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Meinung

Die Frankfurter Buchmesse und das Buch als Kulturgut

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Geschrieben von Dagmar Reichardt  -  Dienstag, den 05. Oktober 2010 um 23:57 Uhr
Die Frankfurter Buchmesse und das Buch als Kulturgut 4.7 out of 5 based on 216 votes.
Die Frankfurter Buchmesse und das Buch als Kulturgut

Die Frankfurter Buchmesse öffnet vom 6. bis 10. Oktober 2010 wieder ihre Tore – dieses Jahr mit dem Ehrengast Argentinien. Für das interessierte Publikum geht es vor allem um Orientierungshilfe, um in der Flut neuer Titel nicht zu ertrinken.
Wohingegen sich die Fachleute längst nicht mehr nur über die Neuerscheinungen informieren, sondern schon seit Jahren gespannt auf die technischen Schnäppchen und ultimativen Errungenschaften im elektronischen Literaturbetrieb blicken: Welches sind die diesjährigen Messe-Projekte – Stichwort „Flying Sparks“, „Frankfurt Hot Spots“ oder „StoryDrive“ – und wie funktionieren sie? Welche neuen Kreativpotenziale erschließt sich der „Crowdsourcing-Wettbewerb“? Was bietet die letzte Generation des „All-New Kindle“-Readers und welche Titel erscheinen in Deutschland transmedial, als Film, Hörbuch oder deutsches E-Book?

Abseits dieser auf beeindruckende Weise miteinander vernetzten Begleiterscheinungen stelle ich mir folgende Frage: Inwieweit reflektiert diese traditionsreiche und viel beachtete Publikums- und Fachbuchmesse überhaupt noch die Bedeutung seines Basisproduktes als Kulturgut? Nicht nur, dass die Frankfurter Buchmesse als weltweit wichtigster Handelsplatz für Bücher einen legendären, internationalen Ruf zu verteidigen hat – mit ihr meldet sich jedes Jahr auch die deutschsprachige Intelligentia wieder zu Wort und gibt Auskunft darüber, wie es um sie steht und in welcher Form Buchschaffende und Bücher vertreibende Organe Kultur verstehen und praktizieren.

Was hat es anno 2010 „kulturell“ betrachtet mit dem Gegenstand Buch auf sich, dessen Zweck heute 68 Prozent der deutschen Frauen zwar noch zu kennen scheinen (so hoch ist der statistische Anteil der Leserinnen), aber mindestens jedem zweiten deutschen Mann inzwischen unbekannt ist (weniger als 50 Prozent Männer in Deutschland lesen noch regelmäßig Bücher)?

Tatsächlich war Deutschland von Anfang an dabei: Es hat in der bahnbrechenden Geschichte des Buchs westlicher Prägung eine Vorreiterrolle gespielt, ohne die auch das Internet – und ein Internet-Feuilleton – nicht das wäre, was es heute ist. Die Erfindung der Gutenbergpresse Mitte des 15. Jahrhunderts in Mainz produzierte ein damals vollkommen neues Medium: das Buch. Dem kanadischen Philosoph Marshall McLuhan zufolge kommt dessen Bedeutung der einer Glühbirne gleich. Eine Glühbirne ist für den Autor von „Das Medium ist die Botschaft“ (1964) zunächst einmal ein Medium – ein Medium ohne Inhalt. Ihre Wichtigkeit besteht darin, Räume aus der Dunkelheit herauszuheben, d.h. einen sozialen Effekt zu bewirken. Eine Glühbirne schafft „allein durch ihre Anwesenheit eine Umgebung“, schreibt McLuhan. Entsprechendes gilt für die Erfindung des Buchdrucks: Der Übergang vom Analphabetismus zum Druck brachte der westlichen Moderne den Individualismus, die Demokratie, den Kapitalismus und die Dominanz der visuellen Kultur über die Hör- und mündliche Kultur, die noch die Informationsübermittlung im Mittelalter kennzeichnete.

Die sozialen Auswirkungen der Typographie reichen von den Aufregungen und Bedenken, die die wachsende Verbreitung von Büchern im späten 17. Jahrhundert hervorrief, bis hin zur gegenwärtigen Befürchtung vom Ende des Buchs. Was der Medientheoretiker McLuhan bereits dreißig Jahre vor Erfindung des Internets heraufbeschwor, ist 2010 längst Realität geworden. Die visuelle, individualistische Druckkultur ist durch elektronische Träger und durch die virtuelle Welt, die wieder Hör- und Sprechkulturen in den Vordergrund rücken, abgelöst worden. „Anstatt zu einer großen Alexandrinischen Bibliothek zu werden, ist die Welt zu einem Computer geworden“.

Die Drucktechnologie hat aber nicht nur unsere Wahrnehmungsgewohnheiten geändert. Seit Freud wissen wir, dass das sag- und schreibbare Wort Bewusstheit herstellt. In einer anthropologischen Wende deklariert die Literaturwissenschaft der 1980er Jahre, die sich bis dato ausschließlich Büchern gewidmet hatte, mit Clifford Geertz’ „Bemerkungen zum balinesischen Hahnenkampf“ (1983) Kultur als Text. Der Textbegriff ist fortan dem Buch enthoben und „Die Gutenberg-Galaxie“ (1962) eines McLuhans wird vom Gegenstand medientheoretischer Reflexion zum kulturwissenschaftlichen Allgemeingut. So ist die Ware Buch heute eines von mehreren konkurrierenden Kulturgütern und muss im digitalen Zeitalter ihre Einflussmöglichkeiten mittels der medialen Wertigkeit und der damit einhergehenden Ausstrahlungskraft behaupten.


 

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