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Welten: Akureyri

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Dienstag, den 21. Januar 2020 um 11:09 Uhr
Welten Akureyri

Akureyri ist eine Stadt im äußersten Norden Islands. In dem idyllisch, an einem Fjord gelegenen Zwanzigtausend-Seelen-Ort sind mehrere Kulturzentren, dort leben Musiker, Schriftsteller und bildende Künstler.
Und wie kommt nun eine vierköpfige Band aus Leipzig dazu, das neuste und dritte eigene Album (VÖ 31.1.2020) dieser Stadt zu widmen?

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot ausging... Laurenz Welten folgte einem Ruf in die Welt zu einem sechsmonatigen Aufenthalt auf Island und gemeinsam mit den anderen Bandmitgliedern wird man in der kargen, aber wunderschönen Natur des Inselstaats im Nordatlantik, inspiriert. Je abstruser die Situationen, umso besser. Wird man beim wilden Campen erwischt, hat das zur Folge, dass man übermüdet die Sachen packen muss, ins Auto stopft und weiterfährt. Um nicht einzuschlafen, dreht man die Musik etwas lauter. „Goat Mountain“ des kanadischen Ambient-Projekts „Loscil“ des Schlagzeugers Scott Morgan – in 10-Minuten-Loops gehört, förderte wahrscheinlich und hoffentlich nur beim Fahrer das Wachbleiben, bei den Mitfahrern entwickeln sich im sphärischen Dunst der brummenden Musik Visionen, Morganen und Halluzinationen. Das nenne ich dämmernde visuelle Inspiration, die zur Musik emporsteigt – werden darf. (Das fünfte von zwölf Stücken auf dem Album trägt den Namen des Gesamtwerks). Treffend beschrieben in der CD-Ankündigung als: „So entstanden Klänge von verträumter Intensität und von treibender Kraft, zerbrechliches Tongespinst steht neben klaren, erdigen Sounds – melancholische Schwere trifft auf kristallin geführte Melodiebögen.“

Welten Akureyri COVERDas saxophonlastige Album kann sich sehen und hören lassen; jeder der sich von der Spielfreude anderer mitreißen lassen kann wird hier unweigerlich in den Sog mitgerissen. Das heißt nicht, dass das Album nur temporeich wäre, die Variabilität macht es aus, die Experimentierfähigkeit und die erfolgreiche Suche nach ungewöhnlichen Klängen und Kombinationen.
Mal ganz Spieluhr (Track 1. Moschops 1:56), dann wieder großes Kino, frei im Spiel und doch aneinandergebunden. Skato Koutó (6:10) geheimnisvoll im Namen, geheimnisvoll in den Stimmungen. Wunderbare Wechsel der leisen Instrumentenführung, minimalistische Wiederholungen von Melodie.
Schnarren, Schnarzen, Läuten, Klimpern: Okjökull (2:53). Es ist vielleicht ein Totengesang auf den gleichnamigen Gletscher, der nicht mehr ist. Island erklärte erstmals, im August 2019, einen Gletscher für tot. Der Vulkan Ok liegt nun wie ein Totenschädel blank da – in 40 Jahren allein 9.000 Milliarden Tonnen Eis verloren. Welten haucht ihm ein wenig Leben ein, aber nicht als Abgesang, sondern als Hymne – geschnatzt auf ein einstmals filigranes Wesen.
Ein Samba-artiger Rhythmus beschließt Lamalo (5:56) und müsste richtigerweise so geschrieben werden: למה לא, denn es ist hebräisch und heißt u.a. „warum nicht?“. Hier die naheliegende Vermutung, dass es einen lokalen Zusammenhang zur Leipziger Fotografin Sarah Pschorn und ihrer gleichnamigen Fotoserie geben könnte, denn ihre Street-Photography-Bilder des Alltagslebens in Israel sind verblüffend, ebenso und vergleichbar rhythmisch.
Das albumtitelgebende Stück Akureyri (7:47) ist ein zunächst vom Synthesizer geführtes Stück, bevor die Saxophone eingreifen, saltatorisch, fast abgehackt, bewegen sich die Klänge durch den Raum, um irgendwann den in sich ruhenden Mittelpunkt erreicht zu haben.
Christina (2:37) ist eine persönliche Widmung und das hört man dem Stück an, es ist ruhig, gelassen und ehrlich in seinem melodiösen Fluss.
Kontrastiert dazu findet Hold On (3:53) sofort seine hohe Geschwindigkeit und galoppiert mit uns davon. Wir bleiben dran.
Zwei Titellose Stücke, die lediglich mit einer Anfangs- und einer Endklammer versehen sind (1:19 und 6:27) bilden annähernd eine dazugehörige Einheit. Die beiden ruhigen Stücke wirken wie auf sich selbst zurückgeworfen und schweben quasi dahin.
Auch Capurganá (5:34) schwelgt in persönlichen Erinnerungen wie viele andere Stücke dieses Albums auch. Sehr gut der Gesang von Valentin Mühlberger, der ohne Worte auskommt. Eine Reise nach Kolumbien zieht wie ein Roadmovie vor dem inneren Auge vorbei.
Das wohl mit unkonventionellste Stück heißt Snail Mary (5:41). Schlagzeug und Saxophon zu Beginn – dann öffnet sich ein Objektklang den Weg: hölzern, glasig, metallisch. Das ruhig dahinfließende wird nervös-zuckend und stürmisch. Die im Booklet selbsterwähnte Beeinflussung vom Stück „Psyche“ der britischen Gruppe „Massive Attack“ ist unüberhörbar.
Das letzte Stück Flutando III 1/1 (2:12) kennt ein kleines Kindergedicht, indem es um den Gleichklang von Menschen mit der Natur geht. Welten ist also in der Welt zuhause: begleitend, kritisch, empathisch.

Welten: Akureyri

Valentin Mühlberger: Wurlitzer, Moog, Gesang | Jonas Petry: Drums, Spacedrum, Tonbak, Daf, Wasserschale, Objekte | Lukas Backs: Altquerflöte, Querflöte, Percussion, Bassklarinette | Laurenz Welten: Altsaxophon, Tenorsaxophon, Klarinette, Bassklarinette
Label: JazzLab/Brokensilence
EAN: 4250137279428
Dauer: 43:37
VÖ: 31.01.2020
Hörprobe

YouTube-Videos:
- Akureyri
- WELTEN in Island


Abbildungsnachweis:
Headerfoto:
CD-Cover

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