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Buchbinder spielt Bach

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Donnerstag, den 23. Juli 2015 um 13:19 Uhr
Buchbinder spielt Bach 5.0 out of 5 based on 69 votes.
Buchbinder spielt Bach

Zwei Partitas (BWV 825 und 826) und eine Englische Suite (BWV 808) von Johann Sebastian Bach hat Rudolf Buchbinder für sein spätes Bach-Debüt auf CD zusammengestellt. Er spielt sie unprätentiös, mit wunderbar singendem Ton und mit hoher Transparenz für die Strukturen der Stücke.

Mit Recht darf man Besonderes erwarten, wenn ein Weltklasse-Pianist nach mehr als einhundert Plattenaufnahmen – mit Schwerpunkten auf Beethoven, Mozart und Haydn, Schubert und Brahms – und mehr als 50 Jahren Konzerttätigkeit zum allerersten Mal und im Alter von 68 Jahren Werke von Johann Sebastian Bach einspielt. So wie es Rudolf Buchbinder nun getan hat - nach mehr als 50 Jahren internationaler Konzerttätigkeit und mehr als 100 aufgenommenen Tonträgern. Und völlig entspannt: Im Interview mit „Rondo“ sagt er: „Ich blicke auf eine jahrzehntelange Karriere zurück: mit einem kontinuierlichen, leichten Crescendo. Gelegentlich kommt jetzt noch ein kleines Sforzato hinzu.“

Buchbinder BachSeine erste Bach-CD ist ganz sicher einer dieser Akzente. Natürlich beherrscht Buchbinder alle Facetten der Anschlagskunst perfekt und brilliert mit seinem ausgeprägten Sinn für die Strukturen der einzelnen Sätze. Das Besondere seines Bach-Spiels liegt jedoch in dem unglaublich kantablen Spiel, wie es etwa die träumerische Sarabande der B-Dur-Partita vorführt oder das Grave Adagio der einleitenden Sinfonia zur c-Moll-Partita. Das sind sämig tragende Töne, die nach dem Anschlag nicht an Intensität abnehmen und bei denen man sich kaum wundern würde, wenn ihnen Buchbinder auch noch ein feines, kaum spürbares Vibrato hinzuzaubern würde. In diesem großartigen Momenten verwandelt er seinen Steinway in ein Clavichord mit satterem, großvolumigerem Klang.

Sicher wird das großzügig unterstützt durch die generell etwas hallige Akustik der Dresdener Lukaskirche, die das Soloinstrumente gut trägt, die aber nur bei schnelleren Sätzen wie der Corrente oder der abschließenden virtuosen Gigue der Partita Nr. 1 etwas störend wirkt.

Analytisches Spiel ohne dogmatische Kühle

Buchbinder wählt fast durchweg moderate Tempi. Das erlaubt es ihm selbst in diesen schnellen Sätzen, tragende Melodielinien hörbar zu machen und fein ziselierte Auszierungen und Akzentuierungen zu setzen – und lässt elegant dahin perlende Sätze wie das Rondeaux noch eine Spur kesser wirken.

Natürlich ist Buchbinder ein großer Analytiker, der in seinem Spiel immer auf hohe Klarheit und Transparenz achtet. Seinen Bach, der manchen dazu verführte, bringt er aber keineswegs in dogmatischer Strenge und Kühle zu Gehör, sondern leistet sich winzige Rubati, sinnt hier und da den architektonischen Bauprinzipien von Bachs Klangräumen nach – und schafft dabei das Kunststück, sie altersweise, voller Respekt, dabei aber immer mit jugendlich frischem Zugriff zu spielen.

Das gilt für die beiden in Bachs Leipziger Zeit entstandenen Partiten, die der Komponist 1726/27 als Teil seiner „Clavierübung“ drucken ließ, ebenso wie für die hörbar von Vivaldis Concerti grossi inspirierte 3. Englische Suite, die bereits 1708 in Weimar entstanden ist. Wie Bach zu Vivaldi kam? Noch bevor Bach 1717 von dem Dresdner Geiger Johann Georg Pisendel nach dessen italienischer Bildungsreise Vivaldi-Konzerte mitgebracht bekam, hatte er schon durch seinen Weimarer Dienstherrn, den jungen und musikbegeisterten Herzog Johann Ernst von Sachsen-Weimar (1696-1715) Aufträge zum Neuarrangieren von Vivaldi-Werken fürs Clavier bekommen. Der Regent, der selbst auch komponierte, hatte sie auf seiner mehrjährigen „Kavalierstour“ durch Europa, von der er im Alter von 17 Jahren nach Weimar zurückkehrte, in Amsterdam erstanden – so viele, dass man damit etliche Schränke füllen konnte, die schon vorab in Auftrag gegeben worden waren. Johann Ernst wurde so der Initiator einer ganzen Reihe von Bearbeitungen von Violinkonzerten für Cembalo und Orgel, für die sich Hoforganist Bach intensiv mit dem italienischen Stil beschäftigte (die Pisendel-Mitbringsel hatten vier Jahre später Bachs eigene Violinkonzerte zur Folge).

Und so kann Rudolf Buchbinder in der dritten Englischen Suite im Eingangssatz die Anklänge an Vivaldi deutlich herausarbeiten, als konzertiere ein Orchestertutti mit einem Soloklavier. Und in der Sarabande umfließt die melancholische Melodie die stützenden Akkorde – Musik, die ohne weiteres, auch auf einer Violine und in einer venezianischen Kirche erklingen könnte.

Buchbinder liefert auf seiner Bach-CD ein überraschungsreiches, in unforcierter Souveränität und selbstverständlicher Klangschönheit strahlendes, fein ausbalanciertes Bach-Erlebnis von wunderbarer Gelassenheit.

Buchbinder: Bach
Partitas BWS 825 & 826, English Suite BWV 808. CD
Sony Classical
8887 5053 302



Abbildungsnachweis:
Rudolf Buchbinder. Foto: Marco Borggreve
CD-Cover

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