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Noemi Lerch: Willkommen im Tal der Traenen

Glücklich schaut die Autorin Noëmi Lerch drein – kein Wunder, sie erhielt gerade einen der begehrten Schweizer Literaturpreise 2020 des Bundesamts für Kultur für ihr Buch Willkommen im Tal der Tränen, erschienen im Verlag die Brotsuppe.
Alles ging Schlag auf Schlag, gerade erst im Herbst 2019 erschien das Werk, das ein wenig an eine Graphic Novel und einen Gedichtband erinnert, und schon ist es mit einem Preis ausgezeichnet, der neben einer Geldsumme von 25.000 CHF auch die Vermarktung im Land fördert, beispielsweise durch Lesungen.
Der Verlag, mit Sitz im schweizerischen Biel (Bienne), hat einige Autorinnen und Autoren im Programm, die in den letzten Jahren preisgekrönt wurden.

Das so etwas heute noch möglich ist – das Buch wirkt allein äußerlich schon wie aus der Zeit gefallen: hochwertig, liebevolle gemacht, buchbinderisch sehr ansprechend. In einer Zeit, in der es den meisten Verlagen auf gute Verkaufbarkeit, billige bis günstige Massenproduktion und einem Eye-Catcher auf dem Titel ankommt, ist dieses Objekt ein Kleinod. Das Besondere von Willkommen im Tal der Tränen bestätigt sich, nein, verstärkt sich mit dem Aufschlagen: farbreduziert, graues Papier, schwarz bedruckt, links Grafik, rechts teilweise kurze Texte, bis auf einen Satz reduziert, in vier Kapiteln: Leben-Natur-Arbeit-Sterben und einem schwarzen Leseband.
Derartig minimalistisch könnte der Leser auch verzweifeln. Derartig reduziert gelangt der Leser jedoch vielmehr in eine ungewohnte Welt zwischen Zeichen, Zeichnung, Fragment, Text und Sprache, zwischen Kunst und bäuerlichem Leben. Paradoxien, die sich mögen in ihrer – in dieser Einfachheit. Ein Kunstbuch, eine Buchkunst. Was es ist, spielt dann keine Rolle mehr. Ja, die Autorin benutzt eine poetische Sprache, aber keine Poesie, sie schreibt fragmentarisch, aber dennoch narrativ fließend, gleitend. Noëmi Lerch wohnt ganz in sich, in ihrer Sprache und ihren Gedanken. Alles wirkt natürlich und nachvollziehbar was sie schreibt und sie umschreibt. Sie ummantelt regelrecht Gedanken und imaginäre Bilder, als ob sie ihren eigenen Schutz, ihre eigene Sicherheit bräuchten. Ihre Protagonisten, Zoppo, Tuinar und der Lombarde sind so eigen wie alles andere auch, mal nahbar und gleich schon wieder im Gegenteil verschwunden. Sie sind so unterschiedlich wie die Haarfarbe ihrer Mütter. Das Leben auf der Alp mit den Tieren und geregelten Abläufen, auch hier ist ein Stück Zeit stehengeblieben, in die wir eintauchen dürfen. Wir erleben Situationen, die uns bekannt sind und auch wieder fremd. Jeder Leser bringt das in das Buch mit, was er in seinem Lebensrucksack hat und bereit ist, damit zu tun.

Das Duo Walter Wolff besteht aus Alexandra Kaufmann und Hanin Lerch. Sie zeichnen für die grafische Ästhetik. Sie sind Künstlerinnen, stellen aus, illustrieren, entwerfen individuelle Vorlagen für Tätowierungen, drucken mit Sieb oder Schablonen. Nichts in dem Buch ist von ihnen platt kommentiert, nichts ist Abbild, nichts tautologische Erläuterung. Text und Grafik verbinden sich auf viel subtilere Weise. Was Autorin und Grafikerinnen hier kreiert haben ist wundervoll, weil bemerkenswert, individuell und gut gemacht. Es verbindet sich in der Formen-Sprache, in ihrer Reduziertheit und in ihren jeweiligen Phantasievolumen.

„Am Abend löscht der Tuinar alle Sätze, die er an diesem Tag gesagt hat“, heißt es gegen Ende des Buches. Aber was machen wir mit unseren Sätzen, Assoziationen und Gedanken? Wir löschen sie nicht!

Noëmi Lerch: Willkommen im Tal der Tränen

Mit Bildern vom Duo Walter Wolff
Verlag: verlag die brotsuppe, Biel (CH)
288 Seiten, gebunden mit Leinenumschlag
ISBN 978-3-03867-015-5

YouTube-Video:
Noëmi Lerch und Walter Wolff | Willkommen im Tal der Tränen


Abbildungsnachweis:
Buchumschlag und Porträt Noëmi Lerch, Foto: Jano Felice Pajarola

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