Neue Kommentare

Kentin Abalo zu „Assassination Nation” – Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo : WAS FÜR EIN FOTO!!!
Großartig. Hoffe der...

Sybille zu Das Chinesenviertel auf Hamburg St. Pauli: Danke für den Beitrag. Ich sehe gerade den Film ...
Nikias Geschke zu „The Guilty”. Der beklemmende Minimalismus des Gustav Möller: Das klingt superspannend. Danke für den Tipp. ...
Harry zu „Otto. Die Ausstellung“: OTTO ist großartig. Ich wusste nicht, dass er ei...
Alex zu Film Festival Cologne - Von starken Spielfilmdebüts und schwächelnden Stars: Wer bist du? Halten Sie Ihre Meinung besser, wenn...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Musik

Im Gespräch: Claus Friede mit dem Cellisten Jean-Guihen Queyras zum 200. Todestag von Joseph Haydn

Drucken
(560 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 04. Februar 2009 um 20:21 Uhr
Im Gespräch: Claus Friede mit dem Cellisten Jean-Guihen Queyras zum 200. Todestag von Joseph Haydn 4.7 out of 5 based on 560 votes.
Foto: © Yoshinori Mido
(Foto: © Yoshinori Mido)

2009 ist das Jahr der vielen Widmungen: Zum 250. Mal jährt sich der Todestag von Georg Friedrich Händel, Felix Mendelssohn Bartholdy wäre 200 Jahre alt geworden und Joseph Haydn starb vor 200 Jahren, am 31. Mai 1809.

Anlass genug sich über den Letztgenannten mit einem Experten zu unterhalten:

 

 

Claus Friede (CF): Was interessiert Sie an der Musik Joseph Haydns im Allgemeinen und was im Besonderen?

Jean-Guihen Queyras (JGQ): Es gibt sehr viele Facetten bei Haydn, die für mich faszinierend sind und insbesondere die Mischung dieser einzelnen Facetten sind es, die ihn einzigartig machen. Man hört an seiner Musik zum einen, dass Joseph Haydn ein gebildeter Mensch war, aber er war auch gleichzeitig frech für die damalige Zeit: Er machte Scherze mit seinem Publikum, wie das übrigens auch Johann Sebastian Bach tat. Außerdem, und das macht dies noch deutlicher, Haydn hat über 100 Sinfonien geschrieben und es gibt nicht eine einzige, in der nichts Unerwartetes passiert. Es geht ihm nicht jedes Mal um eine neue Erfindung, sondern um Unerwartetes, mit den Tempi, mit Harmonien und Klängen. Seine Kompositionen haben im Aufbau Esprit und ich empfinde sie auch überwiegend sehr sinnlich. Und hier sind wir dann auch wieder beim Klang. Für mich ist es wichtig, eine Art Originalklang bei Haydn zu erzeugen, das habe ich auch bei meiner Aufnahme der Cellokonzerte mit Orchester C-Dur und D-Dur versucht umzusetzen.

CF: Unerwartet - diesen Begriff benutzten Sie gerade. Sie haben sogar Filmmusik eines Werkes von Alfred Hitchcock im Violoncellokonzert D-Dur entdeckt und diese Passage kurz vorgespielt und in der Tat: Genauso klang es.

Joseph Haydn sagte einmal über sich selbst und seine Arbeit bezüglich der Tatsache, dass er auf dem Lande lebte und arbeitete und für das Hause Esterházy auf deren Landsitz im heutigen Ungarn komponierte: „Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irremachen und quälen, und so musste ich original werden." Eine bemerkenswerte Aussage, denn für mich stellt sich gleich eine grundsätzliche Frage: Braucht ein Komponist wie auch ein Interpret nicht den permanenten Austausch, um überhaupt durch Vergleichbarkeiten und Kommunikation zu seiner eigenen Sprache zu finden?

JGQ: Ich finde es ganz toll, dass Sie diese Aussage von Haydn hier zitieren, denn dieses Problem stellt sich wirklich. Vielleicht haben wir manchmal auch zu viel Austausch und den Zwang, in eine bestimmte Gruppe gehören zu wollen oder das Bedürfnis, einer Kompositionsrichtung anzugehören. Das begrenzt auch den individuellen Mut. Ich glaube Haydn brauchte diese Einsamkeit, er wäre vielleicht nicht so experimentell, im besten Sinn des Wortes gewesen, wenn er viel Kontakt zur Außenwelt, zu Kollegen und Kritikern gehabt hätte.

 

CF: Ich stellte die Frage auch vor dem Hintergrund, dass andere Komponisten genau den Mangel an Austausch beklagen, weil sie durch räumliche, politische oder sonstige Gegebenheiten oder Gängelungen unfreiwillig in diese Situation gerieten.

JGQ: Ja, es ist immer die Frage, ob man sich freiwillig in eine solche Lage begibt oder ob es eine Zwangssituation ist.

CF: Haydn war in gut drei Epochen zu Hause: im Hochbarock, im "Sturm und Drang" und in der "Wiener Klassik". Was damals durchweg üblich war, hat auch Haydn praktiziert, nämlich sich Elementen aus dem Folkloristischen und Pseudo-Folkloristischen zu bedienen. Warum war es so wichtig für die damaligen Komponisten, sich diesen Zitaten anzunehmen?

JGQ: Ja, es war üblich, musikalische Anleihen zu nehmen. Anhand der verschiedenen Menuettformen bei Haydn kann man diese Frage ganz gut erläutern. Es gibt die, die ich als sehr ernst und „höflich“ bezeichnen würde und dann gibt es in seinen frühen Werken die bodenständigen, fast bäuerlichen kompositorischen Stellen bei ihm. Aber es sind nur recht wenige, denn er benutzte diese Elemente nicht direkt. In den rein klassischen Werken hört man diese Art eigentlich nicht, diese sind sozusagen klar und rein, sie haben eine Art musterartige Perfektion. Diese reinen Klassikstücke sind manchmal fast einschüchternd, sowohl für die Interpreten als auch für die Zuhörer und alles andere als Folkloristisch. Ab und zu hat man das Gefühl, man schaffe es kaum an das Stück heranzukommen. Insbesondere wenn Haydn eine, ich nenne es einmal „direkte Sprache“ benutzt und hier gilt es, diese Situation zu überwinden. Ich versuche dann, einen eigenen Zugang zu schaffen, einen Zugang der durch Farbigkeit entsteht, für die Musik selbst und für das Publikum.
 


Auszug aus einem 35-minütigen Gespräch im Studio E der Laeiszhalle Hamburg, anlässlich des Konzertes Resonanzen 3 „Haydn-Variationen“ des Ensemble Resonanz, am 14. Januar 2009.

Jean-Guihen Queyras wurde 1967 im kanadischen Montreal geboren. Er studierte am Conservatoire Supérieur Musique et de Danse de Lyon in Frankreich und erhielt Stipendien für die Musikhochschule in Freiburg/Br., für die Juilliard School of Music und das Mannes College of Music in New York. Schon früh erhielt er Auszeichnungen u. a. im Jahr 2002, den City of Toronto Glenn Gould International Protégé Price in Music als Protégé des Glenn-Gould-Preises.
Queyras war mehrere Jahre Mitglied des von Pierre Boulez gegründeten Ensemble InterContemporain. Er tritt seither mit bedeutenden internationalen Orchestern auf und arbeitet auch kammermusikalisch.
Queyras' Repertoire umfasst die klassische und romantische Literatur ebenso wie zeitgenössische Kompositionen. Er ist gegenwärtig Professor für Violoncello an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart.

Weitere Konzerttermine 2009 in Deutschland mit Jean-Guihen Queyras:

20. Juni: Kloster Maria Bildhausen, Bad Kissingen
21. Juni: Schloss Ludwigsburg, Ordenssaal
03. und 04. September: Audimax der Ruhruniversität, Bochum
06. September: Theater Coesfeld

(Lesen sie auch "Jean-Guihen Queyras wird Artist in Resindence beim Ensemble Resonenz" in Hamburg)
 

alt

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

avatar elsbeth moser
+4
 
 
lieber herr friede!
so fantastisch, dass sie das geburtstagsfest für sofia gubaidulina so wundervoll in ihrem kulturportal veröffentlicht haben!
sie schreiben sehr schön! ich sah auch hier, dass sie mit jean guihen queyras über haydn gesprochen haben! klug gestellte fragen machen das antworten leicht!

danke und grüße, elsbeth moser
Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Meinen Kommentar abschicken
Abbrechen
Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Musik > Im Gespräch: Claus Friede mit dem Cellisten ...

Mehr auf KulturPort.De

Maria Austria. Eine jüdische Fotografin aus Amsterdam in Berlin
 Maria Austria. Eine jüdische Fotografin aus Amsterdam in Berlin



Das Verborgene Museum in Berlin-Charlottenburg präsentiert bis zum 10. März 2019 Fotoarbeiten und Dokumente der niederländischen Fotografin Maria Austria (191 [ ... ]



„Cold War – Der Breitengrad der Liebe” - Oder die Magie einer schwarzen Leinwand
 „Cold War – Der Breitengrad der Liebe” - Oder die Magie einer schwarzen Leinwand



Paweł Pawlikowski hat das schwermütige, visuell atemberaubende Noir-Drama „Cold War” seinen Eltern gewidmet, deren stürmische On- und Off-Beziehung ihn zu [ ... ]



Madeleine Peyroux: Anthem
 Madeleine Peyroux: Anthem



Jazz oder nicht Jazz? – Was Madeleine Peyroux auf ihrem neuen Album präsentiert, ist relaxt und poetisch, warm und subtil, aber auch modern, überraschend luf [ ... ]



68. Pop und Protest
 68. Pop und Protest



APO, Mini, Flower-Power: Mit der glänzend inszenierten Ausstellung „68. Pop und Protest“ verabschiedet sich Sabine Schulze nach zehn Jahren als Direktorin d [ ... ]



Wolf Haas: Junger Mann
 Wolf Haas: Junger Mann



Launig ist die Anlage und könnte in eine interessante Geschichte führen: Ein introvertierter 13-jähriger bekämpft sein starkes Übergewicht mit Kalorienzähl [ ... ]



Jasmin Bayer: The Green Unicorn
 Jasmin Bayer: The Green Unicorn



Nun ist es da, das zweite Album von Jasmin Bayer, in Gestalt eines grünen Einhorns. So verspricht das Cover des Albums „The Green Unicorn“ ein mädchenhafte [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.