Neue Kommentare

Ada Rompf zu „The Rider”. Die zärtlich-raue Poesie der Chloé Zhao : Besser kann man meinen Lieblingsfilm dieses Früh...
yolo 456 zu Die Juden vom Altrhein: man sollte einen artikel erst einmal lesen bevor ...
yolo123 zu Die Juden vom Altrhein: Das jüdische Leben in Deutschland ist vorbei und...
Achenar Myst zu Nils Landgren with Janis Siegel: some other time: Die CD ist ein absoluter Genuss, tolle Auswahl de...
Achim zu Golnar & Mahan – Derakht: Musik, die glücklich macht - Danke !!!...

CDs KlassikKompass

Christoph Spering musiziert ohne Dogma: Bach – Lutherkantaten

Drucken
(58 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 02. Dezember 2016 um 11:00 Uhr
Christoph Spering musiziert ohne Dogma: Bach – Lutherkantaten 4.3 out of 5 based on 58 votes.
Christoph Spering musiziert ohne Dogma: Bach – Lutherkantaten

Um die rechte Art, Johann Sebastian Bachs Kantaten aufzuführen, tobt seit Jahrzehnten fast ein Glaubenskrieg. Nun nimmt Christoph Spering den bevorstehenden 500. Jahrestag der protestantischen Reformation zum Anlass, um 13 Kantaten nach Worten des Glaubenserneuerers Luther neu einzuspielen. Unaufgeregt, schlank, in einer guten Mischung aus Tradition, historisch informierter Aufführungspraxis und Musizieren, das aus der Seele kommt.

Martin Luther, der Reformator, hatte schnell erkannt, dass neben einer Bibel in deutscher Sprache Kirchenlieder eines der wirksamsten Propagandamittel sind, seine Glaubenssätze im Volk zu verbreiten. Er schrieb mehr als 30 Kirchenlieder – die Texte und zu etlichen auch die Melodien; sie fanden Eingang in die evangelischen Kirchengesangbücher. Einige von ihnen sind schon so etwas wie feste Grundpfeiler der evangelischen Kirchenmusik geworden. Und waren das auch 200 Jahre später noch, als Johann Sebastian Bach 1723 seine Stelle als Thomaskantor antrat.

Zur wöchentlichen Produktion und Aufführung einer geistlichen Kantate verpflichtet, war klar, dass Bach sich Luthers Kirchenlieder nicht entgehen lassen konnte – gehörten zu ihnen doch Hits des Gesangbuchs – von „Nun komm der Heiden Heiland“ über „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“ und „Christ lag in Todes Banden“ bis zum glaubensstarken „Ein feste Burg ist unser Gott“.

Interessantes und populäres Material, aus dem Bach einen kleinen Kosmos von Stücken quer durch das Kirchenjahr komponiert hat. Vom Adventslied „Nun komm der Heiden Heiland“, das Luther als Neudichtung des altkirchlichen Hymnus „Veni redemptor gentium“ von Ambrosius von Mailand (339–397) geschaffen hat – eines der Stammlieder der protestantischen Adventszeit, das gleich in zwei Fassungen in der Kantatensammlung präsent ist, bis zum ebenfalls in die Adventszeit gehörenden „Schwingt freudig euch empor“, dem nach einer hübschen Karriere als Glückwunschkantate zu verschiedenen Anlässen Bach seinen Platz im Kreis des Kirchenjahres verschaffte.

Christoph Spering: Bach – Lutherkantaten COVERDas Bach’sche Kantatenwerk ist lebendiger denn je in der Musizierpraxis, und über kaum eine andere Sparte seines Schaffens ist in den vergangenen Jahrzehnten so heftig gestritten worden wie über sie und die Aufführungskonventionen, die mit ihnen verbunden werden.
Großer Chor, kleiner Chor oder solistische Besetzung der Singstimmen? Knabenstimmen für Sopran und Alt oder Erwachsene? Wie groß darf das Orchester sein? Wollen wir die aufgeräumten, raschen Tempi mancher Alt-Musik-Neuerer, sollen die Rezitative mit kurzen Akkorden oder lang liegenden Tönen begleitet werden? Wie waren Bachs Ensembles aufgestellt? O-Ton Spering in einem Klassik.com-Interview vor Jahren: „...diese ganzen Alte-Musik-Ideologen können es einem schon verderben: Die endlosen Diskussionen darüber, wie die Chöre besetzt werden sollen… Solistisch, wie die Jünger von Wissenschaftlern wie Joshua Rifkin propagieren? Das ist doch Schwachsinn! Die Forschung hat doch belegt, dass es in Bachs Zeit vor allem eines nicht gab: eine Industrienorm.“

Einander ergänzende Sichtweisen auf dieselbe Musik
Für seine Einspielung der Lutherkantaten hat sich Christoph Spering mit seinem Chorus Musicus Köln und dem 1988 gegründeten Neuen Orchester ein ganz entspanntes Motto gesucht: „Kein Dogma“. Bach musste jede Woche neue improvisieren, mit besseren und schlechteren Sängern auskommen, von denen mal mehr und mal weniger zur Verfügung standen, und mit wechselnden Instrumentalbesetzungen. Die „einzig wahre“ Aufführungspraxis kann es schon deswegen nicht geben. Der Leipziger Musikwissenschaftler Andreas Glöckner zitiert in seinem Text den Thomasschulrektor Gesner, der davon ausgeht, das Bach im Normalfall 30, an hohen Feiertagen auch mal 40 Sänger und Musiker aufbieten konnte.
Spering kommt dem mit seinen Aufnahmen recht nahe, er setzt meist vier Sängerinnen/Sänger pro Stimme ein, bei zwei Kantaten allerdings („Christ lag in Todes Banden“ und „Nun komm der Heiden Heiland“ BWV 61) greift auch er auf ein Solistenquartett für die Chorpartien zurück und besetzt dann auch die Streicher schlank mit jeweils nur einem Instrumentalisten.
Seine Einspielungen, bei denen er auch die Solo-Partien mit frischen, jung klingenden Stimmen besetzt hat, sind erfreulich unaufgeregt, bevorzugen moderate Tempi, die in Relation zum menschlichen Pulsschlag stehen. Er lässt die Choräle langsam und mit Fermaten am Zeilenende singen (zum „Innehalten“ und „Bedenken“). Man hat die ultraschlanken, tief transparenten Aufnahmen von Sigiswald Kuijken noch im Ohr, die faszinierende Einblicke in Bachs Kompositionen erlauben – und ist doch fast mehr berührt von weicheren, fülligeren Chorklang dieser Lutherkantaten. Und möchte gar nicht entscheiden, welcher der Vorzug zu geben wäre – es sind konkurrierende, aber auch einander ergänzende Sichtweisen auf dieselbe grandiose Musik. Und ein guter Einstieg für Kantaten-Novizen.

Bach: Luther-Kantaten
Chorus Musicus Köln, Das Neue Orchester, Leitung: Christoph Spering.
Box mit 4 CDs,
deutsche harmonia mundi
8898 5320 832

Hörbeispiele


Abbildungsnachweis:
Header: Martin Luther und J.S. Bach
CD-Cover

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Kolumne > CDs KlassikKompass > Christoph Spering musiziert ohne Dogma: Bach ...

Mehr auf KulturPort.De

„Thietmars Welt. Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte“ – Eine Zeitreise in das Mittelalter
 „Thietmars Welt. Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte“ – Eine Zeitreise in das Mittelalter



Einer der berühmtesten Chronisten des Mittelalters war Thietmar von Merseburg (975-1018). Unter den römisch-deutschen Kaisern Otto III. bis zu Heinrich II. war [ ... ]



Elisabeth Weinek: „Was Sie sah“ – Andalusien, Marokko, Iran
 Elisabeth Weinek: „Was Sie sah“ – Andalusien, Marokko, Iran



Passend zur Festspielzeit werden in der Margarethenkapelle von St. Peter, eine der ältesten Kirchen Salzburgs, Fotografien gezeigt, die sich als „interkulture [ ... ]



Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte
 Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte



Auch heute noch geschehen beglückende Wunder: Mit 80 Jahren veröffentlichte die 1923 in Wien geborene Ilse Helbich ihren ersten Roman unter dem Titel „Schwal [ ... ]



Thierry van Werveke: Schauspieler, Rockstar, Troublemaker, Thierry National
 Thierry van Werveke: Schauspieler, Rockstar, Troublemaker, Thierry National



Thierry! – allein sein Vorname löst in Luxemburg schon entzücken aus und wird mit der Addition von „National“ zum Kult. In Deutschland und Österreich fr [ ... ]



„Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls
 „Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls



Samuel Moaz kreiert mit dem Antikriegsdrama „Foxtrot” einen atemberaubenden ästhetischen Kosmos: zornig, visuell kühn, emotional hochexplosiv, oft grausam, [ ... ]



Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte: „Der Vorname“
 Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte: „Der Vorname“



Das Stück brillant, die Schauspieler große Klasse, die Inszenierung rundum gelungen und der kleine Saal der Komödie Winterhuder Fährhaus restlos ausverkauft. [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.