Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 629 Gäste online

Neue Kommentare

C.Müller zu Roots – Katja und Marielle Labèque zum Schleswig-Holstein Musik Festival in der Laeiszhalle: Erhalt des Kultursommers auf der Trabrennbahn Bah...
Marlies Lampert zu 100 Jahre Volksspielbühne Hüsung : Hallo liebe Hüsungianer,
ich bin ca. 1999...

SingulART zu Kunstmuseum Wolfsburg: This Was Tomorrow. Pop Art in Great Britain: Grossartige Ausstellung war das! Wir haben unsere...
tommy zu Ensemble Resonanz zu Gast bei NEW HAMBURG: gute sache, dass sie mal aus ihrem bunker rauskom...
Lena Baal zu Zum Tode von Peter Härtling: Peter Härtling war nicht nur ein großartiger Sc...

Anzeige


Meinung

Gehirntraining

Drucken
(135 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Sonntag, den 24. Januar 2010 um 14:12 Uhr
Gehirntraining 4.1 out of 5 based on 135 votes.
Kürzlich lauschte ich ungern dem Gespräch zweier älterer Herren, die sich einig waren: die Gesellschaft verblödet immer mehr, technische Geräte jeder Art fördern die Denkfaulheit, alles wird in einem solchen Ausmaß vorgekaut, dass die Gehirnmuskeln der zivilisierten Gesellschaft ausleiern wie alte Hosenträger.
Dieser betrüblichen Auffassung möchte ich entgegensetzen, dass es durchaus auch in unserer dekadenten Zivilisation noch einige Herausforderungen für’s Oberstübchen gibt, rein kulturell gesehen, meine ich.
Da wäre zunächst mal die Filmkunst. Die hat sich im Lauf des vergangenen Jahrhunderts, was den Faktor ‚Verstand bemühen’ angeht, sehr verändert.
Am Anfang, zur Stummfilmzeit, blieb nichts im Unklaren. Man konnte genießen ohne zu grübeln.
Zuerst war die Darstellerin zu sehen, die wild mit den Augen kullerte und die Hand auf’s Herz presste. Dann stoppte die Handlung und auf einem Schild stand zu lesen:

„Oh! Wie wird mir? Ich ertrag’ es fürder nicht!“

Das dachten wir uns zwar schon, aber es war angenehm, es bestätigt zu bekommen. Selbst verwirrende und anspruchsvolle Filmkunstwerke wie ‚Metropolis’ oder ‚Alraune’ nahmen den Zuschauer auf diese Art bei der Hand.
Nachdem der Ton hinzukam, fehlten zwar die meisten Erläuterungsschilder, doch immer noch war es das Anliegen der Produzenten, den Zuschauer nie im Unklaren zu lassen. Es gab da eine Reihe unausgesprochener Vereinbarungen zwischen Macher und Verbraucher. Zum Beispiel konnte man in vielen Fällen davon ausgehen, dass die blonde Heldin die Gute war, im Gegensatz zur Brünetten, und dass der edle Held auf einem Schimmel saß, während der zweifelhafte den Rappen ritt.
Böse Frauen, solche, die wussten, was sie wollten und die nicht zur bedingungslosen Selbstaufopferung neigten, rauchten und lackierten sich die Nägel.

Wurde ein Traum gezeigt, eine Halluzination oder eine Erinnerung, dann verschwamm das Bild erst mal, um zu demonstrieren: hier verlassen wir die Realität und die kontinuierliche Zeit. (Weshalb der Vorgang auch ‚Rückblende’ genannt wurde. Normalerweise fing nämlich ein Film vorne an und endete hinten, mit dem Happyend oder der Katastrophe.) Selbst Hitchcock benutzte solche technischen Ausrufezeichen, Suspence hin oder her, er wollte nicht, dass der Zuschauer den Faden verlor.

Ein weiteres Hilfsmittel, auf das man sich blind verlassen konnte, war der musikalische Hintergrund. Die allermeisten Filme in den dreißiger und vierziger Jahre wurden in erklärenden Sinfonien geradezu ersäuft, die Protagonisten konnten keinen Schritt tun und keine Augenbraue hochziehen, ohne dass Bratschen und Schalmeien verdeutlichten, was in ihrer Brust tobte, von neckisch-gehüpften Tönen, bevor sie eine Schelmerei begingen, bis zu tiefdunklem, bedrohlichen Gegrolle, wenn sie den Dolch wetzten oder die Tochter des armen Poeten belästigten.

Dazu kam der damals unendlich strenge Kodex der so genannten „Freiwilligen Selbstkontrolle“. Dem entsprechend lohnten sich Verbrechen nie im Leben. Selbst, falls der Böse im Lauf des Films gebessert wurde und aufrichtig bereute, musste ihm zum Schluss unabdingbar was Schweres auf den Kopf fallen oder dergleichen, denn wir alle hatten schließlich beobachtet, dass er mal in Sünde gefallen war und mochte Gott auch vergeben: die FSK nie.

Noch kurz vor dem zweiten Weltkrieg, als ‚Vom Winde verweht’ gedreht wurde, gab es ein riesiges Gerangel darum, ob Clark Gable am Ende wirklich sagen dürfte: „I don’t give a damn…“ Die Floskel drückt in salopper, aber gebräuchlicher Form aus, es rutsche ihm am Hintersteven vorbei, was aus seiner Frau würde. Es ging der Zensur auch gar nicht um diesen grausamen Tatbestand, sondern um das schlimme Wort ‚Verdammt’.

Der Krieg änderte viel im Bewusstsein und auch in der Filmkultur. Plötzlich war Gutes nicht mehr so zweifelsfrei gut wie früher und Böses nicht mehr klar abgegrenzt böse. Humphrey Bogart, bis ‚Casablanca’ charakterloser Gangster, wurde zum Idealtyp des gebrochenen Helden, nicht wirklich schlecht, aber keineswegs herzensrein, oft boshaft und zynisch, beim geringsten Anzeichen von Gefahr in Notwehr mordend. Ihm fiel trotzdem am Ende des Films nichts Schweres auf den Kopf.
Die Reihe dieser ‚schwarzen Filme’ wurde durch häufig etwas verwirrende Vor- und Rückblenden geprägt, nicht mehr so leicht zu erkennen wie früher.

Immer noch jedoch fing ein Film meistens vorne an und endete hinten, eventuelle Zeitsprünge waren gekennzeichnet und jeder Szenenwechsel erhielt ein kleines Türchen: sprang die Handlung zum Doktor, dann wurde vorher einmal der Backsteinbau des Krankenhauses gezeigt. Führte sie uns zum Fischermädchen, war zuvor das besinnlich rauschende Meer zu sehen. Und wenn wir erlebten, wie der Fabrikbesitzer seine Frau erdrosselte, bekamen wir erst mal schnell dessen Villa zu sehen, zuverlässig. Auch, wenn man sich kurzfristig mit dem Sitznachbarn beschäftigte oder sich verstreutes Popcorn vom Mantel sammeln musste, blieb man im Bilde und wusste immer, wo man – im Film – gerade war.

Doch später ließen die meisten Filmemacher immer mehr die Hand des Zuschauers los. Ingmar Bergmann schockierte ganz fürchterlich, die Nouvelle Vague erschütterte ebenfalls und auch der Junge Deutsche Film, von Fassbinder bis Schlöndorff, verweigerte die alten Sicherheitsregeln. Je nach Gemütslage wanderte der Zuschauer erheitert, aufgewühlt oder ratlos (wie die Artisten in der Zirkuskuppel) nach Hause.

Nun war das ja damals nur ein Teil des Angebots; wer nervöses Gehirnzucken vermeiden wollte, der schaute sich halt keine künstlerischen Filme an. Im Italo-Western beispielsweise stimmte zwar moralisch auch nichts mehr, die Guten waren ungefähr so schlitzohrig wie die Bösen, aber sie sahen meist besser aus und man begriff immer noch, wie alles sich entwickelte und warum.


 

Home > Kolumne > Meinung > Gehirntraining

Mehr auf KulturPort.De

200 Jahre Kunstverein in Hamburg
 200 Jahre Kunstverein in Hamburg



„Just what is it that makes today’s Kunstverein so different? So appealing?” Nach Charity Auktion (14.9.) und Festakt im Rathaus (22.9.) klingen mit einer  [ ... ]



Fassadendemokratie und tiefer Staat. Das marktgetreue Grinsen
 Fassadendemokratie und tiefer Staat. Das marktgetreue Grinsen



Was denn? Das Volk sei unfähig, Politisches zu durchschauen oder gar mitzuregieren? Liest man dies im Buch „Fassadendemokratie“, dann ist man bass erstaunt, [ ... ]



„Tom of Finland” – Revolutionär schwuler Ästhetik
 „Tom of Finland” – Revolutionär schwuler Ästhetik



Er inspirierte Künstler wie Andy Warhol, Robert Mapplethorpe und die Village People, seine markanten erotischen Zeichnungen veränderten radikal das Selbstverst [ ... ]



Serenata Italiana – Raphaela Gromes und Julian Riem
 Serenata Italiana – Raphaela Gromes und Julian Riem



Gerade war sie noch beim Schleswig-Holstein-Musikfestival zu hören und debütierte – nun kommt zeitnah dazu ihr Debütalbum auf dem Markt. Gemeinsam mit Piani [ ... ]



Achim Freyer und sein „Parsifal“ in Hamburg: Viel Bühne, wenig Weihe, eine Menge Spiel
 Achim Freyer und sein „Parsifal“ in Hamburg: Viel Bühne, wenig Weihe, eine Menge Spiel



Es ist dunkel in der Hamburger Gralsburg, als Achim Freyer mit seiner „Parsifal“-Interpretation den Start in die neue Saison der Staatsoper zelebriert. Der 8 [ ... ]



Jens Düppe: Dancing Beauty. Eine Hommage an John Cage
 Jens Düppe: Dancing Beauty. Eine Hommage an John Cage



Wie kann ein Künstler heute ungebunden und frei arbeiten? Ungebunden ist durchaus möglich – frei arbeiten stößt aus unterschiedlichen Gründen an Grenzen.  [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.