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Lucrezia Borgia
Die italienisch-spanische Herzogin Lucrezia, uneheliche Tochter Papst Alexanders VI. und Schwester von Cesare, verkörperte, wie die gesamte Sippe der Borgia, die Machtgier und moralische Korruption des Papsttums in der Renaissance. Lucrezia Borgia galt über Jahrhunderte als Inbegriff für Giftmischerei, Ehebruch und Inzest. Solche Vorwürfe hatten ihren Ursprung in den Gerüchten und Verleumdungen ihrer eigenen Zeit und wurden bewusst von Historikern und Autoren in deren Werken aufgegriffen und verstärkt. Erst die neuere Geschichtsforschung betrachtete Lucrezia Borgia in einem differenzierten Licht und stellte zahlreiche Anklagen zumindest in Frage.

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Gleichwohl gibt es wenige Frauen der Weltgeschichte, die Maler, Dichter und Geschichtenerzähler so stark inspiriert haben wie die schöne, mächtige Herzogin Lucrezia. Hollywood widmete ihr und ihrem Clan zahlreiche Filme – bis hin zu Francis Ford Coppolas legendärer ‚Pate’-Trilogie, für die sich der Autor Mario Puzo beim Verfassen des Drehbuches von der Geschichte der berühmten Renaissancefamilie inspirieren ließ.

Selbst in jüngster Zeit sind die Ereignisse um das mächtige Herrschergeschlecht von Interesse. Gleich zwei Fernsehserien wetteiferten um die Deutungsmacht in Sachen Borgia, beide jeweils angereichert mit einer gehörigen Portion Sex and Crime.

Monster und Mutter
„Man stecke in das Monster eine Mutter; und schon wird das Monster alle in seinen Bann ziehen und alle zum Weinen bringen, und dieses Geschöpf, das vorher alle in Angst versetzt hat, wird Mitleid erregen, und diese abartige Seele wird in den Augen des Publikums beinahe schön erscheinen.“ (Victor Hugo, Vorwort zu „Lucrèce Borgia“)

Im 19. Jahrhundert widmete der große Romancier und Dramatiker Victor Hugo der Papsttochter ein Drama, das wenig später durch den Librettisten Felice Romani zu einem Operntext geformt wurde. Wie viele andere Schöpfer historischer Dramen gestaltete Hugo den Stoff mit großzügiger literarischer Freiheit, da es in erster Linie um bühnenwirksame und spektakuläre Handlungen ging, wie sie vom zeitgenössischen Publikum verlangt wurden. Vergleichbar mit „Le roi s’amuse“ (Der König amüsiert sich) – Verdis spätere Vorlage für „Rigoletto“ – ist auch „Lucrèce Borgia“ ein Drama der drastischen Kontraste. Hugo zeigt, wie abstoßende Figuren unter bestimmten Umständen dennoch unser Mitgefühl wecken können: Bei „Le roi s’amuse“ stehen die körperliche Verkrüppelung und der Zynismus des Hofnarren Triboulet in krassem Gegensatz zu seinem liebenden Vaterherz. Bei Lucrèce wirken zwar ihre Skrupellosigkeit und moralische Verworfenheit abstoßend, aber ihre Mutterliebe erregt unser Mitleid. Elternliebe auf der einen Seite, kaltes Machtstreben und verwerfliche sexuelle Gier auf der anderen: Übertragen auf die Familie der Borgia würde die Botschaft lauten, dass die einst normalen Familienverhältnisse durch Inzest, Mord und sexuelle Ausschweifungen völlig zerstört wurden.

Donizetti oder Mercadante? – Die Entstehung
Als Felice Romani mit der Arbeit am Libretto für „Lucrezia Borgia“ begann, war nicht entschieden, ob Saverio Mercadante oder Gaetano Donizetti die Vertonung übernehmen würde. Durch ein Versehen hatten beide Komponisten von der Direktion der Mailänder Scala einen Auftrag erhalten, die Eröffnungspremiere der Saison 1833 mit einer neuen Oper zu bestreiten. Mercadante winkte schließlich ab, er wolle statt einer „Lucrezia“ lieber eine „Saffo“ komponieren. Doch damit waren die Schwierigkeiten für Romani und dem nun als Komponist feststehenden Donizetti noch nicht ausgeräumt: Der Librettist war angehalten, bei der Umarbeitung des Dramas von Hugo zu einem Operntext wichtige Aspekte zu berücksichtigen, etwa, dass die Bedürfnisse für die Opernbühne andere als die des Schauspiels waren und auch eventuelle Einwände der Zensur in Kauf genommen werden mussten. Immerhin ging es um die Verbrechen einer italienischen Adelsangehörigen. Romani rückte daher die private Tragödie Lucrezias in den Mittelpunkt, verknappte Personal und Episoden, indem er alle für den Verlauf der Handlung wichtigen Textpassagen den Hauptfiguren zuwies. Als das Werk schon weit fortgeschritten war, trat die Primadonna Henriette Méric-Lalande auf den Plan und meldete Änderungswünsche an. Vor allem verlangte sie eine Bravourarie im Finale, um Lucrezias Schmerz angesichts des toten Sohnes angemessenen Raum zu verschaffen.

Um den Uraufführungstermin nicht zu gefährden, musste Donizetti die umfangreiche Komposition in großer Geschwindigkeit niederschreiben. Der hohen musikalischen Qualität des Werkes tat das keinen Abbruch, schließlich war der Komponist als Schnellschreiber bekannt, was einst Heinrich Heine zu der gern zitierten Bemerkung verleitet hat, in seiner Fruchtbarkeit stehe Donizetti nur den Kaninchen nach.

Am 26. Dezember 1833 hob sich zum ersten Mal der Vorhang für „Lucrezia Borgia“. Mit der umjubelten Uraufführung startete nicht nur die Karnevalssaison an der Mailänder Scala, sondern auch der Eroberungszug der Oper an bedeutende Bühnen; „Lucrezia Borgia“ wurde zu einem der größten Erfolge Donizettis zu seinen Lebzeiten.

„Konzerte für Stimmen“ um 1830
Die Opernhäuser bildeten zu jener Zeit den Dreh- und Angelpunkt des kulturellen gesellschaftlichen Lebens Italiens. Angebot und Nachfrage waren gleichermaßen groß. Komponisten wie Donizetti, Bellini oder Rossini lieferten in der Regel mindestens zwei Opern im Jahr. Donizetti galt unter den Tonsetzern nicht nur als der schnellste, sondern auch als einer der experimentierfreudigsten. Bei der Auswahl der Sujets und ihrer Bearbeitung waren aber nicht nur die Komponisten, sondern auch die Theaterdirektoren und vor allem ihre Gesangsstars im wahrsten Sinne des Wortes tonangebend. Das Publikum vergötterte die Sänger. Dementsprechend hoch war ihr Marktwert, und alles hatte sich ihnen unterzuordnen. Ein Beispiel aus den Entstehungstagen der Oper „Lucrezia Borgia“, deren Prolog auf einem venezianischen Maskenfest spielt: Die bereits erwähnte Henriette Méric-Lalande weigerte sich, maskiert die Bühne zu betreten, weil sie den Begrüßungsapplaus ihrer vielen Anhänger aufs Spiel gesetzt sah. „Die Königin in der Manege“, so formulierte Leo Karl Gerhartz, wollte nicht auf angestammte Privilegien verzichten: „[…] schließlich ging es zuvörderst um ihre Kunst, d. h. um die möglichst virtuose Prachtentfaltung ihrer Stimme […] Im Dienste der regierenden Primadonnen und ihrer Kollegen sind die Opern der zwanziger und dreißiger Jahre im Italien des 19. Jahrhunderts auf ihrer ersten und einfachsten Ebene ‚Konzerte für Stimmen’ […] wie der Teufelsgeiger Niccolo Paganini auf dem Konzertpodium mit Pizzikati und Springbogen, zauberten die Sänger im Opernhaus mit Trillern und Koloraturen.“

Tatsächlich ist das Überleben vieler Belcanto-Opern überwiegend den großen Primadonnen zu verdanken, herausragenden Sängerinnen wie Edita Gruberova. Als diese jüngst mit dem Herbert von Karajan-Preis ausgezeichnet wurde, hieß es in der Laudatio: „Edita Gruberova hat uns diese Opern gewissermaßen neu geschenkt. Erst dank ihr wird uns bewusst, was diese Frauenfiguren ausmacht, was sie bewegt, warum sie so und nicht anders handeln müssen, woran sie leiden und lieben und woran sie, beim Belcanto ist das ja leider häufig der Fall, tödlich scheitern müssen.“ Und Stimmenkenner Jürgen Kesting griff bei einem Loblied auf die Ausnahmekünstlerin zu einem Goethezitat: „Alles Vollkommene in seiner Art muss über seine Art hinausgehen; es muss etwas Anderes, Unvergleichbares werden. In manchen Tönen ist die Nachtigall noch Vogel; dann steigt sie über ihre Klasse hinaus und scheint jedem Gefiederten andeuten zu wollen, was eigentlich Singen heißt.“ In gemeinsamer Prominenz stehen sich also die historische Figur Lucrezia und ihre heutige Interpretin in nichts nach.


Dieser Artikel erscheint in Kooperation mit der Hamburgischen Staatsoper, Annedore Cordes schrieb diesen Beitrag für das Journal Nr. 4 2013/2014.


Gaetano Donizetti: „Lucrezia Borgia“
Musikalische Leitung: Pietro Rizzo
Es singt der Chor der Hamburgischen Staatsoper unter der Leitung von Christian Günther

Aufführungen: Mi, 26.03.2014 - 19:00 Uhr, So, 30.03.2014 19:00 - 21:30 Uhr und Do, 3.04.2014 19:00 - 21:30 Uhr
Großes Haus, Dammtorstraße 28, 20354 Hamburg
Preise: 6 bis 132 € (S)


Fotonachweis:
Header: Detail eines Silberdrucks der 32-jährigen Lucrezia Borgia, die ihren Sohn, Ercole (geb. 1508), dem Protektor von Ferrara, San Maurelio, präsentiert. Giannantonio da Foligno, um 1512. (Quelle: Wikipedia)
Galerie:
01. Edita Gruberova Foto: Eiichiro Sakata. © Hamburgische Staatsoper
02. Gaetano Donizetti, Lithographie von Josef Kriehuber, 1842 (Quelle: Wikipedia)

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