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Meinung

Menschen wie wir

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Geschrieben von Gino Leineweber  -  Freitag, den 23. Oktober 2015 um 10:59 Uhr
Menschen wie wir 4.4 out of 5 based on 92 votes.


Wenn wir in Deutschland über Emigranten sprechen, taten wir das bisher in erster Linie in Bezug auf Türken, da sie die größte Gruppe von Bürgern darstellten, die aus dem Ausland zu uns kamen. Aufgrund ihres unterschiedlichen religiösen und kulturellen Hintergrunds, scheinen viele Deutsche Probleme mit ihnen aber auch mit anderen Einwanderern zu haben. Auch für unsere multikulturelle Gesellschaft sind einige Verhaltensmuster und das Auftreten einiger Personen aus den Einwanderergruppen manchmal nicht leicht zu verstehen.

Aber wenn man es genau betrachtet, sind diese Gruppen nicht als Emigranten gekommen. Sie wurden im letzten Jahrhundert von der deutschen Regierung, für anfallende Arbeiten angeworben, für die Deutsche nicht zur Verfügung standen oder die einheimische Arbeitskräfte nicht leisten wollten.

Aber was heute wirklich zählt, wenn es um Emigration geht, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa, ist, dass es Tausende und Abertausende von Menschen gibt, die zu uns kommen, weil sie in ihren Heimatländern keine Chance auf ein menschenwürdiges Leben sehen, weil sie vor Hunger, Folter und Krieg flüchten. Sie finden Deutschland und Europa deswegen lebenswerter als ihre Heimat. Würden in ihren Heimatländern normale Umständen herrschen, würden sie nicht einen Gedanken daran verschwenden, sie zu verlassen. Sie tun es aber, weil sie hier bei uns Frieden und eine menschenwürdige Behandlung erwarten, auf die sie zu Hause die Hoffnung verloren haben.

Sie kommen nicht, um uns unsere Arbeitsplätze wegzunehmen, sie kommen nicht, um unsere Sozialsysteme auszunutzen, sie kommen nicht, um unsere Wohnungen zu bewohnen wollen und sie kommen nicht, um ihre gesellschaftlichen Lebensentwürfe auf uns zu übertragen.
Sie kommen aus Not und Verzweiflung. Sie kommen um sich und ihren Kindern das Leben zu retten. Sie kommen weil sie kommen müssen.

So neu ist das im Übrigen nicht. Die Geschichte der Menschheit ist voll von Emigration und in der Historie gab es dafür sogar einen besonderen Begriff, nämlich den der Völkerwanderung. Und in früheren Jahrhunderten, zeigten sich besonders die Europäer, die heute von Flüchtlingen überrannt werden, als ausgesprochen wanderungsfreudig, und das nicht zum Nutzen der Länder, in die es sie in großer Anzahl gezogen hatte. Seit der Zeit von Christoph Columbus fand eine konstante europäischen Migration in die unterschiedlichsten Gegenden von Amerika statt. Aber zu denen, die heute zu uns, nach Deutschland und Europa, kommen, gibt es einen großen Unterschied: Die Europäer damals kamen nicht aus Verzweiflung auf der Suche nach Schutz und Unterstützung. Sie kamen mit der Haltung von Eroberern. In Süd- und Mittelamerika, besonders in Peru und Mexiko zerstörten sie eine erstklassige Hochkultur, nahmen sich Land und beuteten Bodenschätze aus. Sie unterwarfen die Völker ihrer Herrschsucht, jedenfalls soweit die Ureinwohner nicht bereits getötet oder von Krankheiten, von den Europäern eingeschleust, dahingerafft worden waren.

Mit dem gleichen Ergebnis, das auf überlegenes Mittelpunkt- und Vorzüglichkeitsdenken zurückgeht, wüteten die Europäer in Nordamerika, schlachteten Millionen von Ureinwohnern ab, nahmen ihnen das Land und die Kultur und errichteten einen Staat, in denen die Einheimischen zu Menschen zweiter Klasse degradiert wurden, auch wenn das der eigenen Verfassung widersprach.

In Europa und den neu errichteten Staaten in Amerika werden heute noch – heute noch – die Eroberer als Helden gefeiert und ihre Taten – Mord, Diebstahl, Unterdrückung – als angemessen für die damaligen Herrschaftsstrukturen angesehen.

Heute sind solche Bewegungen wie der Kolonialismus oder Kolonisierung kaum noch denkbar. Auch wenn Menschen aus denselben Gründen wie damals ihre Heimat verlassen, nämlich um ein besseres Leben zu führen oder um Gewalt und Krieg zu entkommen. Sie kommen als Flüchtlinge, nicht als Auswanderer. Sie kommen nicht in erster Linie um zu bleiben. Sie arbeiten nicht nur für sich, sondern meist auch für die Familienmitglieder, die zurückgeblieben sind. Sie haben keine andere Wahl und denken wenig nach über die Folgen der Einreise in ein anderes Land oder eine andere Kultur. Ihnen erscheint, nach allem, was sie erlebt und zur Flucht getrieben hat, alles besser als in ihren Heimatländern zu sein.

Und wir? Wir Europäer, wir Deutschen?
Es besteht eine nicht geringe Angst vor den Folgen einer immer größer werdenden Flüchtlingswelle. Diese Angst ist, als Gefühl betrachtet, auch nichts, wofür sich der einzelne oder die Gesellschaft schämen müsste. Es ist ein normaler Impuls, dass Menschen und Gesellschaften, ihr gefälliges Leben und ihre Traditionen behalten und nicht gefährdet sehen möchten. Und deshalb fürchten viele, das Eindringen einer großen Zahl von Fremden könnte eine Nation wirtschaftlich, kulturell und politisch gefährden. Aber Angst haben auch die Flüchtlinge. Vor der ungewissen Reise, vor der neuen und unbekannten Situation, vor der fremden Umgebung. Bei ihnen können wir darauf schließen, dass sie verzweifelt sind, egal ob sie für sich ein besseres Leben suchen oder auf der Flucht vor der Gewalt und Krieg sind.

Wenn aber diese Menschen sich für das Ungewisse entschieden und ihre Angst überwunden haben, können wir ihnen dann unsere eigenen Ängste, die sich auf das Ungewisse für unser eigenes und kollektives Leben beziehen, entgegensetzen? Kann die Angst vor Einschränkungen und Veränderungen bei uns, dazu führen, die Verzweifelten zurückzuweisen?

Nein, selbstverständlich nicht, und das nicht nur, weil es in unserem Grundgesetz verankert ist, Flüchtlingen Asyl zu gewähren, sondern auch aus dem Grund, dass es, was auch immer in verschiedenen Gesellschaften passiert, keinen Weg gibt, um verzweifelten Menschen in aussichtloser Notlage nicht zu helfen. Neben der Angst gibt es nämlich einen anderen Impuls, einen, der uns auszeichnet als Menschen, einen, auf dem die Menschenrechte basieren, einen der die Humanität begründet: und dieser Impuls ist das Mitgefühl.
Wenn wir aus Mitgefühl handeln und uns das Mitgefühl bewahren, dann wird es auch unsere Angst vor dem Ungewissen überlagern.

Wir als Poeten, als Schriftsteller stehen ein für das Recht auf Asyl. Es gehört für uns zu den elementaren Menschenrechten, wie das für uns originäre Recht auf freie Meinungsäußerung und freie Rede. Unsere Kollegen erfuhren in Deutschland, in den 1930er-Jahren, was ins Exil gehen zu müssen, was Flucht und was Verzweiflung bedeuten. In der Mehrzahl waren es Literaten, denen sowohl die Heimat, als auch die Existenzgrundlage entzogen worden war. Literaten, die von einem Land zum anderen flohen, weil sie entweder nicht erwünscht waren oder weil die Nazis die Länder besetzten, in denen sie Unterschlupf gefunden hatten. Für sie hieß es immer weiter und weiter fliehen. Dass sie in den Ländern, die sie schließlich erreichten, immer mit offenen Armen aufgenommen worden wären, kann man auch nicht von allen sagen. Das Schicksal Walter Benjamins, der sich auf der Flucht im September 1940 in einem spanischen Grenzort, aus Furcht nach Deutschland ausgeliefert zu werden, das Leben nahm, mag das verdeutlichen.

Dass die Leiden der Exilanten noch anhielten, selbst als sie in sicheren Orten Zuflucht gefunden hatten, belegen u. a. die Selbstmorde von Ernst Toller, Ende Mai 1939 in New York, und von Stefan Zweig, 1942 in Petropolis, Brasilien. Toller, der an Depressionen litt, sah die Ausweglosigkeit seines Exils durch den Sieg Francos in Spanien bestätigt, und Stefan Zweig schrieb in seinem Abschiedsbrief, seine Kräfte seien durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft.

Da im Bewusstsein unserer deutschen Bevölkerung nur noch vage Erinnerungen an die Zeit bestehen, in der Deutsche sich verzweifelt um Schutz und Aufnahme in an-deren Ländern bemühten, hier einige Stimmen deutscher Literaten über die Erfah-rungen, die mit der Flucht verbunden waren:

Arnold Zweig schrieb 1936 an Sigmund Freud: „Ich bin in einer schweren Krise. ...ich sträube mich gegen das ganze Dasein hier in Palästina. Ich fühle mich falsch am Platze. ... Sie haben gewiss den Brief unseres armen Tucholsky gelesen... Er ist an seiner Judenflucht gestorben, buchstäblich.
Mein Pass läuft im April ab. Ich will das 3. Reich nicht um Erneuerung bitten. Ich möchte meine Bindung an das deutsche Volk aber nicht freiwillig lösen. Ich kann den palästinensischen Pass haben – in ein paar Wochen. Aber ich habe zur jüdischen Nationalität auch wenig Beziehung."

Stefan Zweig 1941 an Felix Braun: „Du siehst ich bin wieder in Südamerika. Die USA sind nichts für meine Arbeit... Ich lebe hier in einem kleinen brasilianischen Örtchen im Gebirge... Was fehlt sind Bücher und Freunde... niemand für das wirkliche Gespräch wie Werfel, Broch, Beer-Hofmann in New York, und das kontinuierlich in fremden Sprachen Sprechen ermüdet im Geheimen das Gehirn – ich habe immer Angst, die eigene Sprache zu verlernen."

Alfred Polgar veröffentlicht 1948: „Der Weg ins Exil war hart für die meisten von den vielen, die ihn gehen mussten. Nicht wenige blieben auf der Strecke, ... Die das Glück hatten durchzukommen, lernten vorher die Schrecken und Ängste der Flucht und des Verfolgtsein gründlich kennen, gingen durch das Grauen der französischen Lager und Gefängnisse, vegetierten Monate, Jahrelang in übelsten Verstecken, stürzten immer wieder in der steeplechase über die Grenzen, verbrauchten ihre geis-tigen und leiblichen Kräfte in der Bewältigung der einen elementaren Aufgabe: zu überleben.“

Else Lasker-Schüler, aus Zürich, in 1934 Bettelbrief an Carola Kaufmann: „Seit ein paar Wochen übernehmen der jüdische Kulturbund meine Miete im Hospitz. Das ist mir ebenso schmerzlich wie erfreut gewesen. Aber, da vielen, vielen Emigranten hier geholfen werden müssen, kann und möchte ich auch nicht mehr verlangen. Meinetwegen soll Niemand weinen. Aber wenn Sie, Frau Doktor, irgend für mich Liebreiches tun wollen, dass ich mich irgend von all den unendlichen Erschöpfungen erholen kann... Frau Doktor, nie im Leben würde ichs Ihnen je vergessen.“

Theodor Balk aus „Das verlorene Manuskript“. „In Deutschland veröffentlicht erstmals 1949: Wir haben unsere Papiere abgegeben, abgegriffene, in Falten gerissene ... mit vielen Stempeln und Unterschriften. ... Das Warten beginnt. In Räumen, ... auf Bän-ken oder eigenen Beinen, wenn alle Plätze besetzt sind. Gegen halb zehn werden die ersten Namen aufgerufen. ... Die Abgefertigten begucken im Gehen ihren neuen Stempel. ... Manche bekommen nichts. Keinen Stempel, keinen Aufschub, nicht ein-mal für lumpige 48 Stunden.“

Lion Feuchtwanger aus „Unholdes Frankreich". In Deutschland veröffentlicht erstmals 1954 unter dem Titel „Der Teufel in Frankreich“: „Im Erdgeschoß spielte sich mittlerweile folgendes ab. In dem dunklen, Katakomben-ähnlichen Raum stauten sich ein paar hundert Menschen, die meisten, irgendwelche Gefäße in den Händen, darauf wartend, dass sich die Türen öffneten. In dem Augenblick, indem die großen Torflügel auseinandergeschoben wurden, stürzten sich diese Hunderte aus dem Haus und begannen einen wilden Wettlauf über die Höfe, dem Waschraum zu, dem Wassertrog zu, den Latrinen zu. Sie rannten, manche recht ungeschickt, es waren viele ältere, wenig trainierte Männer unter uns, sie liefen grotesk. Vor den Latrinen dann und vor den Waschgelegenheiten stellten sie sich an.“

Ich könnte den ganzen Nachmittag und Abend mit weiteren Berichten füllen. Aber ich denke, dass uns diese wenigen Passagen die Augen geöffnet haben, für das, was der Einzelne auf einer Flucht durchzumachen hat. Denn das ist es, was für uns, in unserer wohlhabenden Gesellschaft, hinter allem steht, hinter den Problemen die mit der Unterbringung, Verpflegung und Versorgung vieler zehntausender Flüchtlinge steht: das Schicksal des Einzelnen.

Wir sind alle als Menschen auch Individuen und wir als Individuum wünschen keinem anderen Leid und Not, weil wir es für uns selbst nicht wünschen. Warum sollte das für uns als Kollektiv nicht gelten? Denn wenn wir 800.000, wie geschätzt wird für 2015, oder eine Million, wie manche gar meinen, aufnehmen, haben wir 800.000 oder einer Million Menschen geholfen und nicht einer gesichts- und formlosen Menge, die sich Flüchtlinge nennt.

Wenn wir uns an dem strahlenden Gesicht eines kleinen in Sicherheit befindlichen Flüchtlingsmädchens erfreuen, dass sich im heißen Sommer mit Wasser der Feu-erwehr abkühlt, wenn uns der Körper eines toten kleinen Jungen an einem Strand erschüttert, immer wenn das Einzelschicksal direkt auf uns zu wirken imstande ist, können wir es fühlen. Immer dann wissen wir, was richtig ist. Es ist die Aufgabe jedes Einzelnen von uns, dies nie zu vergessen. Es sind alles Menschen wie wir und sie wollen alle, wie wir leben.

Mögen alle Wesen glücklich sein.

Rede von Gino Leineweber anlässlich der weltweiten Veranstaltung „100 Thousand Poets for Change“ am 26. September 2015 im Rosa-Luxemburg-Garten in Hamburg-Eimsbüttel

Gino Leineweber wurde 1944 in Hamburg geboren und arbeitet als freier Schriftsteller. 2000 bis 2008 Redakteur der Buddhistischen Monatsblätter (BM). 2003-2015 Vorsitzender der Hamburger Autorenvereinigung. Seit 2013 President of TSWTC (Three Seas Writers’ and Translators’ Council).

Hinweis: Die Inhalte dieser "Kolumne" geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.


Abbildungsnachweis:
Headerfoto: Film „Mediterranea – Refugees welcome?” Copyright:
DCM Distribution.
 

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