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Ist es legitim, das Werk eines großen Philosophen auf den Zusammenhang mit seinem Leben zu befragen und vielleicht gar seine intellektuellen oder sozialen Defizite als die Wurzel seiner Schriften anzusehen?

Eben dies hat sich der Kulturwissenschaftler Christian Schneider vorgenommen, der die Hauptmotive und Grundthesen des Genies Ludwig Wittgenstein mit dessen an Brüchen und Merkwürdigkeiten überreichem Leben zu verknüpfen versucht.

 

Für eine solche Verknüpfung sind prinzipiell zwei Richtungen denkbar; man kann fragen, ob jemand eben dieses Leben führen musste, um seine ganz eigene Philosophie auszuarbeiten, aber ebenso könnte man nachprüfen, ob ein großer Philosoph seine sehr anspruchsvollen Thesen ernst genommen und auf sein Tun und seine Arbeit projiziert hat. Ein populäres Beispiel für letzteres ist der (übrigens unbegründete) Vorwurf an Max Scheler, er habe in seiner Ethik große Ideale formuliert, sich aber um diese einen Deibel geschert und ein Lotterleben geführt.

 

Schneider geht es einzig und allein um ersteres – er will wissen, ob die Grundfragen der Philosophie Wittgensteins auf seine seelischen Eigenarten oder gar intellektuellen Defizite zurückzuführen sind. Ihm wie auch der Mehrzahl der Leser Wittgensteins gilt dieser als Genie, und so benutzt Schneider selbstverständlich nicht dieses Wort, aber gemeint ist eben dies: Sein Intellekt besaß große Defizite. Immer wieder spricht Schneider von Wittgensteins „Claustrum“, einem verschlossenen Raum, denn der Autist nimmt nicht alles um sich herum wahr, sondern versteht sich darauf, sich zurückzuziehen und abzuschließen. Und er weiß vieles auszublenden und sich auf ein ausgesuchtes Problem zu fokussieren. Das macht ihn geeignet für das Schachspiel oder für alle mathematischen Wissenschaften, aber deshalb hat er auch Probleme, einen Gesichtsausdruck oder eine ungewöhnliche Situation zu deuten, denn in diesem Fall muss er eine Reihe verschiedener Wahrnehmungen zusammenführen. Als ein Probierstein für den Autismus kann die Orthographie dienen, denn in ihr geht es um dasselbe Problem: Autisten sehen nicht (oder weniger gut als andere), dass ein Wort falsch geschrieben ist, weil es ihnen auf das Detail ankommt, nicht auf das Ganze. Es ist deshalb ein Beleg für Schneiders These, dass der sonst umfassend gebildete Wittgenstein schwach in Rechtschreibung war.

 

Ganz generell hält Schneider es für legitim, „die ‚privaten‘ Dinge auf sein Werk zu beziehen“, also „Wittgensteins empirische Konstitution, seine Lebensgeschichte, mit seinen intellektuellen Produkten“ zusammenzuführen. Die Grundthese des Buches ist bereits im Titel enthalten, denn der Autor findet in Wittgensteins (bloß?) frühkindlichem Autismus – der Sprachlosigkeit seiner ersten vier Lebensjahre, die ihn in sein „Claustrum“ einsperrten – die Hauptmotive für die Ausrichtung seiner Philosophie. Diese These kann er tatsächlich dank intimer Kenntnisse sowohl des Werkes als auch der psychologischen und psychiatrischen Fachliteratur sehr gut begründen. Mich jedenfalls hat er überzeugt.

 

Aber Schneider geht viel zu weit, wenn er schreibt, „dass jeder Rekonstruktionsversuch einer modernen Philosophie unter Auslassung der psychischen Struktur ihres Autors reduktiv ist.“ Daraus würde folgen, dass die seelischen Eigenarten eines Philosophen nicht nur seine Argumentation einfärben (ihr eine besondere Note verleihen) oder seinen Interessen die Richtung weisen, sondern dass es nicht möglich ist, ein philosophisches Werk in seiner ganzen Tiefe zu verstehen, wenn man nicht die Persönlichkeit ihres Urhebers kennt. Tatsächlich aber ist bei der übergroßen Mehrheit der bedeutenden Philosophen weder eine oberflächliche noch eine tiefergehende Kenntnis ihres Lebens hilfreich, wenn es um das Verständnis ihrer Überlegungen geht. Und nun gar die „psychische Struktur“…

 

Selbst die Werke Kierkegaards oder Nietzsches, die unter den Neueren wohl die interessantesten Biographien besitzen, sind ohne die Kenntnis des Lebens ihrer Schöpfer verständlich – jedenfalls in ihren philosophisch relevanten Teilen. Aber im Fall Wittgenstein ist eine solche Frage berechtigt, weil er eben nicht der einzigartige Neubegründer der Philosophie war, als den ihn die Tausendschaften seiner Anhänger ansehen. Er mag ein selten begabter Mensch gewesen sein, aber er war eben sehr einseitig begabt („inselbegabt“), wie nicht zuletzt dieses Buch eindrucksvoll belegt. Generell scheint er bedeutend leichter Zugang zu technischen Objekten gefunden zu haben als zu Menschen, und seine Fähigkeit, sich in Maschinen „einzufühlen“ (so Schneider wörtlich), steht in einem seltsamen Missverhältnis zu seinem Unvermögen, mit Menschen zu sprechen – selbst mit seinen Anhängern und gläubigen Schülern.

 

Immer wieder spricht Schneider von einem „autistischen Kosmos“, in dem Wittgenstein gelebt habe, ja gefangen gewesen sei, und in dem er einen „Wunsch nach Dialog“ verspürt habe. Wittgensteins Reflexionen über das Verhältnis von Sprache und Zeigen führt Schneider auf seine autistische Phase zurück – bis zu seinem vierten Lebensjahr konnte er nicht sprechen –, in der sich das Kind eben nicht verständlich machen konnte und in der es sich selbst als im Kampf mit der Sprache begriffen fühlte. Man kann gut verstehen, dass ein (Post-) Autist die Analyse seiner Isolation zum Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung mit der Sprache macht, aber warum sich in der ganzen Welt Leser mit den Schwierigkeiten eines Autisten identifizieren, das kann man nicht so ohne weiteres nachvollziehen. Ich habe diese Schilderungen immer als unwirklich oder künstlich empfunden und selbst zwar ziemlich oft und vielleicht vergeblich nach dem richtigen Wort gesucht, aber niemals wie Wittgenstein mit der Sprache „gekämpft“.

Es gibt ausreichend Berichte über die schroffe Unzugänglichkeit Wittgensteins, und es ist zweifellos berechtigt, dass Schneider seinen Helden einen „schweigenden Kommunikationsverweigerer“ nennt, „der ausschließlich in den Grenzen seiner Welt, also im geschlossenen Kosmos seiner autistischen Zeichenwelt lebt“. Kant hätte ihn einen logischen Egoisten gescholten, weil er es „für unnöthig“ hielt, „sein Urtheil auch am Verstande Anderer zu prüfen“. Diese Verweigerung galt Gesprächen mit Kollegen und Studenten ebenso wie der Kenntnisnahme der einschlägigen Literatur; zum Problem des Zeigens zum Beispiel zitiert Wittgenstein an keiner Stelle einschlägige anthropologische, psychologische oder psychiatrische Arbeiten, sondern spinnt den Faden seiner Argumentation ganz und gar aus seinem Inneren heraus.

 

Wie kann ein Kommunikationsverweigerer als Philosoph gelten? Man denke nur einmal an Sokrates als das Urbild eines Philosophen – Sokrates war das genaue Gegenteil eines Kommunikationsverweigerers, wie die übergroße Mehrzahl der Philosophen seitdem. Philosophen sind Menschen, die auf andere Menschen zugehen, ihre Gedanken artikulieren und das Gespräch suchen. Sokrates pflegte zu sagen, dass man „gemeinsam überlegen“ wolle, und zu einer solchen Aufforderung hat ein Wittgenstein sich niemals durchringen können. Auch gab es buchstäblich niemanden, der Sokrates zu dumm schien; für Wittgenstein dagegen waren eigentlich alle unfähig, ihn zu verstehen. Eben für diese Annahme glaubt Schneider den Grund in seiner postautistischen Persönlichkeit gefunden zu haben.

 

autism puzzle icon C Mohamed HassanAls den entscheidenden Aspekt des Autismus versteht Schneider den fehlenden Glauben an eine entsprechende Wahrnehmung einer anderen Person desselben Gegenstands. (Es gibt aber auch ganz andere Beschreibungen des Autismus; Schneider wählte einen sehr speziellen Zugang.) Wittgenstein habe sich in der Position eines einjährigen Kindes befunden, das, weil es noch nicht sprechen kann, seinen Eltern oder Geschwistern etwas zeigt – nicht, so betont Schneider, weil ihm etwas an den Objekten liege, sondern weil es Kontakt suche. Im Falle des autistischen Kindes – also im Fall Wittgensteins – vergeblich. Deshalb habe das Denken auch des erwachsenen Wittgenstein noch um das Zeigen gekreist.

 

Es sind zwei Gründe, die das Buch interessant machen. Zunächst die Interpretation der Philosophie Wittgensteins. Allerdings werden diejenigen, die sein Werk ablehnen, trotz der Bewunderung des Autors für den Meister bedeutend mehr Freude an der Lektüre finden als die Verehrer des merkwürdigen Mannes. Und zweitens kann man einiges zum Thema Autismus lernen, obwohl ich die Auswahl der zitierten Literatur sehr einseitig finde: Schneider, der lange Jahre am Sigmund-Freud-Institut gearbeitet hat, konzentriert sich ganz auf die psychoanalytische Richtung, ohne auch nur einen einzigen Gedanken an organische Gründe für den Autismus zu verschwenden. Weil diese ja nicht grundlos wieder verschwinden, wäre der erwachsene Wittgenstein keineswegs als ein „Postautist“ anzusehen, sondern als ein Autist, der mit seinen Defiziten umzugehen gelernt hatte und entsprechend unauffällig geworden war. Schneider nennt ihn zwar ganz konsequent einen „Postautisten“, aber es ist ganz offensichtlich ein Autist, über den er schreibt: „Gefühle waren für Wittgenstein sein Leben lang ein unlösbares Rätsel.“ Sein Leben lang!

 

Schneider interpretiert die „Philosophischen Untersuchungen“, also das zweite der Hauptwerke Wittgensteins, als narrativen Nachvollzug seiner frühkindlichen Schwierigkeiten, einerseits das Sprechen zu erlernen, andererseits Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen, was ihm ja nur in sehr unvollkommener Weise gelungen zu sein scheint. In jedem Fall erzählen, so Schneider, die „Philosophischen Untersuchungen“ „das Drama des genialen Kindes“, als das Wittgenstein sich selbst sah und als den ihn selbstredend auch Schneider ansieht. In dem dritten Teil seines Buches vermischt er in einer etwas abenteuerlichen Deutung Psychoanalyse und seine Überlegungen zur Frühgeschichte Wittgensteins, ohne sich zu fragen, warum uns die „Philosophischen Untersuchungen“, wenn sie nur die Probleme eines meinetwegen begabten Kindes aufarbeiten, interessieren sollten.

 

Im vierten und abschließenden Kapitel spricht Schneider einen Vorgang an, den jeder denkende Mensch als einen Skandal empfinden muss: Wittgenstein wurde schon zu Lebzeiten und wird bis heute immer wieder als „heilig“ beschrieben. Die ganze Skala eines religiösen Vokabulars wird abgerufen, wenn seine Erscheinung und sein Verhalten beschrieben werden. Schneider, der hierzu einen kritischen Abstand einhält, spricht vom „Gott-Propheten“ und fragt nach den Gründen, warum man auf breiter Front die so offensichtlichen intellektuellen und (als ihre Folge) sozialen Defizite Wittgensteins in Verehrung ummünzen konnte. Aber eine überzeugende Antwort kann ich seinen Überlegungen nicht entnehmen.

 

Wenn man das Werk der großen Klassiker der Philosophie anschaut, dann stößt man auf ein oft enzyklopädisches Wissen und auf weitgespannte, buchstäblich die Welt umfassende Fragestellungen. Leibniz, Kant oder Hegel waren in den verschiedensten Wissenschaften zu Hause und dazu lebhaft an Geschichte, Literatur und Kunst interessiert. Wenn sich dagegen die Arbeiten eines Autors durch eine geradezu manische Fixiertheit auf einige wenige und dazu abseitige Fragestellungen auszeichnen – disqualifizieren sie sich nicht selbst als Philosophie? Und: Wie kann es sein, dass ein Mensch, der sich einem Gespräch verweigert, ja der nicht einmal andere Ansichten zur Kenntnis nimmt, als Philosoph angesehen wird? Und wie ist es zu erklären, dass eben ein solcher Autor, dem sein Bewunderer Größenwahn attestiert, zum Idol von Tausenden und Abertausenden von oft hochintelligenten Lesern wird? Ich verstehe das alles nicht.

 

Schneiders Buch ist gut geschrieben – meist flüssig und gut lesbar, gelegentlich lebhaft und engagiert. Und es ist größtenteils nicht im Jargon gefangen. Bei dieser Art von Büchern ist das schon ziemlich viel. Allerdings, wenn man nicht zufällig für Wittgensteins Verstiegenheiten schwärmt, wird man die zweite Hälfte mit ihren subtilen Interpretationen der „Philosophischen Untersuchungen“ vielleicht etwas langweilig finden (ich jedenfalls fand sie sehr langweilig); aber den ersten Teil, in dem der Autor seine Grundthese erläutert und plausibel macht, kann man guten Gewissens zur Lektüre empfehlen.


Christian Schneider: Der sprachlose Philosoph. Ludwig Wittgensteins Philosophie als lebensgeschichtliche Selbstreflexion

Königshausen & Neumann 2020

295 Seiten

ISBN: 978-3826070723

Weitere Informationen

 

Siehe auch: Stefan Diebitz – Glanz und Elend der Philosophie

 

 

Abbildungsnachweis:
Autismus-Icon. © Mohamed Hassan

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