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Verdammt und geehrt. „Mutige Aufklärer im digitalen Zeitalter“

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Donnerstag, den 05. November 2015 um 10:02 Uhr
Verdammt und geehrt. „Mutige Aufklärer im digitalen Zeitalter“ 4.5 out of 5 based on 82 votes.
Mutige Aufklaerer

Wenn ein Whistleblower und Computerexperte 1,7 Millionen, geheimster Daten den Herrschenden in den USA entreißt, sie kopiert und mit Hilfe zweier weiterer Widerständler aggressive und unerlaubte Machenschaften im Juli 2013 „ungesetzlich“ in die Welt hinausposaunt, dann treten ganz gewiss Meinungen zutage: Solche und solche. Sympathisanten reiben sich die Hände. Die aber von der Ausforschung der Menschen aller Kontinente zwecks Herrschaftserweiterung profitieren, sie bringen es auf einen Nenner: Verräter! Die zwischen den Fronten pendeln sind mitunter unbedarfte, nicht unbedingt mutige Mitbürger, manchmal auch Feiglinge, die ihr Abseits ohne Hemmungen überwinden mögen.


Zur Sachlage. Nachdem Edward Snowden und seine Mitstreiter Laura Poitras (Filmdokumentation) und Glenn Greenwald (Buch mit dem Titel „Die globale Überwachung...“), die ihm den Weg in die Weltöffentlichkeit - sozusagen in geheimer Mission – bahnten, seitdem stehen die NSA sowie die Hegemoniepolitik der USA und ihrer Verbündeten, allen voran die Geheimdienste der BRD, verstärkt am Pranger.

Edward Snowden - er hatte in Moskau Asyl gefunden - befürchtete nach dem von einigen Westmedien betitelten Riesenskandal, „dass sich nichts ändert“ und sich „angesichts des eskalierenden Wettrüstens der Geheimdienste im globalen Informationskrieg“ keine Veränderungen bei den zunehmenden Menschenrechtsverletzungen durch das Kapital ergeben könnten.

Dem Vergessen wirkt derzeit ein 100 Seiten umfassendes außerordentlich informatives Bändchen „Mutige Aufklärer im digitalen Zeitalter“, herausgegeben von Rolf Gössner, mit argumentativer und emotionaler Sprengkraft entgegen. Der Anlass: Die am 14. Dezember 2014 in Berlin von der Internationalen Liga für Menschenrechte an das Widerstands-Trio, den Ex-NSA-Mitarbeiter und Whistleblower Edward Snowden, die Dokumentarfilmregisseurin Laura Poitras und den Journalisten und Juristen Glenn Greenwald, vergebene „Carl-von-Ossietzky-Medaille“.



Sowohl die während der Preisverleihung gehaltenen Laudationes als auch Dokumente zur Medaillenverleihung und weiterführende Beiträge, Dokumente und Aktionen, so zum Beispiel Strafanzeigen gegen Geheimdienste und Bundesregierung wegen geheimdienstlicher Massenüberwachung und -Ausforschung, ergänzen in hervorragender Weise das Anliegen der drei Whistleblower: Gegen geheimdienstlichen Überwachungswahn und anlasslose Massenausforschung der Bevölkerung, für demokratische Transparenz und den wirksamen Schutz von Whistleblowern. So sind in diesem Buch spannende Zeitdokumente vereint.

Ehrungen sind das eine – die Botschaften der Pioniere nach Zurückdrängung des Überwachungskapitalismus in die Taten von Millionen Bürgern münden zu lassen, das andere. Insbesondere formulieren die Autoren nicht nur Dankesworte, sie benennen Ursachen der weltweiten Ausspionierung der Völker und Staaten und benennen Lösungen, um dem Hegemoniegebaren der USA und ihrer Verbündeten – besonders nach dem 11. September 2001, als die USA als Vorwand für die Brechung universeller Menschenrechte zum Generalangriff gegen den internationalen Terrorismus aufriefen – einen Riegel vorzuschieben.



Buchumschlag Mutige AufklaererMit klarem Blick für die Hintergründe legt Herausgeber Dr. Rolf Gössner in einem Interview mit der jungen Welt vom 13./14. Dezember 2014 den Finger auf die Wunde: „Der aufgedeckte digitale Datenexzess ist Folge einer aggressiven Politik, die `Sicherheit´ zur Kriminalitäts- und Terrorabwehr über alles stellt – frei nach einem Ex-Bundesinnenminister, der verbriefte Freiheitsrechte einem frei erfundenen ‚Supergrundrecht Sicherheit’ unterordnete.“ Auf Seite 66 verdeutlicht er das Problem. Es gehe um „präventive und informationelle Vormacht- und Herrschaftssicherung, um wirtschaftliche Einflusszonen und geostrategische Interessen in unsicheren Zeiten verschärfter ökonomischer Krisen, sozialer Spannungen, Rohstoffknappheit und wachsender ‚Flüchtlingsströme’“.
Zustimmend rief die Filmemacherin Laura Poitras dem aus Moskau in einer Live-Übertragung zugeschalteten Snowden während der Ehrung zu, man stehe in seiner Schuld für die Opfer, die er gebracht habe und von denen wir „alle profitieren“. Wörtlich mahnte sie, trotz aller Ehrung dürfe man nicht vergessen, „dass wir für eine Gesellschaft kämpfen müssen, in der solche Opfer nicht mehr nötig sein werden“. Das wäre nur der erste Schritt auf dem Wege zur Entwicklung gesellschaftlicher Realitäten, in denen Geheimdienste als Fremdkörper die Vertrauensbasis zwischen den Nationalstaaten vergiften. Notwendig sei die „Verwirklichung einer lebenswerten Zukunft auf diesem Globus“, so die Präsidentin der Internationalen Liga für Menschenrechte Fanny-Michaela Reisin im Namen ihres Vorstands. Angestrebt werden müsse „eine regelrechte Umwälzung und Neubestimmung der als `freiheitlich-demokratisch´ bezeichneten Politikverhältnisse. Das sei ein langer und beschwerlicher Weg.

Folgen „wir dem Beispiel von Snowden, Poitras und Greenwald – gehen wir ihn miteinander: entschlossen und ohne Scheu“. Mit viel Applaus wurde Edward Snowden bedacht, der – live zugeschaltet – seinen Dank für die Ehrung aussprach und dabei betonte, „dass das Gesetzeskonforme nicht immer auch legitim oder moralisch angemessen ist“. Das Buch ist neben dem großartigen Buch von Greenwald „Die totale Überwachung...“ ein Zugewinn an Erkenntnissen für jeden, der politisch die Übersicht behalten will und aktiv werden möchte, die Welt zu verändern.



Edward Snowden wurde für den alternativen Friedensnobelpreis nominiert.

Rolf Gössner (Hrsg.): „Mutige Aufklärer im digitalen Zeitalter. Carl-von-Ossietzky-Medaillen an Edward Snowden, Laura Poitras und Glenn Greenwald“
Internationale Liga für Menschenrechte
1. Auflage 2015; 100 Seiten, ISBN 978-3-944545-07-3, Preis 8 Euro,
Ossietzky Verlag GmbH, Siedendolsleben 3 / 29413 Dähre.
Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. /www.ossietzky.net


Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung.
Hinweis: Die Inhalte der "Kolumnet" geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.


Abbildungsnachweis:
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