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Das Trautonium – frühe elektronische Experimente in der Musik

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Dienstag, den 14. Februar 2017 um 09:59 Uhr
Das Trautonium – frühe elektronische Experimente in der Musik 4.3 out of 5 based on 38 votes.
Das Trautonium – frühe elektronische Experimente in der Musik

In Bayreuth durfte es zwei Jahre mitspielen, in einem berühmten Thriller die Vögel aggressiv schreien lassen. Das Trautonium, vorgestellt 1930, ist ein Experiment der wilden elektronischen Frühgeschichte, zeigt aber in den Kompositionen von Harald Genzmer, welch kreatives Potenzial damit von der Leine gelassen wurde.


Geburtsstunde eines neuen Klangs: Am 20. Juni 1930 wird im Großen Saal der Musikhochschule Berlin ein neues Instrument vorgestellt, das der Ingenieur Friedrich Trautwein (1888-1956) erfunden und konstruiert hat. Nach ihm heißt es „Trautonium“ – es ist der Schritt in eine neue Welt der Tonerzeugung mit Hilfe der Elektronik, also ein Vorläufer der heutigen Synthesizer. Gefördert hatte die Entwicklung die zwei Jahre zuvor gegründete Rundfunkversuchsstelle, die die künstlerischen Möglichkeiten des neuen Mediums Radio ausloten sollte.
Das Trautonium spielt Töne aus der neuen, rasant sich entwickelnden Welt der Technik, erzeugt in Schaltkreisen, in der Klangfarbe wechselbar durch Schalter, in der Lautstärke durch Pedale, in der Tonhöhe durch das Niederdrücken einer Metallsaite auf eine Metallschiene. Das kann klingen wie eine große Orgel, wie ein Glockenspiel oder wie ein notgelandetes Ufo.
Es gibt Glissandi, Vibrati, Crescendi und überlang ausgehaltene Töne. Gern wird das Trautonium in der Unterhaltungsmusik eingesetzt, diesmal geht es aber ernsthafter zu an gleich drei solchen futuristischen Instrumenten: Es spielen der Musikprofessor Paul Hindemith (1895-1963), sein Schüler Oskar Sala (1910-2002) und Klavierprofessor Rudolph Schmidt. Sie stellen u.a. Hindemiths „Sieben Triostücke für drei Trautonien“ vor, die später erscheinen unter dem Titel „Des kleinen Elektromusikers Lieblinge“.
Das Konzert sorgt dafür, dass das neue seltsame und seltsam klingende Instrument einen kleinen Boom erlebt. Während Sala und Trautwein immer vielfältigere Instrumente bauen für immer komplexere Klangexperimente (Rundfunktrautonium, Konzerttrautonium, Mixturtrautonium), stellt Telefunken sogar eine preiswerte Kleinserie von 200 „Volkstrautonien“ her. Die ungewöhnlichen neuen Klänge sind gefragt: im eben aufgekommenen Tonfilm, im Radio, im Jazz. Und die Deutschen sind spät dran mit ihrem ersten Schritt in die elektronische Musik.

Telharmonium, Theremin, Ondes Martenot
Schon 1896 wurde in Amerika das Telharmonium patentiert, 1919 folgte das Theremin, das der russische Physikprofessor Lew Termen konstruierte und das die Töne durch berührungsfreie Veränderung der Handstellungen in elektrischen Feldern erzeugt (zu erleben etwa in Lera Auerbachs Musik zu John Neumeiers „Die kleine Meerjungfrau“). Es klingt in etwa wie eine singende Säge. Technik ist Fortschritt – 1921 bat Lenin um eine Privatvorführung des neuen Instruments im Kreml. Tragik der Geschichte: später, in russischen Straflagern, konstruierte Termen Abhörwanzen (wofür er dann den Stalin-Preis bekam). 1927 stellte er seine Erfindung in Deutschland vor, wo sie den poetischen Namen „Ätherwellengeige“ bekam.
Mag sein, dass sich Trautwein davon inspirieren ließ. Oder vielleicht von den „Ondes Martenot“, die erst später nach ihrem Erfinder benannt wurden und 1928 noch als „Ondes musicales“ vorgestellt wurden (zu hören in Messiaëns „Turangalîla“, choreographiert ebenfalls von John Neumeier). Ein Instrument, auch angeregt von Termen. Es hat einen Draht, auf dem mit einem Ring Glissandi erzeugt werden, aber auch Tasten für feste Tonhöhen.
Überhaupt wird viel experimentiert mit elektronischer Ton- und Klangfarbenerzeugung, die neuen Instrumente tragen so hübsche Namen wie Clavivox, Ethonium oder Croix Sonore, Terpsiton, Hellertion, Heliophon, Combichord, Clavioline oder Multimonica. Es wird noch bis 1948 dauern, dass die „Elektrophone“ als eigene Gattung in die Hornbostel-Sachs-Systematik der Musikinstrumente aufgenommen werden.
Das Ansehen und damit auch die Verbreitung und Nutzung eines neuen Instruments hängen maßgeblich davon ab, welche Interpreten sich seiner annehmen und wer was dafür komponiert. Die Unterhaltungs- und Salonmusik war für das Trautonium ein nettes und kräftiges Standbein. Wichtiger aber war eigens komponierte Musik, die die Möglichkeiten bis an die Grenzen auslotete. In Oskar Sala hatte das Trautonium einen unermüdlichen Propagandisten. Er gewann nicht nur Paul Hindemith dafür, mit den Klängen des Trautoniums zu spielen, sondern auch dessen Schüler und seinen Kommilitonen, den späteren Großkomponisten Harald Genzmer, dessen Trautonium-Musik die vorliegende CD enthält. Sala erweitert mit Technikern und dem eigenen Physikstudium im Hintergrund das Klangspektrum des Instruments, und Genzmer zeigt, was man damit alles anstellen kann. Auch Hanns Eisler, Carl Orff und Paul Dessau ließen sich von Sala motivieren.

Kompositionen, die Folgen haben
So entstanden Stücke, die nicht auch von Geige oder Cello hätten gespielt werden können, weil sie ursprünglich gar nicht für das elektronische Instrument geschrieben worden waren.
Genzmer - Pichler CoverAuf der Genzmer-CD, eingespielt vom Nachfolger Oskar Salas, dem Gitarristen und Renaissance-Lautenisten Peter Pichler, sind zu hören: eine „Suite des Danses pour instruments électroniques“ von 1958/59 – Genzmer setzt virtuos drei Trautonien ein für surreale futuristische Klänge, perkussive Effekte – hier werden die Verbindungslinien zur Filmmusik und zur späteren Pop-Musik hörbar. Drei Trautonien können polyphon spielen, lange Glissandi auskosten, glockenartige Klänge produzieren, hupen, klingeln und Staccato-Tonleitern über Ostinato-Bässe hüpfen lassen.
Zehn Jahre älter sind zwei Sonaten, die erste für das Mixtur-Trautonium, recht melodisch, die zweite für ein zusätzliches Klavier – sie generiert Mehrstimmigkeit, Akkordkombinationen zu zwei Stimmen und virtuose Melodien. Dazu ein kammermusikalisch arrangiertes Concert für Mixtur-Trautonium und Orchester von 1952 und zwei frühe Werke: Ein Bass-Solo in F-Dur von 1938, das wie die Pedalfantasie auf einer Kirchenorgel klingt, und ein sehr munteres Capriccio trautonico von 1935. Zusammen ein hörenwertes Musikvergnügen aus der Frühzeit der musikalischen Elektronik weit vor deren heutigen Möglichkeiten.
Solche Kompositionen bleiben nach dem Zweiten Weltkrieg nicht ohne Folgen. 1951 wird in Köln beim WDR das Studio für neue Musik gegründet, wo fortan eine Komponisten-Avantgarde die Möglichkeiten von Melochord und Monochord, von Rausch-, Sinuston- und Impulsgenerator, von Ringmodulator und Bandpassfilter erkundet und sukzessive das Verständnis von Musik erweitert. Der Begriff „Elektronische Musik“ wurde 1949 zum ersten Mal verwendet.
Derweil ist 1954-56 das Trautonium sogar auf dem Festspiel-Hügel von Bayreuth angekommen und darf dort die Glocken im „Parsifal“ imitieren – Elektronik meets Wagner. Und ein inzwischen berühmter Filmregisseur hatte das Trautonium noch vor dem Krieg im Berliner Rundfunk gehört und erinnerte sich 1963 daran, als er den Soundtrack für seinen Film „Die Vögel“ brauchte. Alfred Hitchcock fuhr wieder nach Berlin, am Ende hatte Oskar Sala den Auftrag, die Vogelschreie und andere Toneffekte auf dem Trautonium zu produzieren. Auch in zwei Edgar-Wallace-Filmen kommt es spannungsfördernd zum Einsatz.
Eigentlich aber ist das Trautonium im Kino auf Außerirdisches und Futuristisches spezialisiert, dessen Fremdartigkeit am besten durch die fremdartigen, unheimlichen, geisterhaften elektronischen Klänge wiederzugeben sind – so wie in „Mars attacks!“ durch Theremin und Ondes Martenot (1996).

Der Weg zum digitalen Synthesizer
Da hat sich die elektronische Musik längst auf andere Wege gemacht. 1935 baut Laurens Hammond seine erste Hammond-Orgel. In der DDR wird in den 60er-Jahren das Subharchord erfunden, das mit Tasten gespielt wird. In den USA baut ein gewisser Robert Moog in seiner Jugend Theremine und 1964 den ersten Synthesizer – zu bestaunen 1966 bei den Beach Boys in „Good Vibrations“. „Switched-on Bach“ von Walter Carlos wird 1968 ein globaler Bestseller.
Musste der 1958 realisierte Mark II Music Synthesizer noch komplett mit einem Stück programmiert werden (mit Lochstreifen!), war der Yamaha CS-80 von 1976 einer der ersten Synthesizer, die freies polyphones Spielen erlaubten. Nur vier Jahre später erschien mit dem Yamaha DX7 der erste digitale Synthesizer auf dem Markt. Die elektronische Musik ist auf ihrem langen Weg angekommen in der Gegenwart mit ihren unendlichen kreativen Möglichkeiten.

Grund genug, sich noch einmal von den ersten elektronisch-musikalischen Gehversuchen faszinieren zu lassen. Das schafft die CD mit Genzmer-Werken in der Interpretation von Peter Pichler locker.

Harald Genzmer: works for trautonium. from post war sounds to early krautrock
Peter Pichler, Mixtur-Trautonium.
CD Paladino Music
pmr 0081
YouTube-Video:
Peter Pichler am Mixturtrautonium - Paul Hindemith - Langsames Stück und Rondo
Electrische piano: Trautonium (1941) Nederlands Instituut voor Beeld en Geluid (nl./dt.)


Abbildungsnachweis:
Mixtur-Trautonium (Foto: Archiv)
CD-Cover

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