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„Keitumer Gespräche“ – Das magische Puzzle - Gisela Augstein

Gisela Stelly Augstein hat eine Erzählung über die Familiengeschichte des Spiegel-Verlegers Rudolf Augstein publiziert.

Im antiken Mythos bekommt der Sänger Orpheus, Urbild aller Künstler, von den Göttern die Erlaubnis, seine tote Geliebte Euridice aus dem Hades zu holen – wenn er sie auf dem Weg in die Oberwelt nicht anschaut. Das aber tut der Sänger: Er dreht sich um, blickt in die, wie es in Monteverdis Oper „L'Orfeo“ heißt, in die „süßesten Lichter“ ihrer Augen - und die Geliebte wird wieder zum Schatten. Klaus Theweleit hat diesen Blick des Künstlers in seinem „Buch der Könige“ gelesen als Absicht, die – gestorbene - Frau zum Medium der Kunst zu machen.

Auch Gisela Stelly sucht in den „Keitumer Gesprächen“ ein Schattenreich auf, auch für sie war ein Blick der Impuls. An Ausgang des Berliner S-Bahnhofs Grunewald „schaute ich wirklich direkt in die Augen von Rudolf Augstein“, beschreibt die Autorin den Blick, der Anlass für den Text war. „Da war klar, jetzt muss ich den Mut haben, die Sache anzuschauen.“ Die Sache? In dem jüngst erschienenen, knapp 100-seitigen Bändchen macht die in Hamburg und Berlin lebende frühere Ehefrau des 2002 verstorbenen Spiegel-Verlegers Rudolf Augstein familiengeschichtliche Schatten zum Thema - eine Verwirrung, ein „Hurlyburly“, wie Gisela Stelly Augstein es mit den Hexen aus Shakespeares „Macbeth“ nennt. Ihr neues Buch sei „das schwierigste, was ich je geschrieben habe“, sagt die Autorin, von der zuletzt den Roman „Goldmacher“ 2012 erschien.

In Verkehrung des griechischen Mythos und seiner von Theweleit beschriebenen Deutung ist in den „Keitumer Gesprächen“ nicht die Frau ein für die Kunst geopfertes Objekt, sondern die Autorin leiht ihrem früheren Mann – einer „durch Unrecht beschwerten, unerlösten Seele“, heißt es in dem Buch – ihre Stimme. Was eine Art „Befreiung“ bedeutet. Es geht um Jakob Augstein, den als Sohn des Spiegel-Gründers aufgewachsenen leiblichen Nachkommen des Schriftstellers Martin Walser, der, von Rudolf Augstein sogar zum Sprecher seiner Erben gemacht, im Spiegel-Verlag für gewisse Irritationen sorgte.

BuchumschlagDie „kreisende Suche“ (Stelly Augstein) des Buches ist keine dokumentarische. Kunst könne „die Dramatik und Vielschichtigkeit des Geschehenen und seine Wirkung besser ausdrücken als das rein Faktische“, sagt Gisela Stelly Augstein mit Blick nicht nur auf die „Keitumer Gespräche“. Dafür sei „das Scheiben mein Ort“, vor dem Schreiben war der Film ihr Medium: Literatur als Ausdrucksform sei für sie aus quasi aus dem Film, ihrem früheren Metier, entstanden, beschreibt sie ihre Sicht auf das Verhältnis zwischen den beiden ästhetischen Genres. „Beim Schreiben ist etwas passiert, was beim Film nie in Erfüllung ging, aber immer meine Sehnsucht war: nämlich in einer Bilderwelt zu sein.“ Die sei viel reicher, als sie es beim Filmen jemals erlebt habe.

Im Schreiben der „Keitumer Gespräche“ – an eine Veröffentlichung habe sie zunächst nicht gedacht – habe sich die künstlerische Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte und den möglichen Motiven der Beteiligten wie bei einem „magischen Puzzle“ gefügt. Die impulsgebende Begegnung mit dem Blick findet sich auch in dem Buch, in einer Szene des Textes begegnet sich der Protagonist durch den Blick aus seiner Vergangenheit selbst. Dem in Keitum begrabenen Rudolf Augstein, der als „Seelen-Autor“ in fiktiven Begegnungen mit den anderen daran Beteiligten dieses „Drama seines Lebens in Szene“ setzt, leuchtet sein eigenes Gesicht „hell aus der Mitte zweier dunkel gekleideter Polizisten“ entgegen. Das Foto entstand bei der Entlassung Augsteins 1962 aus der Haft wegen der „Spiegel-Affäre“, 2015 wies es auf einem Plakat die Umstellung des wöchentlichen Erscheinungstags des Nachrichtenmagazins hin.

Dieses Plakat gibt dem Buch Motto und Motiv: „Keine Angst vor der Wahrheit“. Nur so, in dem sie die wenigen Sätze Jakob Augsteins, seiner Mutter und seines leiblichen Vaters zur Vaterschaft mit „den Tatsachen konfrontiert, die es ja gibt“, sei fassbar geworden, was hinter dem Verschwiegen der Vaterschaft Walser stand., Beschriebt Gisela Stelly Augstein. „Warum sollte das niemand wissen?“ Sie selbst habe sich lange gescheut, sich des Themas anzunehmen, es hing „eine Art Verbot“ darüber. „Es hat mich umgetrieben, aber lange habe ich gedacht, ich wende mich ab, obwohl mein Sohn schwer damit beschäftigt war.“ Motiv ist der Satz „Keine Angst vor der Wahrheit“ insofern, als dass es der Autorin um „das Vermächtnis“ ihres ehemaligen Mannes geht. Motto ist der Satz, weil sie ohne Vorbehalte das familiäre „Hurlyburly“ aus immer neuen Perspektiven thematisiert.

„Ich habe verloren, weil Wahrheiten ans Licht kamen, die ich nicht wissen wollte, ich habe gewonnen, weil die Wahrheit mich frei gemacht hat“, sagt die Autorin und verweist auf das Motto des Buches, einen anderen Satz der „Macbeth“-Hexen, einen, den sie „Rätselsatz“ nennt: „Schlacht verloren und gewonnen“. Die Szene steht dem Text voran. Anspielungen auch auf „Hamlet“ und „King Lear“ sind wie ein feines Netz in den Text eingewoben – in Shakespeares Königsdramen mit ihren Grausamkeiten ist es ein zentrales Thema, dass jemand ein den Platz eines anderen einnehmen will.

Anhand der unprätentiösen Zeichnung der Beteiligten – das „Keitumer Gespräch“ ist eines zwischen gesetzlichem und leiblichem Vater Jakob Augsteins, der Mutter und Fritz J. Raddatz, dem Journalisten-Kollegen/Konkurrenten Rudolfs Augsteins – entfaltet die Autorin Dispositionen, Zweifel, Motive der Beteiligten. Ihr Blick ist so dezent wie knapp – und fasst genau deshalb deren Charakteristika der Beteiligten und die Dramatik des Geschehens präzise.

Gisela Stelly Augstein: „Keitumer Gespräche“

95 Seiten, Frankfurt/M. 2018
ISBN 978-3-946778-08-0
Verlag fifty-fifty, Frankfurt/Main 2018, in Vertriebskooperation mit der Westend Verlag GmbH
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Abbildungsnachweis:
Header: Gisela Stelly Augstein. Foto: Thomas Janssen
Buchumschlag: Buchgut, Berlin. © Verlag fifty-fifty, Frankfurt/Main 2018

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