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Filmwelt im Land der 1.000 Seen: 100 Jahre Finnland bei den Nordischen Filmtagen

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Mittwoch, den 08. November 2017 um 09:49 Uhr
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Filmwelt im Land der 1.000 Seen: 100 Jahre Finnland bei den Nordischen Filmtagen

Aki Kaurismäki: „Die Illegalen sind die Unsichtbaren“

Finnland, das Land der 1.000 Seen, feierte bei den 59. Nordischen Filmtagen Lübeck (NFL) 2017 seinen 100. Geburtstag. Demzufolge bildeten finnische Filme einen Schwerpunkt des Festivals.

Finnische Filmklassiker, aktuelle Serien, Horrorthriller, vor allem aber gesellschaftspolitische Filme bestimmten das finnische Programm der diesjährigen NFL. Filme, die nachdenklich machten, die Themen wie Migration und Integration in den Mittelpunkt der Handlung stellten. Wie wichtig Familie und Freunde sind, wie groß die Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit, nach einem eigenständigen, zugehörigen Platz in der Gesellschaft sein kann, verdeutlichten die unterschiedlichsten Filme auf jeweils eigene, immer aber intensive Art und Weise.

Unter dem Motto „Mit fremden Augen“ standen im Zentrum der Retrospektive Einwanderer des 20. Jahrhunderts. In „Die Grenze“ (2007, R: Lauri Törhönen) stehen Kriegsflüchtlinge im Zentrum des Geschehens. Sie stranden 1918 nach dem russischen Bürgerkrieg und während des Ersten Weltkrieges an der finnisch-russischen Grenze. Ein Offizier, der für Recht und Ordnung im Chaos sorgen soll, gerät zwischen die Fronten russischer Emigranten, sowjetischer Funktionäre und finnischer Nationalisten. Als finnische Nationalisten von ihm verlangen, Angehörige fremder Volksgruppen zu liquidieren, gerät das Grenzregime vollkommen außer Kontrolle. Vor allem deshalb, weil von da an Flüchtlingsschicksale, nationale und persönliche Interessen endgültig mit allen denkbar unmenschlichen Konsequenzen aufeinanderprallen. Und weil Parallelen zur Gegenwart unübersehbar sind, ist die generelle Aussage dieses Films eine trostlose: Solange es Grenzen gibt, wird es Kriege geben. Die einzige Hoffnung ist/wäre eine grenzenlose Welt. Ein provokanter Film, in dem die Liebe eine Rolle spielt, wenn auch keine rettende.

In der finnisch-englischen Koproduktion „Ein Augenblick im Schilf“ (2017, R: Mikko Makela) spielt die Liebe immerhin eine herausragende Rolle: Während eines Besuchs beim Vater in der finnischen Provinz verliebt sich Leevi in Tareq. Leevi ein Student aus Paris, Tareq ein Migrant aus Syrien. Das Konfliktpotential ist hoch, zumal Leevis Vater ausschließlich auf traditionelle Werte setzt. Dieser mit hervorragenden Schauspielern besetzte Film ist einer der ersten Gay-Filme aus Finnland. Er beeindruckt nicht nur, wie viele der nordischen Filme dies tun, durch schöne Landschaftsaufnahmen und sensible Kameraführung. Beeindruckend ist, wie selbstverständlich „Ein Augenblick im Schilf“ von dieser homophilen Liebe erzählt: der Film kommt nicht als schweres Drama daher, sondern als Bild einer zerbrechlichen sommerlichen Idylle. Hier werden zwei Themen gekonnt miteinander verwoben: Gezeigt wird im thematischen Miteinander, wie schwierig es ist, ein individuelles, von der Gesellschaft anerkanntes Leben in Freiheit und Liebe zu leben. Regisseur Makela: „Dieser Film hat eine Botschaft für jeden. Er zeigt den schwierigen Weg von Außenseitern in die Gesellschaft.“ Aufklärung und Verständnis, Aufhebung von Vorurteilen, Gesellschaftliche Akzeptanz – das sind die Ziele von Mikko Makela und seinem Team, die mit diesem Film erreicht werden sollen und können.

Um Liebe, Flucht und Ankommen in der Gesellschaft geht es auch in Aki Kaurismäkis preisgekröntem Film „Le Havre“ (Finnland/Frankreich/Deutschland 2011). Mit diesem Werk knüpft er an seinen Film „La Vie de Bohème“ (1992) an. Inspiriert ist dieses französische Flüchtlingsdrama zudem durch den Klassiker „Hafen im Nebel“ von Marcel Carné (1938). Ort der Handlung ist Le Havre – die französische Stadt des Blues, Soul und Rock`n Roll. Still und bescheiden lebt hier der Lebenskünstler, Literat und Schuhputzer Marcel Marx mit Ehefrau Arletty und Hündin Laïka. Eines Tages stößt Marcel beim Gang durch den Hafen auf den jungen Idrissa, der sich vor der Polizei verbirgt. Irdissa stammt aus Gabun in Zentralafrika und ist in einem Container per Schiff illegal nach Frankreich gekommen. Spontan beschließt Marcel, dem Flüchtling zur Weiterreise nach London zu verhelfen, wo er von seiner Mutter erwartet wird. Unterstützt wird er dabei von Freunden aus der Nachbarschaft und einem unerwartet warmherzigen Polizisten. Mit Sinn für die Wirklichkeit, die in Dokumentaraufnahmen von der Räumung des berühmten „Jungle“-Lagers bei Calais zum Ausdruck kommt, beschwört Aki Kaurismäki in seinem ersten Flüchtlingsdrama zu nostalgischen Bildern und Songs die Solidarität der Schwachen und Ausgegrenzten untereinander.

Wie in seinem vorherigen Kinospielfilm "Le Havre" bindet der finnische Regisseur auch in "Die andere Seite der Hoffnung" (2017) die aktuelle Weltpolitik in sein künstliches Universum ein. Für diesen Film wurde Kaurismäki auf der Berlinale 2017 mit dem Preis für die beste Regie geehrt.
Neben der harten sozialen Realität ist diesmal die politische Dimension zentrales Element der Erzählung: Ein blinder Passagier aus Syrien kommt mit einem Kohlefrachter nach Helsinki. Registrierung, Heim, Bürokratie, Befragung, Bescheid über den Asylantrag – all das erwartet ihn dort, wo er als gestrandeter Flüchtling Asylantrag stellt. Um es vorwegzunehmen: Der Antrag wird abgelehnt. Zum Glück versteht es Kaurismäki, eine solch schwerwiegende Thematik mit entlarvendem Humor und Witz zu würzen. Das macht die Sache für den Zuschauer erträglicher, teilweise sogar amüsant. Zu Beginn des Films präsentiert sich ein Flüchtling als schwarzes Gespenst. Das hat seine richtige Bewandtnis und große Bedeutung: „Die Illegalen sind die Unsichtbaren“, sagt Kaurismäki. Dieser Film versucht ihnen ein Gesicht zu geben. Ursprünglich wollte der Regisseur und Drehbuchautor eine Geschichte über Einsamkeit drehen, aber dann kamen die Flüchtlinge nach Finnland. „Wir nahmen sie auf und betrachteten sie plötzlich als Feinde. Da musste ich reagieren“, erklärt der Filmemacher hierzu. Herausgekommen ist ein weiterer wichtiger finnischer Beitrag der Nordischen Filmtage Lübeck 2017 zum Thema Migration und Integration. Ein Thema, das uns alle angeht, das uns vereint über alle Grenzen hinweg.

Die gesamten Filme sind auf der Homepage der 59. Nordischen Filmtage Lübeck nachzulesen.


Abbildungsnachweis:
Header: Ein Augenblick im Schilf / A Moment in the Reeds, 2017, 107 min, Director: Mikko Makela; FI/GB. © Wild Beast Productions
Galerie:
01. Die Grenze / Raja 1918 / The Border, 2007, 114 min, Director: Lauri Törhönen; FI/RUS. ©KAVI
02. Ein Augenblick im Schilf / A Moment in the Reeds, 2017, 107 min, Director: Mikko Makela; FI/GB. © Wild Beast Productions
03. und 04. Le Havre, 2011, 93 min, Director: Aki Kaurismäki; FI/FR/DE. © Sputnik Oy / Marja-Leena Hukkanen
05. und 6. Die andere Seite der Hoffnung / Toivon tuolla puolen / The Other Side of Hope, 2017, 98 min, Director: Aki Kaurismäki; FI/DE. © Sputnik Oy

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