Neue Kommentare

Kentin Abalo zu „Assassination Nation” – Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo : WAS FÜR EIN FOTO!!!
Großartig. Hoffe der...

Sybille zu Das Chinesenviertel auf Hamburg St. Pauli: Danke für den Beitrag. Ich sehe gerade den Film ...
Nikias Geschke zu „The Guilty”. Der beklemmende Minimalismus des Gustav Möller: Das klingt superspannend. Danke für den Tipp. ...
Harry zu „Otto. Die Ausstellung“: OTTO ist großartig. Ich wusste nicht, dass er ei...
Alex zu Film Festival Cologne - Von starken Spielfilmdebüts und schwächelnden Stars: Wer bist du? Halten Sie Ihre Meinung besser, wenn...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Festivals, Medien & TV

Philippe Quesne: Die Nacht der Maulwürfe – magische Farborigien

Drucken
(95 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Samstag, den 19. August 2017 um 09:03 Uhr
Philippe Quesne: Die Nacht der Maulwürfe – magische Farborigien 4.0 out of 5 based on 95 votes.
Philippe Quesne: Die Nacht der Maulwürfe – magische Farborigien

Es gibt sie noch, die wundersamen Glücksmomente im Theater, die gestandene Kritiker (und Kritikerinnen) mit großen Augen dasitzen und staunen lassen wie Kinder.
Philippe Quesne, der französische Alleskönner, Autor, Bühnenbildner und Regisseur, hat mit der „Nacht der Maulwürfe“ beim Sommerfestival auf Kampnagel ein unglaublich bizarres, faszinierendes Bildertheater auf die Bühne gebracht, das ganz ohne Sprache auskommt. Begeisterter Beifall für sieben Darsteller, die in ihren schweißtreibenden Kostümen Hochleistungen vollbringen.

Zwei Dinge vorweg. Erstens: Die „Nacht der Maulwürfe“ ist genau genommen eine Musikperformance. Und Zweitens: Die 80 Minuten sind zu lang. Man merkt gegen Ende förmlich, wie Quesne langsam aber sicher die Ideen ausgehen und fragt sich, wie der Regisseur wohl aus der psychedelisch-anarchischen Rockorgie rauskommen würde, die die Maulwurfs-Band am Schluss veranstaltet. Nun, ganz einfach: Irgendwann geht das Licht aus.

Der Anfang jedoch ist absolut magisch. Man stelle sich eine kleine, weiße Guckkastenbühne im schwarzen Raum vor. Eine einfache Pappbude (von der bald auch nur noch das Lattengerüst steht) in einer Art Urzeithöhle, die mit Steatiten und Stalagmiten ausgekleidet ist und über der später der Schriftzug „Welcome to Caveland“ prangt. Rechts stehen Schlagzeug, Gitarre und Synthesizer, aus dem Dunkel leuchtet und dröhnt ein riesiger elektronischer Maulwurfsschreck mit einer Dezibel-Stärke, die durchaus auch menschliche Wesen vertreiben könnte.

Und dann kommt der erste donnernde Schlag: Eine Spitzhacke bricht durch die Pappwand, reißt ein Loch und eine monsterhaft große Maulwurfsschaufel erscheint. Ein atemberaubender Anblick! Dann die zweite Grabschaufel und schließlich das ganze Tier. Nach und nach kriechen und purzeln sieben Maulwürfe durch den Tunnel, Jeder schiebt Erdbrocken vor sich her, jeder hat eine individuelle, täuschend echte Physiognomie – und jeder hat die Größe eines ausgewachsenen Grizzlybären.
Ja, und was machen die pelzigen Giganten in der Unterwelt?

Das, was auch die Menschen, weit oben über ihren Köpfen tun: Sie arbeiten. Schleppen sinnlos Steinbrocken von rechts nach links und von links nach rechts. Sie essen und schlafen. Sie kriegen Kinder und betrauern ihre Toten, Sie lieben und sie streiten sich. Und sie entdecken die Kunst: die Musik, die Malerei.
Hinreißend ist diese Groteske in den zentralen Momenten der Geburt und des Todes. Da presst die Maulwurfsmama ein kleines nacktes rosafarbenes Etwas aus ihrem Pelz, das die ganze Familie liebevoll begrüßt und als Höhlen-Graffiti an der Wand verewigt. Noch anrührender jedoch ist die musikalische Totenklage zu seltsam langgezogenen Tönen, die sich erst mit der Zeit als Jacques Brels „Ne me quitte pas“ herausstellen.

Damit sind die Essentials eigentlich gezeigt, doch nun kommen die Maulwürfe richtig in Fahrt: Dass die Tiere blind sind, scheint vergessen. Auf einer riesigen Leinwand fließen Farborgien zu immer wilderem, psychedelischem Sound. Dabei flippen die Maulwürfe regelrecht aus, rutschen von gebirgsähnlichen Klettergerüsten, toben umher, dass die Höhlenwände wackeln.

Den sieben Darstellern in ihren dicken Ganzkörper-Kostümen kann man dabei nicht genug Respekt zollen. Sie sind einfach großartig – als Schauspieler und Musiker. Und die Illusion, dass hier echte Maulwürfe Drums und Gitarre bedienen, bleibt fast immer erhalten. Man muss schon sehr genau hinsehen, um menschliche Hände unter den Grabschaufeln zu entdecken.

Keine Frage: Mit seiner „Nacht der Maulwürfe“ erweist sich Philippe Quesne als würdiger Urenkel der Surrealisten Apollinaire, Jarry und Ionesco. Doch während Ionesco mit den „Nashörnern“ eine bitterböse Parabel auf Faschismus und die Brüchigkeit bürgerlicher Moral ersann, bleibt Quesnes Farce über das maulwurfmenschliche Dasein von einer kindlichen Spielfreude beseelt, die an Fantasy-Märchen und Zaubershow erinnert.

Philippe Quesne: Die Nacht der Maulwürfe
Sa. 19.8.2017, 19 Uhr auf Kampnagel, Internationales Sommerfestival 2017
Vorstellungen in verkürzter Version für Kinder ab 6 Jahren am 19. /20.8., 16 Uhr.
Weitere Informationen

Konzept, Regie und Bühne: Philippe Quesne
Mit: Yvan Clédat, Jean-Charles Dumay, Léo Gobin, Erwan Ha Kyoon Larcher, Sébastien Jacobs, Thomas Suire, Gaëtan Vourc’h
Kostüme: Corine Petitpierre
Kostümassistenz: Anne Tesson
Dramaturgie: Léo Gobin, Lancelot Hamelin, Ismael Jude, Smaranda Olcese
Künstlerische und Technische Mitarbeit: Marc Chevillon, Yvan Clédat, Elodie Dauguet, Joachim Fosset, Abigail Fowler, Samuel Gutman, Pauline Jakobiak, Thomas Laigle
Ausstattungsassistenz: Chloé Chabaud, Juliette Seigneur, Amélie Wellan
Kostümproduktion: Karelle Durand, Lydie Lalaux


Abbildungsnachweis:
Alle Szenenfotos: Martin Argyrolo

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 

Mehr auf KulturPort.De

ALLE. Künstlerinnen und Künstler in der Overbeck-Gesellschaft Lübeck 1918-2018
 ALLE. Künstlerinnen und Künstler in der Overbeck-Gesellschaft Lübeck 1918-2018



Wie feiert man seinen 100. Geburtstag? Mit Feuerwerk, Champagner und Häppchen? Nein. Mit einer spektakulären Ausstellung feiert der Lübecker Kunstverein, die  [ ... ]



Thomas Mann Preis 2018 für Mircea Cărtărescu:
 Thomas Mann Preis 2018 für Mircea Cărtărescu:



Mit dem Thomas Mann Preis 2018 wurde am 17. November der rumänische Schriftsteller Mircea Cărtărescu ausgezeichnet. Den Akt der Preisverleihung in den Kammers [ ... ]



„add art 2018 – Hamburgs Wirtschaft öffnet Türen für Kunst"
 „add art 2018 – Hamburgs Wirtschaft öffnet Türen für Kunst



„Zu einem attraktiven Arbeitsplatz gehört auch eine ästhetische Umgebung“, sagt Caspar Philipp Woermann, Geschäftsführer von ims, Internationaler Medien  [ ... ]



100 Jahre Lettland: Handschuh-Daumen hoch
 100 Jahre Lettland: Handschuh-Daumen hoch



Eine Handschuh-Aktion passt wie die Faust aufs Auge, wenn die lettische Hauptstadt Riga, der baltische Staat Lettland und der Rest der Welt heute, am 18. Novembe [ ... ]



Peter de Vries – Hut- und Urnenhüllen-Macher
 Peter de Vries – Hut- und Urnenhüllen-Macher



Wie muss man sich eine Person vorstellen, die Freunde und Kollegen als „Naturereignis“ bezeichnen?
In jedem Fall als einen charismatischen Menschen mit üb [ ... ]



Maria Austria. Eine jüdische Fotografin aus Amsterdam in Berlin
 Maria Austria. Eine jüdische Fotografin aus Amsterdam in Berlin



Das Verborgene Museum in Berlin-Charlottenburg präsentiert bis zum 10. März 2019 Fotoarbeiten und Dokumente der niederländischen Fotografin Maria Austria (191 [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.