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Diana Seidel: „Lies mich! oder der verlorene Sommer“

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Montag, den 01. April 2019 um 09:53 Uhr
Diana Seidel: „Lies mich! oder der verlorene Sommer“ 2.8 out of 5 based on 41 votes.
Diana Seidel Lies mich oder der verlorene Sommer

Manchmal möchte frau einfach nur ganz gemütlich Feierabend machen, die Füße hochlegen und tief eingekuschelt im bequemen Sessel ein mitreißendes Buch lesen. Wer das will, der ist mit den unterhaltsamen Büchern von Diana Seidel gut bedient.
Denn diese Bücher bieten spannende Unterhaltung, gewürzt mit viel Humor sowie Gefühl, Liebe, Herz und Schmerz. Das Ganze ist dank des psychologischen Gespürs der Autorin gut gemixt und bietet uns einen perfekten Begleiter für einen entspannten Leseabend. Das gilt auch für den neuen Roman von Diana Seidel: „Lies mich! oder der verlorene Sommer“. Dieser Roman weist all das auf, was Unterhaltungsliteratur im besten Fall bieten sollte.

Die Geschichte führt uns zurück in die Kindheit der Geschwister Alex und Tim. Die beiden sind - von der Mutter verlassen - bei ihrem Vater aufgewachsen, betreut von ständig wechselnden Kindermädchen. Eine Kindheit, die alles andere als einfach, alles andere als wünschenswert verlief. Längst sind die beiden erwachsen, doch ihre Kindheit lässt sie auch jetzt nicht ruhen. Eines Morgens wacht Tim auf und meint, er sei Jesus. Was mag diese Psychose ausgelöst haben? Das fragt sich vor allem seine Schwester Alex und beginnt, in der Vergangenheit zu stöbern. Dabei entdeckt sie, beide Kinder haben einen Sommer vor dreißig Jahren vollkommen aus dem Gedächtnis verdrängt. Etwas Schlimmes, Grauenhaftes muss damals passiert sein. Doch was kann das gewesen sein? Die Erinnerung kehrt allmählich zurück, Stück für Stück wird das Puzzle zusammengesetzt. In Erinnerung geraten eine menschliche Spinne, bedrohliche Regenbogen, ein geheimnisvoller Magier. Und immer wieder taucht das damals so geliebte Kinderbuch „Alice im Wunderland“ aus den Tiefen der Seele auf. In diesem Buch befinden sich die rettenden Formeln „Iss mich!“ – „Trink mich!“ – „Lies mich!“ Was es damit auf sich hat, bleibt ein unheimliches Geheimnis, das erst am Ende aufgedeckt wird.

Alle Kapitel des Romans beginnen mit einem Gebet: „Lieber Gott, bitte mach, dass Mami und Papi sich nicht mehr streiten. Oder jedenfalls nicht so laut, dass Timmi davon aufwacht und weint und ich in sein Zimmer laufen und ihm die Ohren zuhalten und ihn trösten muss. Amen“. Das ist zutiefst berührend. Das nutzt sich nicht ab: dieses Berührt-Sein des Lesers durch diese verzweifelten kindlichen Gebete hält an – bis zum letzten, dem 18. Kapitel. Das ist sicher auch deshalb so anrührend, weil die Geschichte der beiden Geschwister aus der Ich-Perspektive von Alex erzählt wird. „Meine Mutter hatte mir beigebracht, vor dem Schlafen die Hände zu falten und mit dem lieben Gott zu reden“, erklärt uns Alex gleich zu Beginn (S. 6). Rein fühlt sie sich nach dem Gebet und brav. Doch: „Leider verwackelte das Idyll, als ich ungefähr acht war (und mein Bruder vier). Da verliebte sich mein Vater in eine andere Frau und Mami fing an, ihm nachts in der Küche Szenen zu machen […]

Dann macht die Mutter Wochenendreisen mit „Robert, dem Retter“, während die Kinder viel Zeit mit dem Vater und dessen neuer Freundin Annkathrein verbringen, deren weiche rosige Haut aus sämtlichen Ausschnitten quillt, deren erste Handlung es ist, den Kindern Schokoladenriegel in den Mund zu stopfen, und die ständig Kuchen und Kekse backt. Die Mutter geht mit Robert nach Brüssel, Annkathrein zieht beim Vater ein und nach kurzer Zeit wieder aus. Omi Andersen reist aus Buchholz an, die Kinder zu hüten. Doch auch sie verschwindet bereits nach wenigen Wochen: sie stirbt nach einem Herzanfall. Von da an kümmern sich Kindermädchen „jeder Art und Hautfarbe“ um die Kinder auf „unterschiedlichste Weise“. Wir Leser lernen sie alle kennen, aber nicht lieben. Genauso wenig wie dies die beiden Kinder tun.

Viel Personal taucht auf im Laufe des Romans, der 412 Seiten umfasst. Manche kommen uns nahe, manche füllen eher eine Statistenrolle aus. Dies natürlich, um die Spannung zu steigern, des Rätsels Lösung um den „verlorenen Sommer“ noch lange nicht zu präsentieren, sondern hinauszuzögern bis zum Ende. Eine Figur sollte an dieser Stelle noch erwähnt werden: Nick, genannt Nicky. Alex lernt ihn in einer Disco kennen, an einem Ort, den beide normalerweise nicht mehr aufsuchen. Doch wie das Leben so spielt, ist dies genau der Ort, an dem das Schicksal die beiden zusammenführt. Dieser Roman ist stringent und unterhaltsam erzählt. Spannend ist die Geschichte außerdem. Genau das Richtige also für kuschelige Leseabende.

Diana Seidel: „Lies mich oder Der verlorene Sommer“

Roman
Verlag Independently published
ISBN 978-1791670498
414 Seiten, Taschenbuch


Abbildungsnachweis:
Buchumschlag. Fotomontage

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