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Muralismo: Die Wandkunst Argentiniens

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Montag, den 23. September 2019 um 07:46 Uhr
Muralismo: Die Wandkunst Argentiniens 4.4 out of 5 based on 107 votes.
Muralismo Die Wandkunst Argentiniens

Volkstümliche Kunst? Was soll das denn sein? Kunst, die in der Tradition eines Landes wurzelt und alte oder sogar älteste Motive aufnimmt, ohne peinlich zu werden? Eine nationale Kunst, die sich von der Kunst anderer Länder unterscheidet, weil die Arbeiten verschiedener Künstler einen ähnlichen Stil aufweisen? Geht das heute überhaupt noch?
Auch in Argentinien gibt es so etwas wie wilhelminische Denkmäler, die an den Freiheitskampf Anfang des 19. Jahrhunderts und an Generäle erinnern, deren Namen sonst noch auf Straßenschildern auftauchen. Es sind Brunnen oder feierliche Bronzestatuen, wie sie auch in Deutschland herumstehen; und wie in Deutschland gehören sie irgendwie dazu, ohne dass man sich großartig um sie kümmert. Sie sind nichts, das den Leuten wirklich nahegeht.

Aber es gibt auch eine Kunst, der es gelingt, sowohl international als auch national zu sein, die nationale Motivik verarbeitet und trotzdem international ist, die an Traditionen anknüpft und trotzdem in unsere Zeit gehört. Dank ihrer Verwurzelung in alte und manchmal älteste Geschichte ist diese Kunst niemals so verwechselbar und beliebig, dass man sie auf Kunstausstellungen der ganzen Welt finden könnte. Die Rede ist vom „Muralismo“, also von der für ganz Lateinamerika typischen Kunst, die sich an Wänden (murales) befindet.

Der „Muralismo“ ist eine Bewegung, die von Mexiko ihren Ausgang nahm – ihr bedeutendster Vertreter ist bis heute der Mexikaner Diego Rivera (1886-1957), der hierzulande schon wegen seiner Verbindung mit Frida Kahlo bekannt ist. Er durfte an prominenten Orten riesige Murales herstellen, die eine geradezu ungeheure Fülle von folkloristischen, historischen und religiösen Motiven vereinen – gigantische Fresken, in denen man gerne umherschaut, die man aber auch wirklich studieren muss, wenn man ihre Fülle aufnehmen und verarbeiten will.

Rivera war ein politischer Künstler, der Lenin verehrte und Trotzki in seinem Haus wohnen ließ, als dieser vor Stalin nach Mexiko flüchtete. In seinem Werk verarbeitete er Anregungen des Kubismus, aber er ließ sich auch von den Fresken der Renaissance anregen – und er griff auf die präkolumbianische Kunst zurück. In diesem Punkt sollten ihm Muralistas in ganz Lateinamerika folgen.

Von Mexiko aus breiteten sich Murales in ganz Lateinamerika aus, und es gibt auch eine große Anzahl in Argentinien. Das erste, das mir überhaupt begegnete und das mich mit seinem direkten Verweis auf die Geschichte geradezu schockierte, befindet sich in Catamarca an einer Straßenecke. Es erinnert unter dem Titel „El grito del silencio“ (Der Schrei des Schweigens) an die Zeit der Militärdiktatur (1976-1983) und die vielen Verschwundenen („Desaperecidos“). Die „Schande von Cordoba“, als die man bis heute die Niederlage der deutschen Nationalmannschaft 1978 gegen Österreich beklagt, war aber tatsächlich überhaupt keine Schande – vielmehr war es eine Schande, dass sich Politiker, Journalisten und Fußballspieler einen feuchten Kehrricht um Tote oder Verschwundene scherten. Man behauptete, sich insgeheim für die Demokratie einzusetzen, empfing aber mit dem Oberst Rudel einen Altnazi auf dem Trainingsplatz… Die Niederlage hatten sie sich also redlich verdient.

Trotz dieses beeindruckenden Bildes: nicht die politischen Murales sind die wichtigen, sondern diejenigen, die volkstümliche Motive aufnehmen oder die die so lange verschwiegene oder verdrängte Kultur vor den Spaniern ins Bild setzen – ganz genau so, wie es auch die Murales von Diego Rivera und vieler anderer tun. Eine entsprechend ausgerichtete Kunst wäre (oder ist…) in Deutschland kaum denkbar, denn nur Esoteriker oder Rechte knüpfen ernsthaft an das Heidentum oder an die alten Germanen an. Ganz anders in Argentinien, wo in den Murales wie in der Kleidung eine nationale Kunst gepflegt wird, die von den Ornamenten, Motiven und endlich der Mythologie der Anden bestimmt wird. Ohne Peinlichkeiten ist das möglich, weil es sich um eine unterdrückte Kultur handelt.

Zunächst sind es zahlreiche indigene (andine) Ornamente, etwa Zickzacklinien oder sich aneinanderreihende Rechtecke, die oft den First eines einstöckigen Hauses bekrönen, aber auch oft als Schmuck auf Kleidung zu finden sind, auf Ledergürteln und Taschentüchern, auf Ponchos und T-Shirts. Auf Plastiken wie auf Bildern wird sehr gern das Typische der Figuren betont, von denen viele das Aussehen der indigenen Bevölkerung besitzen: deren dunkle magere Gesichter, ihre hohen Wangenknochen und geschlitzten Augen. So sind es Motive der Anden, die den Charakter der Monumente und Murales von Catamarca bestimmen, und in einem großen Teil der Bevölkerung fließt ja wirklich das Blut der Ureinwohner.

Das alles findet sich nicht allein auf Kleidung, sondern auch auf verschiedenen Murales. In die Augen fallen zunächst die Farben – in Catamarca sind es meist Erdfarben, gerne Ocker oder ein braunes Rot, deren dunkle Schönheit im Schein der tiefstehenden Sonne plastisch hervortritt.

Ein durchdachtes und schönes Mural ist das programmatische „Mural de los artes“ von Susana Maltese, in dem die verschiedenen Künste im Bild eingefangen wurden – und zwar mit nationalen Künstlern. Luis Torres, der Gitarrist, steht ebenso für die Musik wie Maestro Castellanos mit seinem Bandoneon, dem argentinischen Nationalinstrument. Luis Franco, ein Autor aus Belén, repräsentiert die Literatur. Und endlich sieht man weiter links eine Tänzerin, deren Äußeres an die Künstlerin selbst erinnert, sowie die Maske, die natürlich das Theater repräsentiert. Die Malerei und Skulptur? Die stellen sich in Susanas Werk selbst dar und wurden deshalb nicht abgebildet.

Nicht weit entfernt gib es eine andere Arbeit derselben Muralista. Auf dem Ausschnitt, den das Foto zeigt, sieht man rechts eine „China“, die Frau eines Gauchos, die ihr Kind stillt, und zur Linken kniet auf einem altarähnlichen Podest ein Mann, der in seinen Händen „Tata Inti“ (Vater Sonne) Cocablätter anbietet. Die Blätter dieser Pflanze werden ja auch heute noch gekaut – zum Beispiel von Busfahrern, die sich wachhalten wollen, oder von allen möglichen Leuten, um Puna zu bekämpfen, die Höhenkrankheit. Und in einem anderen Park, Huayra Tawa („Vier Winde“ in Quechua, der Sprache der Anden), findet sich ein großes Tor, das mit seiner archaischen Wucht an die präkolumbianische Architektur anknüpft und manche Europäer an die Ruinen mykenischer Burgen erinnern wird.

Noch ein anderes Kunstwerk thematisiert in Catamarca den Bezug auf die indigene Kultur. Das geschieht in einem wiederum als Relief gearbeiteten Mural, das sich in der Nähe der Universität an der Gartenmauer eines Altersheimes findet – unter dem Titel „America ancestral“ (das uralte Amerika) wird von Roberto Albizu, den seine Kollegen respektvoll Maestro nennen, die alte indigene Kultur beschworen. Im Zentrum von Catamarca gibt es ein kleines archäologisches Museum, vor dessen Eingang ein Priester segnend seine Hand auf den Kopf eines knienden Ureinwohners legt, so, als wären es die Europäer gewesen, die erst die Kultur nach Südamerika gebracht hätten. Und dabei besteht die einzige Aufgabe dieses Museums in dem Beweis des Gegenteils, darin, mit der Hilfe alter Scherben in Glaskästen einen Überblick über die reichen präkolumbianischen Kulturen der Umgebung zu geben!

Es ist die alte, in ihren Ursprüngen uralte und trotzdem immer noch lebendige Alltagskultur der Anden, auf die das schöne, plastische und sehr sauber gearbeitete Relief Albizus hinweist. Zunächst thematisiert es die Bedeutung der Musik für den Alltag, indem es verschiedene für die indigene Kultur typische Instrumente abbildet. Da ist die Gitarre der Anden („charango“), aber nicht fehlen dürfen die Hirtenflöte („siku“), die aussieht wie eine Panflöte, und die an unsere Blockflöte erinnernde „quena“. Dazu kommen die Wollmütze der Anden („chullo“) beim Quena-Spieler und der Sombrero des Gauchos beim Charango-Spieler.

Schwieriger zu entdecken ist der Kopf des fast mystisch verehrten Kondors, obwohl sein scharfer Schnabel fast das Zentrum des Mural bildet. Der Kondor ist auch in den Bergen rund um Catamarca heimisch, ebenso wie es Lamas, Alpacas und Vicuñas sind, die weiter oben auf dem Mural abgebildet sind. Ganz sicher bin ich mir nicht, ob der Hals des gewaltigen Vogels nicht nach links in die Bombilla mündet, das metallische Rohr, aus dem Catamarqueño und Catamarqueña in winzigen Schlucken ihren Mate nehmen.

Auf die heidnische Religion verweisen oben links eine Maske sowie ein Mann mit einer Federkrone, aber in der Mitte des Geschehens steht die Kathedrale. Schließlich befinden wir uns in Catamarca, in der die Jungfrau Maria kultisch verehrt wird – zu Beginn des 17. Jahrhunderts gab es eine Marienerscheinung, an die bis heute eine alljährliche Prozession erinnert, und es ist die Kathedrale, die das Zentrum der Stirnseite des Hauptplatzes einnimmt, nicht etwa der Sitz des Gouverneurs. Allerdings, eigentlich sehen fast alle Hauptkirchen in Argentinien gleich aus, haben nämlich einen plumpen Turm links, einen rechts; und dazwischen befindet sich ein mehr oder weniger großer, im Inneren meist düsterer Bau mit neobarocker Ausstattung aus dem 19. Jahrhundert. In Dorfkirchen kann man oft schöne naive Malerei entdecken, aber in den Zentren blüht wohl doch eher der katholische Kitsch. Und an Straßenecken wird an die alte Kultur erinnert.

Muralismo: Die Wandkunst Argentiniens


Youtube-Videos
- Murales von Roberto Albizu, Mural Oral in Miramar (spanisch) 1:56 Min.
- Murales von der Künstlerin Susana Maltese (spanisch) 5:24 Min.
- Muralismo Mexicano | Reportaje Especial con Sofía Rattinger (spanisch) 9:13 Min.

Abbildungsnachweis:
Header: Muralismo. Foto: Efes Kitap
01. Mexiko-Stadt, Palacio Nacional: Wandgemälde von Diego Rivera, das auch das religiöse Leben in aztekischen Zeiten, in Tenochtitlan zeigt.
02.
Mexiko-Stadt, Palacio Nacional: Wandgemälde von Diego Rivera, Lehrer auf dem Land.
03. Mural: „El grito del silencio“ (Der Schrei des Schweigens). Foto: Stefan Diebitz
04. Mural (Detail) von Susana Maltese. Foto: Stefan Diebitz
05. Huayra Tawa („Vier Winde“ in Quechua, der Sprache der Anden), von Susana Maltese. Foto: Stefan Diebitz
06. Murales (Details) von Susana Maltese: "Tati Inti" (l), Bandoneon und Gitarre (r). Fotos: Stefan Diebitz
07. Encuentro Nacional de Arte Público y Muralismo, organizado por el Prof. Jorge Cruz Crinejo, Delegado Nacional en Córdoba del Movimiento Nacional de Muralistas de Argentina "Italo Grassi", en concordancia con la Municipalidad de Villa María y la Universidad Popular. Werk von Roberto Albizu. Foto: privat
08. und 9. "America ancestral" (Details) von Roberto Albizu. Fotos: Stefan Diebitz

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