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Hamburger Architektur Sommer 2015


Musik

Aufbruchsstimmung in der „opera stabile“ der Hamburgischen Staatsoper

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Samstag, den 31. Oktober 2015 um 11:59 Uhr
Aufbruchsstimmung in der „opera stabile“ der Hamburgischen Staatsoper 4.6 out of 5 based on 99 votes.
Aufbruchsstimmung in der „opera stabile“ der Hamburgischen Staatsoper

Die „opera stabile“, die kleine Bühne der Hamburgischen Staatsoper, wird – so plant es Neu-Intendant Georges Delnon – künftig ständig bespielt und zu einem Experimentiertheater werden, aus dem auch neue Impulse für das Große Haus kommen sollen. Das Engagement großzügiger Kooperationspartner sichert das Konzept für die nächsten drei Spielzeiten.

Es wäre wohl zuviel Hintersinn – im „Lied der Wolgaschlepper“, das der großartige Bassist Stanislav Sergeev aus dem Internationalen Opernstiftung zu Beginn der Pressekonferenz am Wochenrand zur Einstimmung wohltönend singt, einen Hinweis auf Sandbänke zu vermuten, die dem ambitionierten Projekt drohen könnten, das da gleich drauf angekündigt wird: Im neuen Opernspielplan war es schon zu ahnen, jetzt gab der neue Staatsopernintendant Georges Delnon Butter bei die Fische. Und ließ aufblitzen, was er mit „Aufwertung der opera stabile“ meint. Es ist nicht weniger als der Versuch, eine zweite ständige und gern auch eigenständige Spielstätte für die Hamburgische Staatsoper zu etablieren.
Ein „Laboratorium für die Entwicklung neuer Musiktheaterformen“, eine neue Marke im Bereich Musiktheater und Musiktheatervermittlung. Man könnte auch sagen: Das Große Haus bekommt einen zweiten Spielraum, in dem einfach immer etwas los ist. Einen, der dem Opernhaus eine ganze Reihe neue Türen öffnet. Und einen neuen Köder, mit dem man noch nicht opernaffine Jugendliche anlocken und faszinieren will. In der Hoffnung, dass sie später einmal keine Schwellenangst, sondern vor allem Neugier spüren, wenn das Wort „Oper“ fällt.
Ein großes Vorhaben, eines von der Sorte, wie sie in Hamburg gern schnell totgerechnet werden, bevor es sich überhaupt zeigen könnte, was es denn bringt. Um so überraschender, dass der neue Intendant gleich vier große Institutionen derart für seine neue Idee begeistern konnte, dass jeder von ihnen drei Spielzeiten lang jeweils 150.000 Euro dazugibt – pro Spielzeit! Zusätzliches Geld! Bisher wurden in der opera stabile vor allem die beiden Produktionen des Internationalen Opernstudios und pro Jahr eine Kinder-„opera piccola“ produziert. Das wird sich jetzt ändern.
Die großzügigen Spender sind: die Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Staatsoper, die Körber-Stiftung, die Deutsche Bank AG und die Hapag-Lloyd-Stiftung. Sie sind nicht nur Geldgeber, sondern bringen auch eigene Ideen und Projekte ein: die Deutsche Bank etwa mit ihrer „Akademie Musiktheater heute“; deren Abschlussproduktionen ihrer Stipendiaten in der opera stabile stattfinden, die Körberstiftung und die Opernstiftung, die das Internationale Opernstudio mit zwei opera-stabile-Produktionen pro Spielzeit ermöglichen.

Große Namen, Experimente und ein Patennetzwerk
Darüber hinaus werden etliche andere Musiktheater-Projekte den schwarzen Möglichkeitsraum in der Kleinen Theaterstraße zum Klingen bringen, verspricht der neue opera-stabile-Projektleiter Christoph Böhmke, ohne deshalb gleich allzu konkret zu werden. Überraschungen sollen schließlich zum Programm werden. Einiges ist doch zu hören: Große Namen dürfen im stabile-Programm vorkommen – so wie der Marthaler-Abend mit Anne Sophie von Otter zur Eröffnung der Spielzeit und „Weine nicht, singe“ von Dea Loher und Michael Wertmüller, das von Jette Steckel inszeniert wurde und absteckte, was da alles möglich wird: neue Klänge, der Bruch der Barriere zwischen Sprech- und Musiktheater, ein neuer Blick auf die Musik, brisante, hochpolitische Themen und ein viel engerer Kontakt zum Publikum. Ein weiterer großer Name soll in der kommenden Spielzeit Calixto Bieito sein.
Uraufführungen also, innovative Klänge, neue Formen, eingerissene Grenzen. So wie „Minibar“ im kommenden Februar, wo im Projekt von „Akademie Musiktheater heute“ auch Helen Kwon und Gabriele Rossmanith mitsingen werden. Oder der Versuch, eine Gesangs-Meisterklasse mit Jugendlichen zusammen zu bringen. Neue Formen der Musiktheatervermittlung sollen erprobt werden, es darf auch einfach nur mal diskutiert werden.
Die Idee, ganz entschieden Neues zu wagen, soll aber nicht an den Raum „opera stabile“ gebunden sein, sondern auch aus ihm hinaus wirken. Wie das schon angeschobene Vorhaben, per Patenschaften weniger Privilegierten den gemeinsamen Zugang zur den Kunstformen Oper, Konzert und Ballett zu ermöglichen und Begegnungen darüber hinaus zu initiieren – zu freiem bzw. reduziertem Eintritt. Ein Projekt, bei dessen Initialzündung zunächst nur an Flüchtlinge gedacht wurde, das aber schon jetzt eine ganz eigene Dynamik erkennen lässt (Nähere Informationen).
Und zur Uraufführung von Hosokawas Fukushima-Oper „Das stille Meer“ wird eine Ausstellung geplant.

Neugierig machen auf Neues, Unerhörtes, nie Gesehenes
Das Signal ist klar: Die Oper öffnet sich. Ein bisschen sicher aus Notwehr, denn das Publikum von morgen will erstmal interessiert werden und muss feststellen können, dass es etwas davon hat, wenn es in die Oper geht.
Ein bisschen aber auch aus Neugier und aus Freude am eigenen Tun – das ist bei allen Beteiligten deutlich zu spüren. Es sind keine ausgefeilten, fix durchgerechneten Pläne mit Erfolgsgarantie – es ist viel mehr: Ganz nach Delnons Art, im Mäntelchen des feinen Understatements, die freche Lust am Experiment, der Spaß am künstlerischen Risiko, die Neugier auf Neues, auf Ungehörtes, auf nie Gesehenes.
Man will hinauswirken in die Stadt, Oper soll sich einmischen. Man will die Menschen hineinholen in das Gesamtkunstwerk auf der Bühne. So wie bei „La Passione“ im Frühjahr in den Deichtorhallen, wo Regisseur Romeo Castellucci viele Hamburger zum Mitspielen bewegen will – ein Hauch von Oberammergau an der Elbe.
Das alles gelassen anzupacken und im eigenen Haus Begeisterung für Dinge zu wecken, die sicher nicht ohne die eine oder andere Mehrbelastung realisierbar sind – und vorauseilend potente und begeisterungsfähige Kooperationspartner dafür gewonnen zu haben – ist jetzt schon, beispielhaft und ein großer Gewinn. Für die Oper und für Hamburg. Es wird auf Dauer auch die Wahrnehmung des großen Hauses an der Dammtorstraße verändern.

Nächste Vorstellungen in der Opera Stabile:
Gastspiel: The Sound of a Voice/ Herzog Blaubarts Burg
Studienprojekt der Theaterakademie Hamburg: Sa, 31.10. und So, 1.11. jeweils 19:30 Uhr
In der opera stabile, Kleine Theaterstraße 1. Hamburg
Karten unter (040) 3568 68


Abbildungsnachweis:
Headefoto: privat

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