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Hamburger Architektur Sommer 2019

Musik
Kammeroper: Spritziger Neustart mit Rossini-Smartphone-Komoedie Foto: Joachim Fluegel

Hamburgs kleines Opernhaus an der Max-Brauer-Allee meldet sich unter neuer Leitung furios zurück mit der Rossini-Opera-buffa „La Gazzetta“ – ein herrlich heiterer Opernabend mit grandioser Musik.

Es dauerte bei der Premiere von Rossinis „La Gazzetta“ nur ein paar Sekunden, dann war alles wieder da: die wunderbare Eleganz und Leichtigkeit der Musik, der Ideen-Witz auf der kleinen Bühne und die Intensität und Nähe zu den Künstlern, mit der Hamburgs kleines Opernhaus an der Max-Brauer-Allee über zwanzig Jahre glänzt und bezaubert (im Theater für Kinder sogar schon 50). Überstanden die Querelen, die die Sicherung eines solchen Lebenswerks zuweilen mit sich bringt. Am Eingang begrüßte nun Neu-Intendant Marius Adam das Publikum zur Eröffnung der ersten kompletten Spielzeit neuer Zeitrechnung, bekannt seit vielen Jahren als Säule und Seele des Ensembles und auch an diesem Abend in tragender Rolle auf der Bühne aktiv. Theatergründer Uwe Deeken hielt sich dezent im Hintergrund – sichtbar zufrieden damit, nun eine allseits akzeptierte Intendanz zu haben, die mit neuen Ideen und neuem Elan für die Zukunft des Theater-Juwels antritt.

Rossini also. „La Gazzetta“, entstanden 1816, als originäre Opera Buffa zwischen dem „Barbiere di Siviglia“ und „La Cenerentola“. Und da die Kammeroper im Allee-Theater immer schon Wert auf Exklusivität gelegt hat: Es ist tatsächlich die erste vollständige Aufführung der Oper in deutscher Sprache, das aktuelle Libretto schrieb auch diesmal Barbara Hass, die seit Jahrzehnten immer wieder die Steilvorlagen für Sprach- und Spielwitz liefert. Die arg verschlungene Handlung dreht sich um den neureichen Dickkopf Pomponio Storione, der seine Tochter Lisetta per Heiratsanzeige öffentlich anpreist, um für sie eine gute Partie und für sich Statusgewinn zu ergattern. Doch einen Dickkopf hat das gewitzte Töchterchen ebenfalls. Sie will sich dem Diktat des Vaters listig entziehen, Startpunkt für eine furiose Reihe von Verwechslungen, Prahlereien, Peinlichkeiten, Missverständnissen – zumal noch eine zweite junge Dame die Liebe ihres Lebens finden soll und mit Madame la Rose eine geschickte Strippenzieherin an dem turbulenten Spiel beteiligt ist.
Es bleibt lange Zeit ganz schön spannend, auf welchen Wegen sich am Ende die liebenden Paar in die Arme schließen können. Aber Rossini wäre nicht Rossini, wenn er nicht mit Bravour ein gutes Ende hinbekäme.

Selbst Rodins Plastik „Der Denker" starrt auf sein Smartphone
Regisseur Alfonso Romero Mora macht aus den sieben Sängerinnen und Sängern eine smartphone-versessene Gesellschaft, immer mit einem Blick auf dem Display, ja – ganze Dialog-Szenen werden per SMS und abschließendem Pling ausgetragen. Kommt so natürlich im Original nicht vor, hat aber hohen Unterhaltungs- und Wiedererkennungswert, wenn man weiß, dass heute selbst in der Staatsoper bis weit in die Ouvertüre hinein Mails gecheckt werden und Nachrichten verschickt werden. Die Personenregie ist so munter und beweglich wie Rossinis Musik, sie sorgt für viel Heiterkeit, ohne die Grenze zum Klamauk allzu häufig zu überschreiten. Lisa Überbacher sorgt mit ihrem Bühnenbild für große Abwechslung, es kann sich schnell von einer Hotellobby zur Boris-Besenkammer oder zu einem Labyrinth wandeln, das die verwirrten Fäden der Handlung spiegelt. Hübscher Augenfang am Bühnenrand: Rodins Denker, der ebenfalls auf sein Smartphone starrt. Überbachers Kostüme harmonieren reizvoll mit der modernen Smartphone-Realität.
Große Oper in kleinster Besetzung. Ettore Prandi, der Dirigent des Abends, hat mal wieder das Wunder vollbracht, die Partitur auf nur fünf Instrumentalstimmen einzudampfen – Geige, Kontrabass, Oboe, Klarinette und Fagott – und doch in den Ohren des Publikums den kompletten Rossini-Sound aufblühen zu lassen: einschmeichelnde Melodien, fetzige Ensembleszenen, bebendes Flirren, sogar das berühmte lang gezogene Orchester-Crescendo doch des Meisters – alles da, nie kommt auch nur eine Sekunde lang der Gedanke auf: Da fehlt was. Man hört Trompeten, wo gar keine sind, und gewaltige Orchester-Tutti, für deren Originalbesetzung im Graben nicht mal ansatzweise Platz wäre. Chapeau! Auch an die fünf Instrumental-Solisten, die das grandios gemeistert haben.
Auf der Bühne tummeln sich mehr Sängerinnen und Sänger als das Orchester Mitglieder hat. Rossini möchte von seinen Stimmen süßen Schmelz, knackfrische Staccato-Koloraturen, freches Spielen und, besonders in „La Gazzetta“, ein absolutes Ohr fürs Einfügen ins Ensemble. Wobei präzise Artikulation ein Muss ist beim hohen Tempo des gemeinsamen Singens.

Großer Opernspaß in kleinster Besetzung
Da hat Marius Adam eine glückliche Hand bei der Sängerauswahl: Cecilia Rodríguez-Morán ist eine wunderbar quirlige und spielfreudige Lisetta, die ihre Koloraturen punktgenau bis in höchste Höhen treibt und wenn nötig auch mal allerliebste Quietscher von sich gibt. Der Philipe, den sie schließlich in eigener Wahl ehelicht, spielt und singt Robert Elibay-Hartog. Titus Witt gibt den zweiten Brautvater, der mehr auf Handy-Börsenkurse schaut und für seine Doralice einen Mann sucht, der auch in seine Geschäfte investieren kann. Natascha Dwulecki singt die Doralice mit verlässlichem jugendlichen Charme. Den Wettbewerb, wer die Rossini-Koloraturen am lustvoll knackigsten darbietet, gewinnt allerdings mit Abstand Feline Knabe in der Rolle der intrigen-erfahrenen Madame la Rose, die immer wieder mit ordnender Hand ins Gefühlschaos eingreift. Ein wenig Mühe mit der schwebenden Leichtigkeit von Rossinis Tenorhöhen und wohl auch mit der eignen Nervosität hatte bei der Premiere noch Ljuban Zivanovic, dem aber zunehmend lyrische Passagen und strahlende Schlusstöne gelangen. Der Intendant singt und spielt den protzenden, großmäuligen, sich schlau glaubenden Pomponio, der am Ende als verulkter Esel dasteht und selbst ein Selfie des Pagen (Josef Brunkhorst) über sich ergehen lassen muss. Eine Rolle ganz nach seinem Gusto.
Ein großer Theaterspaß, schon während der Aufführung immer wieder mit Szenenapplaus belohnt und am Ende ausgiebig und lautstark bejubelt und mit Bravo-Rufen und Rosenwürfen bedacht. Ein Teil galt dabei sicher der Tatsache, dass das Publikum in dem guten Gefühl nach Hause gehen konnte, dass das kleine Opernhaus im Allee-Theater wieder eine große Zukunft vor sich hat.

Gioachino Rossini: La Gazetta
In der Kammeroper im Allee-Theater, Max-Brauer-Allee 76.
Noch bis zum 9. Dezember 2017 und vom 1. bis 30. Juni 2018.
Alle Termine, Preise und Ticketbuchung (auch für das spezielle Theater-Menü) unter www.alleetheater.de oder Kartentelefon (040) 3829 59


Abbildungsnachweis: © alle Fotos: Dr. Joachim Flügel
Header und Galerie: Szenen der Aufführung, Kammeroper Hamburg.

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