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Tomasz Różycki: „Der Kerl, der sich die Welt gekauft hat“ – Chaos mit Sprache gezähmt

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Freitag, den 12. April 2019 um 08:23 Uhr
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Tomasz Rozycki: Der Kerl, der sich die Welt gekauft hat

„Leben ist Chaos und die Sprache ein Mittel, dieses Chaos zu zähmen und zu ordnen. Dabei schafft jede Sprache eigene Ordnungen und Weltmodelle“, schreibt der Übersetzer Bernhard Hartmann über die Lyrik des Dichters Tomasz Różyckis.
Freie Verse und der ironische Umgang mit tradierten Formen sind Mittel, mit denen der Dichter seine differenzierten Blicke auf unsere Welt wirft. Sein neuer Lyrikband „Der Kerl, der sich die Welt gekauft hat“ besticht mit lyrischen Rhythmen und Klängen, mit eindringlichen Sprachbildern, gemalt aus Worten und Buchstaben.

Dieses Buch präsentiert eine gelungene Auswahl aus den zwischen 1997 und 2016 erschienenen Gedichtbänden dieses zeitgenössischen polnischen Dichters, der für viele bereits als der wichtigste im Lande ist. Die Gedichte sind so sorgfältig und mit Bedacht aneinandergereiht, dass der Leser nur allzu gerne teilhat an dieser erfundenen, vom realen Geschehen beeinflussten Welt.

Gedankliche Abenteuer aus allen Schaffensphasen Różyckis wurden in diesem Gedichtband vom Autor selbst und von dessen Herausgeber und Übersetzer Bernhard Hartmann zusammengestellt. Warum nun hat Tomasz Różycki seinem neuen Lyrikband den Titel „Der Kerl, der sich die Welt gekauft hat“ gegeben? „Dieser Titel ist mir gekommen, als ich ein bestimmtes Musikstück hörte, und so ist es oft bei mir, dass ich mich inspirieren lasse zu Titeln von Stücken, besonders der Rockmusik“, erzählte er im November 2018 im Interview mit Frank Meyer bei Deutschlandradio Kultur. Ein Lied von David Bowie sei es in diesem Fall gewesen: „The Man Who Sold The World“. Da habe er gedacht, „vielleicht mache ich mal einen Gedichtband mit diesem Titel“. Gedacht, getan.

Die meisten dieser Gedichte sind bei Różyckis ersten Aufenthalt in New York entstanden. Die Stadt habe ihn herausgefordert, er habe sich gefragt, wie komme ich poetisch in dieser neuen Welt zurecht? Nun muss man wissen, die Familie des Dichters kam 1945/46 aus Lwiw (Lemberg, im Westen der Ukraine nahe der polnischen Grenze gelegen), nach Oppeln (Opole, Hauptstadt der gleichnamigen polnischen Woiwodschaft) und lebte dort in vormals deutschen Wohnungen. Dieser Wechsel hat seine Kindheit geprägt. „Eigentlich sind auch alle meine Gedichtbände über diese Erfahrung.“ Über allem und überall lag ein Gefühl der Fremdheit – warum sollte das ausgerechnet in New York anders sein?
Seine erste New Yorker Unterkunft befand sich in einem Hotel im 20. Stock. „Ich war gerade mit dem Flieger in New York angekommen und hatte immer noch das Gefühl, ich fliege eigentlich weiter und diese ganze Welt ist eine verzauberte Welt. Das war so mein Ehrgeiz, dass ich mit meinen Gedichten diese Welt entzaubere und wieder in den Zustand komme, in dem ich normalerweise in der Welt bin.“ Dabei half ihm der Kerl, der sich die Welt gekauft hat. Diesem Kerl begegnen wir Leser immer wieder in den New Yorker Gedichten. Auch hier wird die doppelte Heimatlosigkeit, die Tomasz Różycki seit der Kindheit umtreibt, deutlich lesbar. Ein Großteil aller Gedichte dieses Autors ist dem Gefühl der Heimatlosigkeit abgetrotzt.

„Lyrik umfasst die geistigen Abenteuer“, schrieb Różycki einmal. Es sei „jene andere parallele Existenz, das Dasein, das unser Ich irgendwo führte oder führt, in dem Leib und Seele unglaubliche Abenteuer erleben […]“. Es gibt viele Gedichte in diesem Buch, die tief berühren, darunter auch solche, die vom Anfang des Schreibens erzählen. Alle beginnen mit „Als ich anfing zu schreiben“. Bei „Kaffee und Tabak“ klingt das so: „Als ich anfing zu schreiben, wusste ich noch nicht,/wozu die Gedichte mich machen, wie sie mich strafen,/in ein Gespenst mich verwandeln, ewig unausgeschlafen,/mit pergamentener Haus, in einen torkelnden Wicht, […].
„Gegenwind“ beginnt so: „Als ich anfing zu schreiben, ahnte ich nicht,/dass jedes meiner Worte ein Stück von der Welt/mit sich nimmt und stattdessen nur Leere zurücklässt. […] Er hatte auch nicht geahnt, dass sie „das Vaterland ersetzen, Mutter und Vater, die erste/Liebe, die zweite Jugend, dass was ich aufschreibe,/aus der Welt verschwindet und sein beständiges Sein/gegen ein flüchtiges tauscht, […]“. Und das Gedicht „Lebendgut“ beginnt folgendermaßen: „Als ich anfing zu schreiben, wusste ich noch nicht,/dass jedes törichte Wort, sobald sich selbst überlassen/auf dem Blatt, so viel zu seiner Verteidigung fassen/wird, wie es tragen kann, […]
Ja, die törichten Wörter dieses Dichters tragen. Das gilt auch für den Leser. Sie tragen ihn in eine andere Welt, in eine verzauberte Welt, die von Ameisen und Haien erzählt, vom Paradiesstrand, vom Tropensturm und Feuerwasser, von Kannibalen und Delphinen, von Unabhängigkeit und Vaterland. Letzteres ist titelgebend für den ersten Teil des Buchs, der mit dem Gedicht „Nun also Krieg“ anfängt. Die ersten Zeilen lauten so: „Wir haben wohl etwas verpasst, denn vieles hat sich verändert,/während wir schliefen, man verschob hinter unserem Rücken die Möbel,/wechselte Sprache und Währung, und wir erwachten in einem anderen/Land. […] Ja, auch für den Leser hat sich vieles verändert nach Lektüre dieser Gedichte. Er erwacht in einem anderen Land, in einem zutiefst poetischen Land.

Tomasz Różycki, Der Kerl, der sich die Welt gekauft hat. Gedichte

edition.fotoTAPETA
ISBN 978-3-940524-76-8
110 Seiten, Klappenbroschur
Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Header: Hintergrundfoto: Claus Friede und Buchumschlag

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