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Fotografie

Heranwachsende haben eine eigene Sprache, eine eigene Jugendkultur, eigene Kleidung und Freizeitaktivitäten. Dazu gehört auch das Rumhängen auf Straßen, auf Plätzen. Ein allgemein gültiges Phänomen unserer globalen Gesellschaft, dass sowohl in England, Frankreich, Deutschland als auch im amerikanischen Trona, einem kleinen Kaff 270 Kilometer nordöstlich von Los Angeles, zu finden ist. Trona, einst prosperierende Industriestadt, hat nach dem Zusammenbruch der Industrie noch etwa 2.000 Einwohner. Arbeits- und Perspektivlosigkeit, Frust, Langeweile, Alkohol und vor allen Dingen die Designerdroge Crystal Meth zerstören die einstige Kleinstadtidylle. 2008 reiste Zielony nach Trona, um den ökonomischen und sozialen Niedergang der Stadt und den seiner Bewohner dokumentarisch festzuhalten. Seine 18-teilige Fotoreihe „Trona“ umfasst menschenleere Landschaften, Stadtbilder mit maroden Straßen und morbiden Hausfassaden sowie Bilder von Jugendlichen, die auf Straßen und Plätzen "abhängen", um ihre Langeweile totzuschlagen.

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Welche Geschichten erzählen die Fotografien über das Leben dieser Generation? In "Dirt Field" liegt von Crystal Meth berauscht ein vom Fahrrad gefallener junger Mann zusammen gekrümmt auf einem Sportplatz. Zwei Jungen und ein Mädchen posieren in "Car Wreck" vor einem ausgeschlachteten Autowrack. Im Hintergrund Häuser, Strommasten, karge Berghügel. Jeans, Sneakers und Baseballkappe entsprechen dem normierten Dresscoat der Jugendkultur. Die drei unterhalten sich, die Blicke einander zugewendet. Der stehende junge Mann inszeniert sich in cooler John-Wayne-Pose - die rechte Hand greift an einen imaginären Colt.

Diese Selbstinszenierung seiner Protagonisten ist charakteristisch für Zielonys Aufnahmen. Er überlässt ihnen Gesten und Posen. Dennoch ist deren Habitus kein Hinweis auf persönliche Eigenschaften, sondern Adaption medial übermittelter Bilder aus Film und Fernsehen. Ein Aspekt, der die Spannung seiner Bildsprache prägt. Neben der ästhetischen Perfektion der Fotoarbeiten, signalisieren seine Fotografien jedoch die Hoffnungslosigkeit einer verlorenen Generation. "I've seen people and situations here that turned my hair white", so Zielony. Der Amerikanische Traum ist in Trona längst zum Albtraum geworden.

Im Gegensatz zu den Aufnahmen aus dem fernen Kalifornien entstand "Jenny Jenny" in Berlin, der Heimatstadt des Fotografen. Eher zufällig, wie er sagt. Er habe in der U-Bahn ein junges Paar angesprochen und gebeten, sie fotografieren zu dürfen. Sie seien zusammen ausgestiegen. Auf die Frage, wo er sie noch einmal treffen könne, antwortete die junge Frau "Hier. Ich arbeite hier auf der Straße".
Seine Neugierde und sein Interesse für ein neues Fotoprojekt waren geweckt. Er suchte und fand sechs Frauen, die bereit waren sich auf sein fotografisches Experiment einzulassen. Frauen, die am Rande unserer Gesellschaft stehen und deren Beruf immer noch ein indigniertes "Naserümpfen" hervorruft. Nur durch Straßenlampen und Neonreklame erhellt, fotografierte er diese Frauen, die im Schutze der Dunkelheit in Parks oder auf Straßen ihren Körper verkaufen. Daneben sind viele seiner Fotos in Innenräumen entstanden, irgendwo in Berlin. Intime Räume: bunte Lampen - die einzigen natürlichen Lichtquellen für seine Arbeit - werfen auf Wände, Spiegel, Türen, faltenreiche Laken ein schummriges Licht. In dieser räumlichen Enge kommt Zielony den Frauen sehr nahe, wahrt aber dennoch in seiner Dokumentation die notwendige Distanz. Gleichwohl präsentieren sich seine Protagonistinnen in lasziven oder provokanten Posen. Mit schonungsloser Offenheit zeigen sie ihre nackten Körper, die Operationsnarben, die vernarbten Ritzungen auf den Armen. Einige blicken fest in die Kamera, andere richten den Blick in unbestimmte Ferne. Auf einem Foto liegt eine junge Frau auf dem Bett. Der Oberkörper ist nackt, das Gesicht dem Betrachter zugewandt, der Mund grellrot geschminkt. Unter schwarz gemalten Augenbrauen fixiert ihr Blick den Fotografen. Eine andere Frau im blauen Pullover hält zwei Bilder von Drogensüchtigen aus dem aufgeschlagenen Buch "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" in die Kamera.

Neben den Portraits hat der Fotograf Impressionen des nächtlichen Berlins eingefangen: Parks mit riesigen belaubten Bäumen, moderne Bauten im kalten Neonlicht oder Plattenbauten, deren helle Fenster Wärme und Geborgenheit ausstrahlen. Sie sind im Ausstellungsraum als ruhender Pol zwischen den Frauenportraits positioniert.

Das in den letzten zwei Jahren entstandene Projekt "Jenny Jenny" umfasst 38 Fotoarbeiten, die jetzt erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden. Die Fotoserie auf die Klischees Sexualität und Prostitution zu reduzieren, entspricht nicht der Intention des Fotokünstlers und der Wertschätzung für seine Protagonistinnen. Der Titel "Jenny Jenny" sei frei gewählt. "Einfach so", sagt Zielony.


Die empfehlenswerte Ausstellung Tobias Zielony: "Jenny Jenny" ist bis zum 30. September 2013 in der Berlinischen Galerie im Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, in der Alte Jakobstraße 124-128, in 10969 Berlin zu sehen.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag von 10:00-18:00 Uhr, dienstags ist geschlossen.
Ein Katalog ist erschienen.
Weitere Informationen: www.berlinischegalerie.de


Fotonachweis: Alle © Tobias Zielony
Header: Tobias Zielony: Detail aus BMX, aus der Serie: Trona, 2008
Galerie:
01. Dirt Field, aus der Serie: Trona, 2008
02. Kids, aus der Serie: Trona, 2008
03. Two Boys, aus der Serie: Trona, 2008
04. Ramshackle, aus der Serie: Trona, 2008
05. Schulter, aus der Serie: Jenny Jenny, 2013
06. Light Box, aus der Serie: Jenny Jenny, 2013
07. Muster, aus der Serie: Jenny Jenny, 2013
08. Vorhang, aus der Serie: Jenny Jenny, 2013
09. Tobias Zielony. Foto: Christel Busch

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