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Das schräge Haus – ein Roman von Susanne Bohne

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Mittwoch, den 18. Dezember 2019 um 08:03 Uhr
Das schraege Haus – ein Roman von Susanne Bohne

Susanne Bohne gehört mit etwa vierzig Jahren zu den Frauen im angesagtesten Alter. Als alleinerziehende Mutter sollte sie absolut hip sein. Sie ist jedoch eher nicht hip, sondern auf eine sehr anmutige und charmante Art zeitlos, verletzlich und ein wenig melancholisch, ein Hauch Ally McBeal und eine Spur fabelhafte Welt der Amélie.

Sie hat Germanistik studiert und als Designerin gearbeitet, auch eine Weile von Hartz IV gelebt, einschließlich der dazugehörigen Zweifel und Depressionen.

2009 war sie mal aus Versehen ein bisschen berühmt, weil Heinz Strunk zufällig der (obwohl sie ja manchmal nach Pipi riecht) völlig unwiderstehlichen Traumfrau aus seinem Roman ‚Fleckenteufel‘ den Namen ‚Susanne Bohne‘ verpasste. Dadurch bekam sie plötzlich Fanpost, sowohl von Strunks Lesern als auch von ihm selbst. Und dachte darüber nach, ob sie um eine kleine Beteiligung an den Tantiemen bitten sollte …

Nachdem sie ihre Tochter hatte, begann sie, Kinderbücher zu schreiben und zu illustrieren, Geschichten um Sina Schwungwurm, Pia Pilzwurm und Wilma Wochenwurm. Außerdem spricht Susanne Bohne mit Wolken, und das ganz öffentlich, auf ihrem Blog.

Jetzt ist ihr erster Roman da. Sie hat ihn ihrer Tochter gewidmet, die schon zur Schule geht und einen Wackelzahn hat.

Das schraege Haus – Susanne Bohne COVERDas Buch teilt sich auf in die ersten 100 – und die letzten 350 Seiten.
Im ersten Teil erinnert sich Ella an einen Sonntag im Juni 1986.
Sie war acht Jahre alt und befand sich im Schrebergarten des liebsten Menschen, den sie hatte, ihrer Großmutter Mina, klug und verschmitzt, beschützend und verständnisvoll. Mina mit Augen, die manchmal grün und manchmal blau waren, Mina mit der Fähigkeit, die inneren Häuser der Menschen zu erkennen. (Dadurch wusste Ella, dass ihr eigenes Haus ziemlich schräg aussah.)
Drumherum im Kleingartenverein andere Figuren wie Ellas beste Freundin Yvonne, die immer alles richtig macht, Ilse von nebenan oder Guido, die Nervensäge. Und natürlich Manfred, der vergessene Bergmann mit dem schwarzen Schnauzbart, der in der Sonne schnarchte und den wohl Tante Klara eines Tages dort im Garten liegengelassen hatte, weil sie ihn nicht mehr brauchte.
Dieser erste Teil ist ganz gemächlich erzählt: „Wenn man acht Jahre alt ist, lässt sich die Zeit noch sehr viel Zeit!“, findet Ella. Deshalb dauert der eine Sommertag im Ruhrpott-Schrebergarten sechs lange Kapitel. Wer sich mit dem Buch hinsetzt, um eben mal schnell ein bisschen zu lesen – der muss tief durchatmen, sich entspannen und der langsamen Schwingung anpassen, dem Geruch von frischgemähtem Rasen und gebratenen Frikadellen. Ella erzählt alles, was sie gerade beschäftigt und irgendwann mal beschäftigt hat, kommt vom Stöckchen aufs Hölzchen und wieder zurück. Irgendwie passiert nichts, aber man erfährt eine ganze Menge.
Und Susanne Bohne treibt es auf die Spitze, indem sie auf Seite 50, also mittendrin im ersten Teil, für eine Weile in Zeitlupe verfällt. Zumindest kommt es dem Kind Ella so vor: Alles bewegt sich in einem geleeartigen Zeitpudding, die Geräusche knuddeln sich zu dunklem Autobahnrauschen zusammen und Manfred, der Bergmann, attackiert – in Zeitlupe – den Gartennachbarn Mohammed, der gerade friedlich Lammkoteletts grillt. Eigentlich ohne Grund, nur, weil Manfred im Kopf eine Murmel entgleist ist.
Es wird auch nichts Schlimmes daraus, der Zeitpudding hört auf und das Sommerfest im Kleingartenverein fängt an. Bis Ella am Ende dieses langen Sonntags etwas passiert, das in ganz besonderer Weise den Rest ihres Lebens beeinflussen wird.

Der zweite Teil beginnt 26 Jahre später. Ella ist nun 34 und relativ erwachsen (obwohl sie dieser Tatsache nicht wirklich traut), sie hat studiert und arbeitet als Therapeutin. Dadurch wird sie ständig mit Menschen konfrontiert, deren Häuser mindestens so schräg sind wir ihr eigenes. Nach den Regeln der Therapie darf sie in ihrem Job nur Fragen stellen und muss andere die Antworten selbst finden lassen.
Ihre Patienten sind so skurril wie die Menschen im Schrebergarten, aber ebenso durch überwiegend liebevolle Augen betrachtet und geschildert. Am strengsten ist Ella immer noch mit sich selbst.
Einige Male hatte sie geglaubt, die große Liebe sei ihr über den Weg gelaufen, doch das handelte sich um eine Reihe von Irrtümern. Jetzt ist sie in Begriff, dem schönen Ben zu begegnen, der so wunderbar schreibt, dessen Stimme am Telefon so angenehm klingt und auf dessen Fotos man sieht, wie voll sein dunkelblondes Haar ist.
Immer noch wird Ella unterstützt von ihren beiden liebsten Menschen, Mina und Yvonne. Mina nennt sie nach wie vor Stöpsken und versichert, nicht alles ginge verloren. Zum Beweis findet sie eine Kostbarkeit, eine kleine rote Mensch-ärgere-dich-nicht-Figur, von der Ella geglaubt hatte, sie sei seit Jahrzehnten unwiederbringlich verschwunden – doch nun ist sie zurück: „Auf der Unterseite war das Spielpüppchen nicht mehr rot. Sondern holzbraun. Vom vielen Nachhauselaufen.“
Und auch Yvonnes Freundschaft geht nie verloren. Sie, die alles richtig macht, unterbricht sogar ihre Hochzeitsreise am Puderzuckerstrand und fliegt sofort zurück zu Ella, als die sie braucht.

Susanne Bohne schreibt mit einer gewissen Zärtlichkeit ihren Mitmenschen und dem Leben gegenüber. Alles ist wahrhaftig nicht immer und nicht für jeden einfach – manchmal sogar schrecklich traurig und oft scheint es tatsächlich hoffnungslos. Die Autorin geniert sich nicht, an den Kitsch zu stippen, und wer sich darauf einlässt, sollte eventuell die Zupftücher in Reichweite haben. Doch die Grundauffassung von Oma Mina liegt über allem, dass alles irgendwie gut ist und alles irgendwann gut wird. So bekommt auch Ella ihr Happyend, Wolke-sei-dank. Und sie begreift plötzlich, dass es gerade die Schräge ist, die ihr Haus so besonders und so liebenswert macht.
Ein warmherziges, poetisches Buch, das ganz altmodisch mit dem Wort ENDE endet. Und bestimmt ein wunderschönes Weihnachtsgeschenk …

Susanne Bohne: Das schräge Haus

Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Taschenbuch, 352 Seiten
ISBN 978-3-499-00051-5


Abbildungsnachweis:
Headerfoto: © privat
Buchumschlag, Rohwohlt Verlag
Anhänge:
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