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Musik

Hamburger Kammeroper glänzt mit zwei Wahnsinnsopern

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Montag, den 15. Mai 2017 um 09:59 Uhr
Hamburger Kammeroper glänzt mit zwei Wahnsinnsopern 4.2 out of 5 based on 78 votes.
Hamburger Kammeroper glänzt mit zwei Wahnsinnsopern

Zwei verrückte Menschen am Rand des Abgrunds. Unrettbar verloren die eine, sicher aufgefangen in einer reißfesten Liebe der andere. Zwei Einakter von Peter Maxwell Davies und Michel Nyman („Das Piano“). Und ein fordernder, packender, anrührender Abend in der Kammeroper an der Max-Brauer-Allee.

Was für eine feine, großartige, heitere Inszenierung ist dieser zweite Teil der neuen Produktion der Hamburger Kammeroper! Und das, obwohl er von einem Psychodrama berichtet, wie es erschütternder kaum sein kann. „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ ist der titelgebende Fall aus Oliver Sacks’ gleichnamigem Bestseller. Michael Nyman, Komponist von Jane Campions Film-Epos „Das Piano“, schrieb die Musik für einen hinreißenden, einfühlsamen Einakter über den Sänger, Schumann-Experten und Dozenten an einer Musikhochschule, glücklich verheiratet. Doch dann beginnt seine Wahrnehmung, sich zu verschieben. Er sieht die Dinge um sich herum, kann sie aber immer weniger einordnen.

Gemeinsam mit seiner Ehefrau entwickelt er Wege, trotz dieses gravierenden Defizits den Alltag zu bewältigen. Der behandelnde Neurologe erlebt in den Sprechstunden staunend ein Paar, das selbst in Situationen bodenloser Verzweiflung zueinander hält. Er erkennt: „Was Ihnen fehlt, das weiß ich nicht. Doch ich weiß, was Sie haben.“

Der Musiker bleibt in seiner Parallelwelt, wird aber dort gerettet durch die Musik – sie ist der rote Faden, der ihm hilft, sich zu orientieren, Selbstbewusstsein zu behalten und die matte Erkenntnis seiner Krankheit nicht zum totalen Absturz werden zu lassen. Drei Stimmen lassen die Geschichte lebendig werden: Titus Witt (Bariton) singt den Mann, der sich in seine Musik auflöst, mit feinem Humor. Natascha Dwulecki (Sopran) ist seine Ehefrau, die ihm mit hübschen Ritualen ins Jackett hilft, ihre Tränen nicht verbergen kann, als er das Hochzeitsfoto zunächst nicht erkennt, die immer wieder kleine Ungeschicklichkeiten und Ausfälle kaschiert. Sie braucht dafür keine großen Gesten – es sind gerade die kleinen Momente, die ihrer Figur Glaubwürdigkeit verleihen. Sie ist die starke Frau, die den Zusammenbruch verhindert, sich fast symbiotisch auf die Krankheit ihres Mannes einlässt und zeigt, wozu Liebe fähig ist – ein faszinierendes Porträt.

Zu den zwei starken Stimmen der beiden gesellt sich der Tenor Ansgar Matthes als Neurologe Dr. S., der den seltsamen Fall mit wachsender Erkenntnis und Demut studiert. Stimmgewaltig, manchmal ein bisschen zu forciert.

Michael Nymans Musik ist für das Kammeroper-Ensemble auf der Bühne und im Orchestergraben keine leichte Aufgabe. Minimalistisch konstruiert verweist sie in geschickt eingearbeiteten Zitaten immer wieder auf Schumann – Dirigent Ettore Prandi versteht sie als musikdramaturgisches Mosaik, in dem immer wieder Verbindungslinien zwischen der Opernhandlung und den Liedtexten geknüpft werden. Sie lässt atmosphärisch dicht die Ausweglosigkeit der Wahnvorstellungen ebenso erkennen wie die Chance, in der Musik Trost zu finden, vielleicht sogar eine Art Heilung.

Ini Gerath hat das mit großer psychologischer Genauigkeit auf die Bühne geholt und versteht es, durch alle Irritationen, Verlustängste und Trauer hindurch eine fein schwebende Fröhlichkeit entstehen zu lassen – das Prinzip Hoffnung, das sich nicht kleinkriegen lässt, und das Prinzip Liebe, das am Ende Sieger bleibt.

Grandiose 50 Minuten für eine Sängerin – ohne jede Begleitung
Das ist ein ganz anderer Grundton als der des ersten Teils dieses sehens- und hörenswerten Opernabends. In dem nämlich herrscht die Verzweiflung, die Auflösung einer Persönlichkeit und ihrer Erinnerungen. „Das Medium“ stürzt in seinen endlos kreisenden Gedanken immer wieder in schwarze Abgründe. Was immer geschehen ist, wir erfahren es nicht. Kindsmord? Missbrauch? Intrigen? Es ist ein undurchdringliches Gespinst, unter dem die Akteurin leidet, das ihr den Atem nimmt, aus dem sie immer wieder kurz entkommt, um umso tiefer hinein gezogen zu werden. Ein pechschwarzes Werk, bei dem am Ende kein „Gerettet!“ gerufen werden kann.

Der Brite Peter Maxwell Davies ist der Komponist dieser Psycho-Tragödie; er setzt virtuos passend zu den Gemütsverfassungen der Akteurin illustrative Zitate ein, Kinderlieder, Choräle, hochexpressive Ausbrüche, Sprechgesang. Eine Wahnsinnsherausforderung, eine grandiose Leistung für eine Sängerin ohne jede instrumentale Begleitung – 50 Minuten Musik und Darstellung, die unter die Haut gehen, die Zuhörer packen und kräftig durchschütteln. Dafür sorgt die hochdramatische Sopranstimme von Kristin Ebner, die den kräftezehrenden Gesangs- und Gefühlsmarathon brillant absolviert. Da muss im Publikum erst mal durchgeatmet werden, bevor vor der Pause der hochverdiente Applaus aufbrandet.

Bühnenbildnerin Kathrin Kegler hat die beiden so unterschiedlichen Wahnsinnsopern mit ihrer feinen Bildersprache zusammengebunden, die Seile, in denen das Medium gefangen ist, wird im zweiten Einakter zu ordnenden Notenlinien. Auf geheimnisvolle Weise tauchen Muster und Gegenstände aus der einen in der anderen Hälfte auf. Ein weiteres Rätselspiel, das die Zuschauer fesseln kann, wo einfache Lösungen nicht zu finden sind.

Umso bedauerlicher, dass die beiden Einakter es nicht mal mit dem Bestsellertitel von Sacks leicht haben, neugieriges Publikum anzulocken. Wie sagt Regisseurin Ini Gerath so richtig: „Kunst muss auch mal weh tun – der Auftrag des Theaters ist es, an Dinge zu rühren, an die man sich sonst nicht so rantastet.“ Das tut dieser bewegende Wahnsinnsabend in der Kammeroper – mit aller Macht.

Und wir ergänzen: Es würde doch ein befremdliches Licht auf die im Werden befindliche Musikmetropole Hamburg werfen, wenn einerseits in der Elbphilharmonie derzeit praktisch alles ausverkauft werden kann, während in den kleineren Häusern, die für gewagte Produktionen sich schon mal an den Rand ihrer Existenz wagen, dieser Mut zum gelungenen Experiment die wesentlich preiswerteren Sessel in ihren kurzen Reihen nicht füllen könnte.

Das Medium - Monodrama von Peter Maxwell Davies
Regie: Ini Gerath
Bühne: Kathrin Kegler
Kostüme: Barbara Hass
Sopran: Kristin Ebner

Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte - Kammeroper von Michael Nyman
Musikalische Leitung: Ettore Prandi
Regie: Ini Gerath
Bühne: Kathrin Kegler
Kostüme: Barbara Hass
Mrs. P.: Natasha Dwulecki
Dr. S.: Ansgar Matthes
Dr. S.: Titus Witt
Allee Theater Ensemble

Allee Theater / Kammeroper
Max-Brauer-Allee 76, 22765 Hamburg
Vorstellungen bis 25.6.2017

Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Header und Galerie:
Fotos: Dr. Joachim Flügel.
Kristin Ebner als „Medium“ und Natascha Dwulecki als „Mrs P.“ mit Titus Witt als „Dr. P.“, ihrem Mann und Ansgar Matthes als „Dr.S.“.

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