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Hamburger Architektur Sommer 2019

Musik
Halloween Opern-Slam im Opernloft Altona Foto Inken Rahardt

Ein ungewöhnlich schönes Ambiente, ganz erstaunliche Stimmen und ein Spaßfaktor, wie er in der klassischen Musik wohl einmalig ist: Der „Halloween“-Sängerkrieg im Opernloft Hamburg war so vergnüglich, dass die Zuschauer eine geschlagene Stunde an Zugaben einforderten.

Das Format, ein moderierter Gesangswettstreit im 90-Sekunden-Takt, ist Kult im Opernloft. Seit 2008, damals war die Spielstätte noch in der Conventstraße, (von 2010-2015 dann an der Fuhlentwiete) messen sich in Anlehnung an Wagners „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg“ Nachwuchssänger und Sängerinnen über mehrere Runden zu verschiedenen Themen. Seit einem Jahr nun ist das Opernloft im ehemaligen Englandfährterminal in Altona zuhause. In modernen, speziell auf das Konzept – Theater und Gastronomie – zugeschnittenen Räumen mit einem einladend großzügigen Foyer und einem 250 Plätze fassenden Zuschauerraum unmittelbar am Wasser. Eine echte Traumlokation. Allein der fantastische Blick durch die riesigen Panoramafenster auf Hafen und Schiffe hebt die Laune, zumal man hier (wie im Schmidt-Theater oder dem Hansa-Theater) gemütlich an kleinen Tischchen sitzen und Getränke während der Vorstellung zu sich nehmen kann.

Aber nicht nur räumlich hat sich das Opernloft gewaltig gemausert. Auch musikalisch scheint hier ein Quantensprung stattgefunden zu haben. Seit ihrer Gründung 2002 versteht sich die Bühne als Einstiegsmöglichkeit für das breite Publikum ins Opernfach und als „Karrieresprungbrett für den Opernnachwuchs“. Doch die ersten Jahre waren ein ständiger Überlebenskampf für die Sängerinnen Yvonne Bernbom (Geschäftsführung) und Inken Rahardt (Intendanz), die 2007 die Autorin und Theaterkritikerin Susann Oberacker ins Leitungsteam holten und die Bühne in Opernloft umbenannten. Die drei Frauen hielten durch – und verbesserten das Niveau ihrer Bühne von Jahr zu Jahr. Mittlerweile blicken sie auf eine ganze Garde guter Sänger*innen zurück, die in ihren Inszenierungen erstmals auf sich aufmerksam machten. Die Sopranistin Anna Herbst beispielsweise (später u.a. Salzburger Festspiele, Oper Köln und Kölner Philharmonie), die Koloratursopranistin Nina Koufochristou (derzeit im Ensemble der Wuppertaler Bühnen) oder der Tenor Xianghu Alexander Liu (später u.a. Mönchengladbach und Krefeld).

Auch am Halloween-Abend konnte man feststellen, dass der Anspruch an die jungen Sängerinnen und Sänger, die hier nach abgeschlossenem Musikhochschulstudium erste Bühnenerfahrungen sammeln, seit den Anfängen vor 17 Jahren deutlich gewachsen ist. Und mit ihm die Souveränität, die Lockerheit und Schlagfertigkeit der Moderatorinnen, die durch das Programm führen.

Oper bietet nicht nur musikalische Qualität auf höchstem Niveau, Oper muss nicht nur anstrengend sein. Bei Oper kann und darf auch gelacht werden – das vermittelten Yvonne Bernbom und Susann Oberacker beim Halloween-Slam mit erstaunlichen Entertainer-Qualitäten. Über Erfolg und Misserfolg entschied (wie immer) ein Applaus-Dezibel-Messer und zwischendurch konnten, auch das gehört dazu, die Zuschauer raten, welche Arien gesungen wurden und einen Schnaps gewinnen. Kurz: Ein großer Spaß aus anspruchsvoller Musik und Entertainment, der seinesgleichen sucht.
Nun aber zu den vier Sänger*innen, die von Amy Brinkman-Davis am Klavier begleitet, zu Parolen wie „Süßes oder Saures“ und „Die Geister, die ich rief…“, um eine Flasche Champagner wetteiferten.
Gleich vorweg: Alle vier hätten den Champagner verdient, sie waren Klasse bei Stimme. Kein schräger Ton, kein Geknödel, keine gepressten Kopfstimmen. Lukas Anton, der gefeierte „Don Giovanni“ dieser Spielzeit, hatte die schwerste Rolle im Quartett. Anton ist ein Bariton ohne Fehl und Tadel, ob als Figaro in Rossinis „Barbier von Sevilla“ oder mit Hits aus „My Fair Lady“ (die Songs hat er drauf, da er gerade an der Staatsoperette Dresden als Obsthändler in dem Evergreen auf der Bühne steht). Nur ist die Mittellage halt eine Mittellage, und sein weicher, wohlklingender Bariton wenig spektakulär im Vergleich zu dem strahlenden, kraftvollen Tenor von Ljuban Zivanovic. Der Serbe, der in seiner Heimat sechs Mal den ersten Preis beim Nationalen Gesangswettbewerb gewann und an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim sein Diplom mit Auszeichnung machte, singt ohne jeden Druck, völlig mühelos. So etwas erlebt man wirklich selten. Im Gedächtnis bleiben vor allem seine innige Interpretation eines serbischen Volkslieds (a cappella), sowie Kostproben aus Verdis „La Traviata“, die am 22. November 2019 im Opernloft Premiere feiert – mit Ljuban Zivanovic als Alfredo, versteht sich. Seinen Etappen-Sieg in der Gunst des Publikums aber holte er ausgerechnet mit dem Lied „Es muss was Wunderbares sein, von Dir geliebt zu werden“, aus dem „Weißen Rößl“ von Ralph Benatzky (1884-1957).

Nun ja, am Ende hatte jeder einen Punkt, die beide Männer standen an diesem Abend jedoch eindeutig im Schatten ihrer glanzvollen Kolleginnen: Die Südafrikanerin Caroline Nkwe, eine veritable Operndiva, die bereits an den Drei-Sparten-Häusern in Kiel und Lübeck engagiert war, beeindruckte mit ihrem warmen, voluminösen Sopran (u.a.) als Tosca, sowie Arien aus George Gershwins (1898-1937) Oper „Porgy and Bess“. Den Vogel aber schoss die erst 24jährige Rebecca Frese aus Brandenburg ab. Sie ist nicht nur bildschön und schauspielerisch begabt, sie hat auch einen umwerfenden Mezzo. Was für eine „Carmen“! Was für eine Habanera! Was für eine erotische Ausstrahlung! (Und das, ganz brav, im „Kleinen Schwarzen“). Der Applaus-Dezibel-Messer ging durch die Decke. Unglaublich, diese junge Sängerin, die erst im vergangenen Jahr ihren Bachelor an der Dresdner Musikhochschule machte. Das Finale mit Ljuban Zivanovic entschied sie für sich mit einem bezaubernden kleinen Kinderlied a cappella: „Ein Männlein steht im Walde“. Rebecca Frese – von dieser Sängerin wird man noch hören!

Opern-Slams im Opernloft

Sängerkrieg „Ladies Night“, 14.11., 19.30 Uhr.
Sängerkrieg Advent, 4.12., 19.30 Uhr.
Sängerkrieg Nikolaus, 6.12., 19.30 Uhr.
Sängerkireg Sivester, 31.12., 19.30 Uhr.
Alter Fährterminal Altona, Van-der- Smissen-Straße 4, Hamburg-Altona
Alle Infos und Tickets unter www.opernloft.de


Abbildungsnachweis: Alle Fotos © Inken Rahardt
Diverse Szenen des Opern-Slams

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