Neue Kommentare

Bartholomay zu Berliner Mauer 57. Jahrestag: Gedenkfeier ? Um von ihren Taten gegen die ehemal...
Herby Neubacher zu Eindringlicher Holocaust-Roman von Affinity Konar: „Mischling“ – keine leichte, aber lohnende Lektüre: Das hat uns jetzt eigentlich noch gefehlt - Erinn...
Ada Rompf zu „The Rider”. Die zärtlich-raue Poesie der Chloé Zhao : Besser kann man meinen Lieblingsfilm dieses Früh...
yolo 456 zu Die Juden vom Altrhein: man sollte einen artikel erst einmal lesen bevor ...
yolo123 zu Die Juden vom Altrhein: Das jüdische Leben in Deutschland ist vorbei und...

CDs KlassikKompass

Rudi Stephan – Chamber Works and Songs

Drucken
(112 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 04. August 2017 um 09:11 Uhr
Rudi Stephan – Chamber Works and Songs 4.3 out of 5 based on 112 votes.
Rudi Stephan – mit Signatur

Rudi Stephan (1887-1915) konnte sein Leben nicht lange leben, er konnte sein unglaublich großes musikalisch-kompositorisches Talent nicht vollständig ausreifen lassen und sein Werk konnte in den Erinnerungsfeldern der frühen 20. Jahrhunderts ebenfalls nicht gebührend überleben. Es hat ein Jahrhundert gedauert und 15 Jahre intensive Recherchearbeit des Pianisten Hinrich Alpers (*1981), bevor dieses außerordentliche und qualitätsvolle Album den jung, im Ersten Weltkrieg gefallenen Komponisten, in der bisher umfangreichsten Sammlung vorstellt.

Es ist kaum zu zählen wie viele gute, talentierte oder hochbegabte Künstler, den vielen Kriegen und der „Vernichtung“ zum Opfer gefallen sind. Rudi Stephan ist einer von Ihnen, gefallen 28-jährig bei Tarnopol/Galizien, am Rande des österreichisch-ungarischen Reiches (heute Ukraine). Welches Potential dieser Rudi Stephan, der in Worms geboren wurde und aus einer wohlhabenden und einflussreichen Familie stammte, lässt sich durch die verdienstvolle Arbeit Hinrich Alpers nun großflächig belegen.

Der Vater, Jurist und hessischer Landtagsabgeordneter war auch kulturell interessiert und leitete als Vorsitzender den örtlichen Wagnerverein. Das ist insofern erwähnenswert, weil die frühen Kompositionen und Entwürfe des Sohnes Rudi den Einfluss Richard Wagners und der Spätromantik noch in sich tragen, zumindest bis knapp zum Ende der 1900er-Jahre. Bereits 1905, mit 18 Jahren hatte er mit Erlaubnis der Eltern das Gymnasium verlassen und Studien beim Kompositionslehrer Bernhard Sekles am „Hochschen Konservatorium“ in Frankfurt/M. aufgenommen. „Dort lernt er die Welt eines Claude Debussy kennen und findet in den musiktheoretischen Schriften von Georg Capellen, die sich mit der Überwindung des Dur-Moll-Dualismus beschäftigen, das Fundament seiner Suche nach einer Musik, die ohne programmatischen Hintergrund und ohne symbolische Aussage ganz allein ‚aus sich’ und ‚für sich’ zu wirken vermag“, heißt es in einem lesenswerten Aufsatz von Wolfgang Willaschek zum „Leben und Werk Rudi Stephans“.

Schon die ersten Lieder auf dem Album verraten eine gewisse Nähe zu Richard Strauss. Insbesondere die Dramatik und die kompositorisch fein gearbeiteten Gefühlsauslöser sind es, die ihm nahekommen. Die Suche jedoch nach dem Eigenen, dem Unverwechselbaren steht im Zentrum seines Schaffens insbesondere ab 1907, nachdem Stephan nach München gezogen ist. Die Ergebnisse seiner Kompositionen ließen sich 1911 in der Münchener Tonhalle hören. Dieses vom Vater mitfinanzierte Konzert galt auch als Überprüfung seiner selbst und es ist augenfällig, dass Rudi Stephan immer wieder und jahrelang an den Kompositionen weiterarbeitete und Veränderungen vornahm.

Man kann Rudi Stephan durchaus einen expressionistischen Kompositionsstil zugestehen, der stark die inneren persönlichen, aber auch die äußeren Kämpfe seiner Zeit aufnimmt. „Er war wie so eine Art Gegenstück zu Arnold Schönberg“, erklärte Hinrich Alpers in einem Interview. Schon zu Beginn des Ersten Weltkriegs bezeichnet Stephan diesen als „schrecklichen Krieg“. Er wird sein „Schicksal“ werden, denn er fällt nach nur wenigen Tagen an der Front durch Kopfschuss.
Der expressionistische, später sachlich-realistische Schriftsteller und Freund Stephans, Kasimir Edschmid (1890-1966), schrieb in der Zeitschrift der Moderne und des Dada „Zeit=Echo, 1915-1916“ (Ausgabe Nr. 2 vom November 1915, S. 27ff) über Rudi Stephan: „Er wird die bedeutendste musikalische Kraft des jungen Deutschland gewesen sein.“

Die beiden CDs geben einen tiefen Einblick in die stetige Entwicklung Stephans zwischen 1904 und 1914. Das letzte Stück der Sammlung „Musik für Sieben Saiteninstrumente“ (1912), das auf dem Danziger Musikfestival des gleichen Jahres uraufgeführt wurde, lässt erahnen, wie groß das musikalische Vermögen dieses viel zu früh verstorbenen Künstlers gewesen ist. Großartig vorgetragen von den Musikern, die bereits im 100. Todesjahr Stephans zu den Niedersächsischen Musiktagen 2015 ein kleines Repertoire vortrugen. Schon als Kind hatte sich Hinrich Alpers bei einem Konzert des Hannoverschen Staatsorchesters für Stephans Musik begeistert, seitdem vergeblich nach Noten gefahndet und war erst im Rahmen seiner Ausbildung an der Musikhochschule in Hannover fündig geworden.
Wie schwierig es jedoch ist, an Material von Rudi Stephan zu gelangen, ist in erster Linie der Tatsache geschuldet, dass sein Archiv mit Manuskripten, Kompositionen und unvollendeten Arbeiten, nach einem Bombenangriff 1945 auf Worms, verbrannte.

Rudi Stephan – Chamber Works and Songs
Hinrich Alpers (Piano), Kuss Quartett, Marie-Pierre Langlamet (Harfe), Agata Szymczewska (Violine) Nabil Shehata, (Kontrabass), Tehila Nini Goldstaein (Sopran), Hanno Müller-Brachmann (Bariton)
Label: Sony
2 CDs, Booklet mit 31 Seiten
EAN: 889853634422

Hörproben

Zitat aus: Wolfgang Willaschek: „Leben und Werk Rudi Stephans“ https://www.funkstunde.com/de/musik/rudi-stephan/biographie.html


Abbildungsnachweis:
Header: Portraitfoto und Signatur. Quelle: Stadtarchiv Worms
Galerie:
01. CD-Cover
02. Rudi Stephan als Teenager mit seiner Mutter. Stadtarchiv Worms
03. Rudi Stephan im Kreise seiner Familie. Stadtarchiv Worms
04. Hinrich Alpers. www.hinrichalpers.com
05. Kuss Quartett.
www.kussquartet.com Foto: © MolinaVisuals alt

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Kolumne > CDs KlassikKompass > Rudi Stephan – Chamber Works and Songs

Mehr auf KulturPort.De

Das Dänische Architektur Center im BLOX mit „Welcome Home“
 Das Dänische Architektur Center im BLOX mit „Welcome Home“



Es ist gerade drei Monate her, da wurde das neue „Dansk Arkitektur Center“ (DAC) an der attraktiven Hafenfront Kopenhagens eröffnet. Aus einem modernisierte [ ... ]



Gedichte, die Bilder aus Worten sind: Günter Kunert – „Aus meinem Schattenreich“
 Gedichte, die Bilder aus Worten sind: Günter Kunert – „Aus meinem Schattenreich“



Oft wird gespöttelt: Günter Kunert sei ein Pessimist, ein Schwarzseher, eine Art männliche Kassandra von Kaisborstel. In diesem Dorf bei Itzehoe lebt der 1929 [ ... ]



Die Kaiserpfalz in Goslar. Eine Reise in die deutsche Vergangenheit
 Die Kaiserpfalz in Goslar. Eine Reise in die deutsche Vergangenheit



Sie war einst politisches und kulturelles Zentrum der mittelalterlichen Kaiser und Könige, wichtige Handelsstation im Herzen Europas, symbolische Wirkungsstätt [ ... ]



Internationales Sommerfestival auf Kampnagel Hamburg. Von Möwen und Spionen
 Internationales Sommerfestival auf Kampnagel Hamburg. Von Möwen und Spionen



Wechselbad der Gefühle am zweiten Abend des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel: Erst die abgedrehte Musical-Satire „König der Möwen“, danach da [ ... ]



Sommerfestival auf Kampnagel: Malpaso Dance Company – Triple Bill
 Sommerfestival auf Kampnagel: Malpaso Dance Company – Triple Bill



War es nun die erdrückende Hitze in der Halle K6, der alle möglichst rasch entkommen wollten oder konnte die kubanische Malpaso Dance Company, die Mittwochaben [ ... ]



Starkes journalistisches Dokument: „Sweet Occupation“ von Lizzie Doron
 Starkes journalistisches Dokument: „Sweet Occupation“ von Lizzie Doron



„Die Tragödie des Anderen zu verstehen, ist die Voraussetzung, um einander keine weiteren Tragödien zuzufügen“.
Dieser Satz steht auf der Titelseite von [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.