Es überrascht, dass das Buch mit Überlegungen zur Religion beginnt, aber es sollte nicht verwundern, dass es im neunten und abschließenden Kapitel um Kunst und Literatur geht, vor allem um Samuel Beckett, über den Henrich auch ein Buch geschrieben hat.

Henrichs „Ins Denken ziehen“ ist ganz gewiss kein schlechtes Buch, denn es enthält viele interessante Überlegungen und ist auf weite Strecken geradezu unterhaltend; aber direkt überlebensnotwendig ist es nicht. Schmitz‘ „Ausgrabungen zum wirklichen Leben“ scheinen mir vergleichsweise wichtiger – sie enthalten mehr Anregungen, mehr wirkliche Philosophie.


Dieter Henrich: Ins Denken ziehen. Eine philosophische Autobiographie.

Im Gespräch mit Matthias Bormuth und Ulrich von Bülow.

Beck Verlag 2021

282 Seiten, Hardcover (Leinen)

ISBN 978-340675642

Leseprobe

 

Weitere Literaturvorschläge:

 

Dieter Henrich: Selbstverhältnisse. Gedanken und Auslegungen zu den Grundlagen der klassischen deutschen Philosophie.

Reclam Verlag 1993

ISBN 978-3150078525

 

Hermann Schmitz: Ausgrabungen zum wirklichen Leben. Eine Bilanz.

Alber Verlag 2016

400 Seiten

ISBN 978-3495488034

 

Hans-Georg Gadamer: Philosophische Lehrjahre. Klostermann 2012 (zuerst: 1977)

244 Seiten

ISBN 978-3465041658

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