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Hans-Jürgen Hennig: „Zwei gegen Ragnarøk" – Bekehrung mit dem Schwert

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Donnerstag, den 18. Oktober 2018 um 08:54 Uhr
Hans-Jürgen Hennig: „Zwei gegen Ragnarøk" – Bekehrung mit dem Schwert 4.1 out of 5 based on 82 votes.
Hans-Juergen Hennig Zwei gegen Ragnaroek Bekehrung mit dem Schwert

Bei diesem Titel mag es neugierige und zugleich verwunderte Leser geben, die sich fragen, was soll die Christianisierung des Nordens mit der heutigen Zeit zu tun haben? Was motiviert den Autor, sich gerade diesem außergewöhnlichen Thema zu stellen? Liest man die ersten von insgesamt 818 Seiten dieses Bandes, so ist man unmittelbar gefangen, sowohl von der Ortskunde des Autors – offenbar hat er die Lokalitäten alle persönlich aufgesucht –, als auch von seinen enormen Geschichtskenntnissen.

Die Handlung lässt sich kaum in nur wenigen Sätzen skizzieren, nur soviel sei gesagt: Der Roman besteht aus 41 Geschichten. Jede hat ihre eigene Spannung und ihren Höhepunkt. Das kann das Aufkeimen einer zarten und wunderschönen Liebe zwischen Falki und dem Slawenmädchen Jewa sein, oder das Flüstern der Nornen in Falkis Ohren, als er ertrinkend im Fjord schwimmt, oder wie Thurid mit ihrem besonderen Sinn die hungernden Wolfswelpen aufspürt, die sie anschließend aufzieht.

Die Geschichte spielt vor etwa 1000 Jahren im Norden Europas, zum Ende der Wikingerzeit. Es ist auch jene Zeit, da die europäischen Herrscher erkannten, dass sie im Bunde mit der Kirche ihre Macht erheblich vergrößern konnten. Ritterorden und Mönche, beauftragt von den Königen und Fürsten, begannen im Norden Europas die Barbaren oder Heiden zu christianisieren. Sehr oft erfolgte die Christianisierung auch mit dem Schwert: Taufe oder Kopf ab. Kirchenfürsten und Könige wissen, dass sie mit dem Christentum ihre Macht erheblich ausdehnen können. Nicht selten erfolgte die Missionierung unter den Königen Olaf Tryggvasson und später unter Sven Tveskæg gewalttätig. Der Mönch Andreas, ein ehemaliger Ordensritter, der das Christianisieren mit dem Schwert nicht mehr ertragen konnte, flüchtete davor in den Norden und landet, wie durch Schicksalshand, im Dorf Björkendal.
Wie die Könige und Fürsten (z.B. Olaf Tryggvasson und Sven Tveskæg, Gabelbart) ihre Macht mittels Christentum ausweiteten und Völker unterwarfen, „im Namen Gottes“, ist historisch interessant und vielleicht denkt man auch an gegenwärtige Machtspiele in der Welt.

Djarfur, ein Mann aus dem hohen Norden, befindet sich nach zwanzig Jahren Abenteuer in der Welt, auf Heimreise. Viele Jahre lebte er auf der Iberischen Halbinsel, bei den Umayyaden. Sein Wissensdurst ließ ihn in dieser Zeit zu einem hervorragenden Heiler und Wundarzt werden, doch sein Wissensdurst und die Liebe zu einer Fürstentochter kosteten ihm ein Auge und er musste mit ihr fliehen. Auf seiner Heimfahrt, kurz vor dem heimatlichen Fjord, lässt ihn ein merkwürdiger Sturm auf einer mysteriösen Insel landen, die es dort eigentlich gar nicht geben dürfte.

In vielen Details erfährt der Leser vom Leben an den Fjorden Norwegens, von der täglichen Nahrung, bis hin zum Bootsbau, als ein alter Bootsbauer für Thurid und ihre Freunde die Vona baut, das schnellste Schiff, dass er je baute.

Der Autor benennt in seinem Buch wie oben erwähnt zahlreiche Örtlichkeiten und Namen, sodass die Geschichte an Authentizität gewinnt, so zum Beispiel den Baum Old Tjikko und den Njupeskär Wasserfall oben im schwedischen Fjäll (Hochebene im Gebirge) sowie den Handelsort Haithabu und die norwegischen Könige Olaf Tryggvasson und Sven Tveskäg, die nur erwähnt werden. Ich kenne kein ähnliches Buch, dass mit so vielen Details (Essen, Handwerk, Natur und Historie) Einblick in das Leben der mittelalterlichen Norweger gibt, bis hin zu dem Rezept eines Kräutertees für die Monatsbeschwerden bei Frauen und dabei noch hohe Spannung liefert, oder tief berührt.

Von besonderer Bedeutung im Buch sind der Zusammenhalt einer Gruppe von Norwegern im Kampf, die Liebe zu ihrer Art zu leben und die Entschlossenheit, für diese Werte zu kämpfen. Hier prallt die Welt des sich ausdehnenden Christentums mit der Welt der nordischen Mythologie zusammen. Hier agieren Götter, die fast menschlich sind und ihre Hände schützend über Thurid und Falki halten.

Sprachlich besticht dieser Roman durch die genaue Kenntnis der Geschichte sowie durch die Fabulierkunst des Autors. Sowohl die Natur als auch die menschlichen Charaktere zeichnet er mit treffenden Worten. Hervorzuheben sind seine Dialoge zwischen den Menschen sowie die Darstellung der vielfältigen Motive ihres Denkens und Handelns. Man fühlt sich in eine längst vergangene Zeit zurückversetzt. Und man versteht, weshalb die Völker des Nordens hart und mit Verbissenheit ihre Freiheit vor den Bestrebungen der Christianisierung verteidigt haben.

Wer etwas für die nordische Mythologie übrig hat, wird hier fündig, auch ohne wissenschaftliche Abhandlungen lesen zu müssen. Darin liegt auch der aktuelle Wert dieses Romanwerkes: Gegen jegliche Unterdrückung und Bevormundung, vor allem gegen unterdrückerische Gewalt eine klare Position eingenommen zu haben: Sie kann man nicht nur mit guten Worten zurückweisen...

Das Buch könnte Leser aller Altersstufen interessieren, ist es doch ein Thema, was auch die jüngere Generation betrifft und die gerne eine spannende Geschichte lesen und auch Tiefgang mögen, der sich nicht zuletzt in vielen kulturellen Details des damaligen Lebens zeigt.

Hans-Jürgen Hennig: „Zwei gegen Ragnarøk"

Broschiert, 818 Seiten, Engelsdorfer Verlag, 2018),
ISBN-10: 3961453454, ISBN-13: 978-3961453450,
14,6 x 5 x 20,8 cm


Hinweis: Die Inhalte der Kolumne geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.
Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung.


Abbildungsnachweis:
Buchumschlag

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