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Zum Interview in der Open-air-Kantine des Festspielhauses kommt zu Beginn der letzten Probenwoche ein freundlicher, konzentrierter, älterer Herr, deutliche Ringe unter sehr wachen Augen, mit einer unverwechselbaren tiefen Reibeisenstimme, die kräftiges Rauchen in Form hält.

Hans-Juergen Fink (HJF): Herr Neuenfels, in Ihrem Buch "Wie viel Musik braucht der Mensch?" erzählen Sie, dass Sie 2007 beim ersten Besuch in Bayreuth den sonst eher toten Richard Wagner getroffen haben.

Hans Neuenfels (HN): Er hat mich ganz schön überrascht. Er ließ mich in einen Konferenzraum holen und hat die Aufgaben, die seine Musik an den Regisseur stellt, verdoppelt, verdreifacht, verhundertfacht. Hier in Bayreuth zu inszenieren bedeutet, sportiv zu sein, dabei aber auch unglaublich listig und genau ...

HJF: Warum listig?

HN: Damit nicht innerhalb der überwältigenden Organisation, die das Festival aufgebaut hat, der Inhalt und die Absicht der Werke verloren gehen.

HJF: Es ist ein besonderes Haus hier?

HN: Es ist außergewöhnlich. Das hat mit der Ausschließlichkeit zu tun, mit der man sich hier um einen einzigen Komponisten kümmert. In einer Zeit, in der Fachwissen als Schimpfwort behandelt wird oder als Manko oder lästig, ist es grandios, mit welchem Enthusiasmus, welcher Genauigkeit und auch Impertinenz das Ganze geführt wird. Diese permanente Auseinandersetzung bringt Herz und Hirn in Wallung - das ist schon sehr gut.

HJF: Wie gehen Sie mit der Tradition des Hauses um, die durch die lang nachwirkende Nähe von Teilen der Wagner-Familie zum Nationalsozialismus belastet ist?

HN: Wir haben - ich und mein Bühnenbildner Reinhard von der Thannen, ohne den das hier gar nicht möglich wäre, denn es ist eine von ihm stark optisch geprägte Arbeit - schon vor 17 Jahren in Stuttgart bei den "Meistersingern" Wagner für uns entnazifiziert. Will sagen: Es gibt keine einzige Note von Wagner, die mit Antisemitismus oder mit reaktionärem Sinn zu tun hätte ...

HJF: ... gerade im "Lohengrin"-Libretto gibt es aber eine ganze Menge Heil und Sieg, Führer, Horden des Ostens, deutsches Land und dergleichen ...

HN: Ja, ganz wilde Dinge. Man sieht Wagner ja noch immer als Romantiker, der nicht durch den Rausch zur Aufklärung kommt. Wenn man ihn nur wortwörtlich nimmt, was ja auch Hitler getan hat, kann man ihn so sehen. Wenn man aber seine Musik analysiert, merkt man, wie raffiniert er solcher Denke Fallen stellt. Für mich ist die Musik entscheidend.

HJF: Sie suchen verborgene Handlungen, die sich unterhalb der sichtbaren abspielen.

HN: Die wichtigste ist, dass hier ein Mensch, Lohengrin, eine radikale These stellt, von der er weiß, dass sie unmöglich bestehen kann. Er versucht sie dennoch mit Mühe und Leidenschaft zu leben - es ist unglaublich modern, dieses: Ich weiß, es ist eigentlich unmöglich, aber ich versuche es trotzdem. Und er muss aushalten, dass er scheitert, weil Elsa die verbotene Frage natürlich stellt.

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