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Meinung

KlassikKompass: Wagner mit Übergewicht und gesanglichen Schwächen

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(194 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Samstag, den 01. September 2012 um 13:00 Uhr
KlassikKompass: Wagner mit Übergewicht und gesanglichen Schwächen 3.3 out of 5 based on 194 votes.
KlassikKompass: Wagner mit Übergewicht
 
Bayreuther „Walküre“ aus dem Thielemann „Ring“ erschien auf DVD.
Nun hat Bayreuth aus dem Thielemann/Dorst-Ring des vergangenen Jahres 2011 die Walküre ausgekoppelt und als DVD veröffentlicht.
Gute Nachricht zuerst: Christian Thielemann ist wohl nach wie vor einer der besten Wagner-Dirigenten der Zeit. Aber das wusste man vorher. Was da allerdings auf der Bühne passiert, ist schlimm. Das kann man zeitweise nur satirisch kommentieren.

Man fragt sich, warum alle Wagner-Interpreten neuerdings wieder grundsätzlich übergewichtig sein müssen. Die alten Walküren-Witze schleichen sich aus der Mottenkiste hervor: Sieglinde sieht aus als hätte man Frau Merkel (sie saß übrigens im Bayreuther Premieren-Publikum) in ein Schneewittchen-Kostüm gesteckt. Fast hundert Prozent Doppelgänger; die gleiche Betonfrisur, nur diesmal mit Stacheldraht ähnlichen Löckchen verziert und Körbchengröße L, bis tief offen und bebend. Ich möchte einfach den Brustumfang dieser Damen nicht so offen sehen.
Edith Haller singt die Sieglinde zwar schön, aber in Zukunft bitte auf SACD oder in konzertanten Aufführungen, auf der Bühne ist die Dame optisch eine echte Kulleraugen-Doppelkinn-Doppelgänger-Zumutung. Ähnliches gilt für Johan Botha als Siegmund: tolle Stimme – ja, aber „Vokuhila“-Frisur (vorne kurz hinten lang – gab’s mal in den 80ern. War damals schon stilistisch daneben). Schmuddeliges Kostüm und Mimik sowie Bewegungsablauf gereichen jedem Kohlentrimmer zur Ehre. Und rund und prall an Bauch und Hüfte wie einst Pavarotti, mit bebendem Doppelkinn wie die schwesterliche Braut und Partnerin. Das soll der Vater Siegfrieds sein? Ach du dickes Kind! Nein danke, Tankred Dorst. Der kann Kohlen schaufeln mit seinen breiten, schmuddeligen Schaufelhänden. Übrigens, warum eigentlich all der Dreck auf der Bühne? Ein umgestürzter Strommast ziert Hundings Hütte. Was soll das, fragt sich der Betrachter. Stromrechnung nicht bezahlt in Bayreuth? Nein. Ach ja, Sturm am Anfang, Masten stürzen um! Ah so...
Hundings Männer haben Hundeköpfe auf – Hund-ing. Was gemerkt?! Hund-ing gegen Wölf-ing. Warum hat dann Siegmund keine Wolfsmaske auf, sondern Hängebacken wie ein Bernhardiner? Da fehlt nur das Fässchen. Mutti Merkel – Verzeihung, Sieglinde – guckt ihn an wie eine waidwunde Hündin. Dann kann eigentlich nur bös enden...
 
Der einzige optische und dramaturgische Lichtblick: ein wilder gefährlicher Hunding gegeben von Kwanchul Youn mit einem rabenschwarzen Bass aber gehüllt ins nordkoreanische Diktatorkostüm – die sind gefährlich diese Schlitzaugen, oder was soll das?! Der hieß doch Kim Jong Il der kleine Dicke Diktator-Mops aus Nordkorea, erinnere ich mich.
 Grausame Anfänger-Regiefehler, lieber Herr Dorst. Hunding bedroht Siegmund mit einem Schwert in der Hand. Dabei weiß jeder, der böse Mann kämpft laut Partitur und Wagners Originaldrehbuch mit dem Speer. Außerdem ist nicht zu verstehen warum Siegmund dann mühsam ein Schwert aus der „Esche Stamm“ (gegeben von dem umgestürzten Strommast!) ziehen muss, wenn der von Sieglinde mit gespicktem Met betäubte Hunding so ein schönes, ungeschütztes Schwert neben sich liegen hat! Das wäre im jedem Kinofilm zum Lachen – in Bayreuth heute wird ein solcher jämmerlicher Regie-Dilettantismus ernst genommen – bring a knife to a gunfight...
 
2. Akt Linda Watson als Brünnhilde passt eher in einen Vampirfilm als in die Walküre
Linda Watsson in komplett knallrot bis in die Haarspitzen sieht nirgendwo aus wie die Tochter Wotans, sondern eher wie seine Mutter. Eine dicke Mutter, die gewaltige Schwierigkeiten hat, ihr Tremolo unter Kontrolle zu bekommen und dauernd mit dem Speer rumfuchtelt – recht gefährlich sieht das Ganze aus. Eher wie Teufels Großmutter, denn eine „federleichte“, junge Wolkenreiterin. Fricka kommt – zu recht – daher wie eine alte Zicke ganz in schwarz. Die Japanerin Mihoko Fujimura ist sehr beeindruckend genau wie ihr koreanischer Kollege Hund-ing. Ein positiver Eindruck in dem dicken, optischen Gemetzel.
Das Konzept Wotan in dieser Aufführung scheint auch sehr gelungen – der Gott ist hier schon schwer nachdenklich und mental angeschlagen und wird von seinen Weibern dominiert – seien es die Walküren oder die Gemahlin Fricka. Wotan trägt das als eine offene Wunde wie Amfortas im Parsifal, er ist seiner nicht (mehr) sicher. So kann man das sehen – neu, aber sehr überzeugend. Dazu passt das recht karge Bühnenbild. Wotan steht allein hoch auf einem einsamen Felsen inmitten von gestürzten Titanen und Monumenten und muss entscheiden. Fricka holt ihn erst mal vom Felsen runter – in der Tat.
 
Albert Dohmen wurde von der Kritik hochgelobt in dieser Rolle – ich finde zu recht. Er gibt ein neues Wotan-Bild ab, das sich als Gegenkonzept zu den bislang meist nur rächenden Göttern der Vergangenheit lohnt, zu bedenken. Diese „neue Wotan-Sicht“ wird sicherlich Schule machen, glaube ich.
Er kommt sogar schon als leibhaftiger Doppelgänger vor – erscheint sich selbst in der Rolle des Wanderers auf der Bühne – hat schon „Einen neben sich stehen“, wie die Kölner sagen – eine gute Idee. Wotan trifft sich selbst in seiner späteren, machtlosen Form des „Siegfried“ als eine erschreckende Endzeit-Vision. Doch leider gehen Dorst dann immer gleich wieder die dümmlichen Regie-Mätzchen durch, im Bühnenhintergrund liest ein Arbeiter im Blaumann die Bildzeitung. Neben ihm sein umgestürztes Fahrrad. Was sollen solche überflüssigen Gags eigentlich zur Wahrhaftigkeitsfindung beitragen? Dem einfachen Manne im Blaumann ist alles egal, auch das Drama der Götter und ihrer Welt. Aber warum sitzt er dann auf der Bühne rum und nicht beim Bier in seiner Stammkneipe! Das ist schlicht und einfach dummes Zeug.
 
Ich bleibe auch dabei, was ich schon zur CD-Veröffentlichung der Thielemann „Ring“-Gesamteinspielung meinte: kein Jota wird zurückgenommen, Linda Watson als Brünnhilde ist und bleibt eine krasse Fehlbesetzung. Einmal packt sie die Rolle stimmlich nicht mehr, denn sie hat, das sage ich mitleidslos ihre beste Zeit hinter sich.
Mit grün-gelb gemaltem Gesicht und knallroter Samurai-Montur und ebensolchen Haaren versucht sie eine „scheues Maid“ zu geben – wie schon Sieglinde – mit unglaubwürdigem Übergewicht. Da bekommt man echt Angst um Wotan. Das ist und wirkt einfach nur albern. Da kann die arme Sängerin nichts dafür. Das muss ein Regisseur sehen, dass so etwas nicht geht. Watson ist sicherlich ein Gewinn für jeden Historienfilm – aber nicht mehr als Brünnhilde in der Walküre geeignet.
 
Noch eines zum Thema Videoregie: Immer wieder blickt der flüchtende Siegmund seiner Sieglinde nicht „ins Auge“ sondern fern hinaus ins Publikum.
Wenn man so etwas live von der Bühne abfilmt, muss man den Akteuren schon sagen, dass dies eine andere Situation ist, als ob sie in Bayreuth die „Rampensau“ geben. Die Videoregie ist mehr als ärmlich – der Schnitt karg. Warum man sich nicht mehr Mühe gemacht hat – niemand weiß es.
 
Siegmund schleudert dauernd Sieglinde rum – immer mit ausgestreckter Hand ihr folgend. Botha gibt sich dabei wie ein Tenor in einer schlechten italienischen Oper, breitbeinig und schmetternd – peinlich!
„Siegmund sieh auf mich – ich bin’s der bald du folgst“ – es erscheint aus dem Bühnendunkel eine schlimm tremolierende, knallrote Walküre und Siegmund muss das „schön und fremd“ finden. Fremd sicherlich.
Frau Watson kann keinen geraden Ton mehr singen ohne mit der Stimme fast einen Halbton nach oben oder unten zu zittern. Obendrein, wenn die Kamera nahe heranfährt, erkennt man der älteren Dame hängt das linke Augenlid – sie ist aber nicht Wotan. Der hat nach Wagner eine Augenklappe zu haben, nicht Brünnhilde.
Am Aktschluss wird klar warum Hunding ein Schwert trägt, er kämpft gegen Siegmund damit in dieser Dorst-Fassung. Und Wotan sticht Siegmund mit dem Speer höchstpersönlich nieder, danach Hunding mit einer Handbewegung.
Die korpulente Brünnhilde stolpert währenddessen fast über ihre eigenen Beine fallend durch die Bühne und sammelt die Trümmer ein.
 
Das Publikum jubelt – warum eigentlich? Fast 5 Minuten pausenloser Jubel.
Bin ich eigentlich blöd? Oder habe ich eine andere Walküre gesehen?
Oder will man hier etwa gewaltsam einen Erfolg mit Claqueuren beschwören?
Das ginge dann so: Ein Claqueur (von franz. claquer = klatschen) bezeichnet eine Person, die bei einem Theaterstück oder einer anderen öffentlichen Aufführung bezahlten Applausliefert. Zweck des Claqueurs ist es, das Publikum zum Applaudieren zu bewegen. Die Gesamtheit der Claqueure in einem Theater wird „die Claque“ genannt.
 
Nun also eilig mit dem wütend dahin stürmenden Wotan zum 3. Akt
Am Walkürenfelsen reiten die Wolkenschwestern alle stimmlich besser disponiert als Brünnhilde und alle in knallrot. Der Felsen ist von der Chereau Inszenierung übrig geblieben (siehe unten) und mit einem Kreide Graffiti geschmückt und einer rot-weißen Baustellen Absperrkette – wahrscheinlich wegen der Absturzgefahr – und ein paar alten Autorreifen. Schön, Klappe,  Verfremdungseffekte – ja Herr Dorst – wir kennen auch unseren ollen Brecht.
Ansonsten wirkt das Ganze wie eine Weight-Watchers-Weihnachtsfeier mit Vorher-Nachher-Demonstration. Brünnhilde ist „vorher“ und das nunmehr auch noch schwangere „Schneewittchen“ Sieglinde („Rettet die Mutter!“) und die anderen Walküren „nachher“. Alle schwingen dazu ziemlich sinnlos die Spieße.
Brünnhilde schmiert gegen Ende immer mehr stimmlich ab und Sieglinde geht endlich Kulleraugen rollend ab in den Drachenwald. Denn da kommt Wotan, grottensauer. Dohmen ist ein wirklicher Pluspunkt in dieser Inszenierung – sein Wotan ist toll, wirkt aber in diesem generell stattfindenden Bühnen-Schwachsinn leider ziemlich notgelandet.
Jetzt ist auch klar warum überhaupt man erwägen sollte diese DVD erwerben – Albert Dohmen ist der Wotan der Zukunft. Er singt in einer weitgehend hilflosen Inszenierung alle(s) an die Wand. Wütend, rächend, gebrochen, selbst zerstörerisch, dramatisch – vom Besten.
Die nur noch jammernde Brünnhilde, „Mutter“ Watson, trifft kaum noch einen Ton richtig, kommt dann auf eine Euro-Palette und endlich wird das Feuer gerufen in das diese Inszenierung schon lange gehört.
 
Aber den Namen Albert Dohmen wird man sich sicher merken müssen – das bleibt an diesem DVD-Wagner-Abend.
Man hat’s geschafft.
 
 
Richard Wagner: Die Walküre

Dirigent: Christian Thielemann, Orchester der Bayreuther Festspiele
Produktion/Regie: Tankred Dorst
Siegmund: Johan Botha
Hunding: Kwachul Youn
Wotan: Albert Dohmen
Sieglinde: Edith Haller
Bruennhilde: Linda Watson
Fricka: Mihoko Fujimura
Gerhilde: Sonja Mühleck
Ortline: Anna Gabler
Waltraute: Martina Dike
Schwertleite: Simone Schroeder
Helmwige: Miriam Gordon-Stewart
Siegrune: Wilke te Brummelströte
Grimgerde: Anette Küttenbaum
Rosweisse: Alexandra Petersamer
 
Aufgenommen am 21. August 2010 in Festspielhaus Bayreuth
2 DVD erschienen bei OPUS ARTE, Bestellnummer: OA 1045 D


Ihr Herby Neubacher

Herby Neubacher stammt aus Wuppertal und wurde in Salzburg zum Musikliebhaber: Mit sieben Jahren hat er als Sopranist im Salzburger Dom Bach-Kantaten aufgeführt. Nach einem Kunststudium arbeitere er 20 Jahre in der Musikindustrie. Heute ist er als Journalist und PR-Experte tätig. Seit 2012 schreibt er regelmäßig für Kultur-Port.De über Alte Musik, Barock bis zur Romantik. Er lebt und arbeitet in Vietnam.

Hinweis: Die Inhalte der "Kolumne" geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.Header: Detail aus Ferdinand Leeke (1859 Burg/Magdeburg - 1923 Nürnberg) "Die Walküre", um 1907
Siegmund mit ohnmächtiger Sieglinde in seinen Armen. Im Hintergrund Brünnhilde seinen nahen Tod verkündend.
Öl auf Leinwand. 118x150 cm.

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