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Gottes Wort oder Menschenwerk? Zwei Bücher über die Geschichte der Bibel

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Freitag, den 08. November 2019 um 08:06 Uhr
Gottes Wort oder Menschenwerk? Zwei Bücher über die Geschichte der Bibel

Die Bibel, sagt Arno Schmidt, sei „ein unordentliches Buch mit 50.000 Textvarianten“. Auch wenn diese Zahl groß klingt – damit hat er gewiss noch heftig untertrieben. Denn es sind unzählige Versionen auch heute im Gebrauch, und es werden viel mehr, wenn man in der Geschichte zweitausend Jahre oder weiter zurückgeht.
Bücher über die Entstehung der Bibel können also selbst dann kaum mehr als einen groben Überblick geben, wenn es sich um dicke und sehr gelehrte Werke handelt. In diesem Jahr sind deren zwei erschienen. Das eine ist das gemeinsame Werk zweier Theologen aus Zürich und Berlin, das andere stammt von dem prominenten britischen Althistoriker Robin Lane Fox.

Wer weiß eigentlich noch, dass zumindest die deutsche Bibelkritik von Hamburg ausging, nämlich von Hermann Samuel Reimarus (1694-1768), dessen Schriften posthum von keinem Geringeren als Gotthold Ephraim Lessing veröffentlicht wurden? Lessing wusste vorab, dass er in ein Wespennest stach, und tat deshalb so, als habe er die „Fragmente eines Wolfenbüttel‘schen Ungenannten“ in der Bibliothek gefunden, deren Leiter er war.

Reimarus‘ Schriften erweckten ein ungeheures Aufsehen. Seitdem kann und sollte man eigentlich wissen, dass die Bibel vieles ist, aber ganz gewiss nicht so einfach „Gottes Wort“, das der Heilige Geist den Evangelisten in die Feder diktierte. Vielmehr gibt es unzählige, mal ganz offensichtliche, mal versteckte Bearbeitungen – teils aus theologischen, teils aus (kirchen-) politischen Gründen, dann jede Menge Versehen und Schreibfehler, und so kennt man bei keinem einzigen Text die ursprüngliche Fassung, ja bei den meisten weder den Autor noch auch nur die Zeit der Niederschrift.

Wie also kann man angesichts ihrer unzähligen Widersprüche und Fehler sowie den Spuren der Bearbeitungen die Bibel immer noch als Gottes Wort ansehen? Muss die Glaubwürdigkeit des Textes, muss seine religiöse Bedeutung nicht erschüttert sein, wenn man von den vielen Eingriffen weiß? Wie steht es um die Geschichtlichkeit der Vorgänge, von denen die Bibel berichtet, und um den Glauben an Gott und Jesus, als dessen Grundlage sie dient? Anders als Schmid und Schröter spricht Lane Fox diese Frage offen aus, aber ihm als einem Atheisten fällt das natürlich auch leicht. Wenn es mit der Glaubwürdigkeit nicht so weit her sein sollte, wenn es also nicht mehr als gut erzählte Geschichten mit einer gewissen Moral sein sollten, wie kann man dann darauf einen Glauben gründen? Man kann die Bibel für ein sehr interessantes Buch halten, ohne im täglichen Leben auf sie zu hören; man weiß auch um ihre Bedeutung für die Kunst- und Literaturgeschichte und sollte sie deshalb studieren; aber bloßes Menschenwerk als Fundament eines Glaubens?

Die Entstehung der Bibel COVERDie Thematik beider hier besprochener Bücher ist sehr ähnlich, wenngleich das theologische Buch fast allein die Geschichte des Textes in den Mittelpunkt stellt und die Geschichte nur mit Blick auf ihn berücksichtigt. Das Buch von Lane Fox behandelt zwar auch die Genese des Textkorpus, aber die entsprechenden Kapitel sind in dem Buch von Schmid / Schröter viel detaillierter, zumal das Autorenpaar auch noch in aller Ausführlichkeit auf die Zusammenstellung des Neuen Testaments sowie auf die Fassungen der Jüdischen Bibel eingeht.

Das Interesse des Historikers dagegen gilt mehr der Geschichte des jüdischen Volkes und der ersten Christen. In der zweiten Hälfte seines sehr dicken Buches reflektiert er entsprechend sachkundig die Schwierigkeiten einer Chronologie der biblischen Geschichte und die Bedingungen früher Geschichtsschreibung. Diese Passagen können auch deshalb gefallen, weil er wirklich kritisch schreibt – wenngleich er an einer entscheidenden Stelle nicht weiterfragt.

In beiden Büchern findet sich die gleiche erstaunliche Gelehrsamkeit, aber auch dieselbe Weigerung, die wirklich radikale Frage zu stellen. Die heute von vielen bezweifelte Historizität Jesu wird nämlich an keiner Stelle in Frage gestellt, und Lane Fox, dessen Buch ein eigenes Kapitel über den Prozess Jesu enthält, behandelt alle möglichen Fragen – aber nicht seine Geschichtlichkeit. Abseitige Theorien über die Entstehung des Neuen Testaments („War Jesus Cäsar?“ von Francesco Carotta) werden in beiden Büchern erst recht nicht angesprochen, und selbst heute weitgehend akzeptierte Überlegungen spielen weder bei Lane Fox noch bei Schmid / Schröter eine Rolle.

Zum Beispiel ist das Buch „Der Heilige Henker“ Hyam Maccobys, in dem der Brudermord an Abel als Menschenopfer demaskiert wird, allen drei Autoren keine Erwähnung wert. Das Buch von Lane Fox erschien auf Englisch bereits 1991, und seit 1995 gab es verschiedene deutsche Ausgaben. Warum Lane Fox auf das 1981 erschienene Buch seines Landsmanns, über das sogar Kongresse abgehalten wurden und dessen Grundthese längst akzeptiert ist, mit keinem Wort eingeht, erschließt sich dem Leser nicht. Ist die Um- und Neudeutung eines Menschenopfers zum Brudermord nicht eine Ungeheuerlichkeit, die ein Schlaglicht auf die Bearbeitung angeblich göttlich inspirierter Texte wirft?

Die Seriosität beider Bücher steht natürlich trotzdem völlig außer Frage. In ihnen hat sich ein erstaunliches Fachwissen versammelt, das in einer ganz sachlichen, unaufgeregten Form weitergegeben wird – selbstverständlich mit ausführlichen Literaturhinweisen. Besonders Theologen dürften beide Bücher sehr dankbar in die Hand nehmen. Aber wer von außerhalb kommt, wer sich als Laie für die Geschichte der Bibel interessiert, der wird ein wenig enttäuscht sein. Und das gilt nicht allein für das Verschweigen abseitiger, aber trotzdem vielleicht nicht ganz unbegründeter Theorien, sondern auch für die Blässe des Stils, die nicht unbedingt zur Lesbarkeit beiträgt. Ein wenig mehr Meinungsfreude wäre gelegentlich ganz angebracht! Für keinen Theologiestudenten dürfte es empfehlenswert sein, Egon Friedell zu zitieren, aber in dieser Besprechung ist es nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten, um den Kontrast herauszuarbeiten. Friedell formulierte mit einer Unbefangenheit, die man bei Professoren immer vergeblich suchen wird.

Für das Alte Testament sind verschiedene Autoren verantwortlich, welche die Theologie nach der von ihnen bevorzugten Gottesbezeichnung unterscheidet. Wie charakterisiert nun die „Kulturgeschichte Ägyptens und des Alten Orients“ einen dieser Autoren? „Die Erzählungen des Jahwisten“, schreibt Friedell, „tragen einen streng archaischen Charakter von herbem Reiz und gedrungener Kraft: sie sind erfüllt von der düsteren Monumentalität urtümlicher Zustände. Gott ist noch ganz anthropomorph gedacht: wenn er Kummer empfindet, dreht sich ihm das Herz um, wenn er ungeduldig ist, geht sein Atem kurz, wenn er zürnt, entbrennt seine Nase“. Und so weiter. Eine so kraftvolle und anschauliche Schilderung des Stils wird man sowohl bei den Theologen als auch bei dem als Stilisten gerühmten Althistoriker vergeblich suchen. Lane Fox schreibt über den Jahwisten: „Was wir von seinem Werk ermitteln können, ist sehr ansprechend. Auf ihn gehen einige der besten Kurzgeschichten der Bibel zurück, knapp gefasst und mit Wortspielen, Ironie und Anspielungen gewürzt.“

Immer ist es eine besondere Versuchung für Autoren unserer Zeit, ihren Lesern älteste Geschichten mit einem modernen Vokabular näherzubringen („Kurzgeschichten“!). Gelegentlich findet sich dergleichen auch in den Büchern von Schmid / Schröter und Lane Fox. Aber erfreulicherweise haben sich die Autoren zurückgehalten und sich nur wenige Ausrutscher erlaubt. Einer besteht darin (Schmid / Schröter), biblische Propheten als „Spezialisten“ zu bezeichnen. Hat König Ahab, wie es uns der Text der Theologen suggerieren will, wirklich „eine Expertise bei seinem Hofpropheten“ eingeholt, als wäre dieser als Gutachter bei einem deutschen Landgericht bestallt?

Die andere Geschichte der Bibel COVEREtwas näher an der exotischen Realität dieser Menschen scheint Lane Fox, obwohl auch er ihnen ein rationales Verhalten unterstellt. Aber zuvor gibt er zu, dass die Propheten „wie unter Zwang“ handelten, „sie mussten reden, ob sie wollten oder nicht: Die Prophetengabe war eine Bürde, und Begegnungen mit Gott und seinen Engeln waren immer höchst beängstigend.“ Diese Zwanghaftigkeit hat Julian Jaynes in seinem Buch über den „Ursprung des Bewusstseins“ stark herausgearbeitet; die Propheten müssen, wenn seine Schilderung der Wahrheit nahekommt, an Schizophrene erinnert haben, die von ihren Gehörshalluzinationen geradezu überfallen wurden: „Amos, der Maulbeerensammler; Jeremia, der unter der Last seines Joches von Ansiedlung zu Ansiedlung wankt; Hesekiel, der die Engel auf Rädern durch die Wolken ziehen sieht“. In dieser kurzen Aufzählung wird die bizarre Fremdheit der Propheten deutlicher als in allen Seiten, die Schmid / Schröter und Lane Fox geschrieben haben. Und auf jeden Fall versteht man, dass es grotesk falsch sein muss, biblische Propheten als „Spezialisten“ zu titulieren.

Tatsächlich müssen diese Propheten archaische, ja unheimliche Gestalten gewesen sein, deren Wesen wir uns gar nicht fremd genug vorstellen können, und es wäre nicht schlecht gewesen, hätten sich die drei Autoren etwas mehr in die Richtung bewegt, die Friedell eingeschlagen hat. Für ihn waren die Propheten „eine Art Kreuzung aus Scharlatan und Halbnarr“, die umherzogen, sich durch Musik in einen Rausch versetzten und sich selbst verletzten – „ihr Treiben ähnelte einigermaßen dem der Flagellanten und Veitstänzer des ausgehenden Mittelalters“.

Sowohl „Die Entstehung der Bibel“ als auch „Die andere Geschichte der Bibel“ bieten solide, gut gegliederte Information – man lernt viel –, aber weder ein übergroßes Lesevergnügen noch Seitenblicke auf alternative Lesarten.

Konrad Schmid / Jens Schröter: Die Entstehung der Bibel. Von den ersten Texten zu den heiligen Schriften.

C. H. Beck 2019, 504 Seiten
ISBN-13: 978-3406739460


Robin Lane Fox: Die andere Geschichte der Bibel. Fakt und Fiktion in der heiligen Schrift.

Aus dem Englischen von Christa Broermann, Birgit Kaiser und Christa MerkKlett-Cotta 2019, 624 Seiten
ISBN-13: 978-3608981162

Desweiteren:
Hyam Maccoby: Der Heilige Henker.
Jan Thorbecke Verlag 1999, 320 Seiten
ISBN-13: 978-3799500968

Egon Friedell: Kulturgeschichte Ägyptens und des Alten Orients.
C.H. Beck 2009, 489 Seiten
ISBN-13: 978-3406584657


Abbildungsnachweis:
Header: Pietro Perugino: Entrega de las llaves a San Pedro (Capilla Sixtina, Roma, 1481-82). Quelle: Wikipedia / gemeinfrei
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