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Lorin Maazel: Verdi Requiem

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Donnerstag, den 09. Juli 2015 um 14:44 Uhr
Lorin Maazel: Verdi Requiem 4.8 out of 5 based on 92 votes.
Lorin Maazel: Verdi Requiem

Verdis „Messa da Requiem“, weit mehr als ein Gesang von Tod und Trauer, wurde 2014 unter der Leitung von Lorin Maazel in München aufgeführt. Zwei CDs dokumentieren dieses Konzert, das zu den letzten des amerikanischen Dirigenten gehört. Er starb im Juli 2014 im Alter von 84 Jahren. Ein bewegender Abschied.

Es war ein etwas verspäteter Beitrag zum 200. Geburtstag von Giuseppe Verdi, als Lorin Maazel Anfang Februar 2014 in der Münchner Philharmonie im Gasteig dessen „Requiem“ aufführte. Dass es dann auch ein Abschied von diesem wunderbaren Dirigenten würde, ahnte niemand. Maazel starb im Juli desselben Jahres, kurz nachdem er sein Amt als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker aus gesundheitlichen Gründen niedergelegt hatte. Maazel selbst hatte es zur Saison 2012/13 von Christian Thielemann übernommen. Verdis gut anderthalbstündige „Messa da Requiem“ war eines der letzten Konzerte des Maestro. Jetzt liegt dieses musikalische Vermächtnis auf 2 CDs von Sony Classical als Live-Mitschnitt aus den drei Konzerten vor.

Noch einmal hört man hier, was die Kunst von Maazel ausgemacht hat: Quasi aus dem Nichts steigen vom allerleisesten Piano die Celli zum Requiem & Kyrie auf, langsam ausgespielt, tiefste Konzentration ausstrahlend. Maazel lässt es zudem außerordentlich langsam angehen, gibt den Klängen viel Raum, sich zu entfalten. Und macht – in höchster Präzision auswendig dirigierend, Ehrensache – von Anfang an klar: Hier werden letzte Dinge verhandelt, ganz egal, ob in zartesten Tönen oder in opernhafter Klanggewalt. Nichts wirkt forciert, alles ist ein großes Aufblühen und Vergehen, das in aller Ruhe in unterschiedlichen Beleuchtungen betrachtet werden darf, das Höllenfeuer ebenso wie der sehnsüchtig erhpffte Frieden.

Verdi selbst hat so komponiert, dass das Werk nicht eindeutig im sakralen oder weltlichen Konzertraum verortet werden kann – beide Lesarten sind denkbar und in der Musik angelegt. Spielt man es so wie unter Maazel, wird der sakrale Hintergrund trotz des ganz weltlichen Ambientes hörbar. Sein Interpretation ist erfüllt von tiefer Innerlichkeit, von Abschied und Hoffnung auf den großen Frieden. Jenseits von religiösen Denksystemen – Verdis Wahrheiten über den Tod liegen tiefer.

Geschrieben hatte er die „Messa da Requiem“ ausgehend von einem Gemeinschaftsprojekt, das er zum Tode Rossinis angestoßen hatte. Die bedeutendsten Komponisten Italiens sollten Musik beisteuern. Diese „Messa per Rossini“ wurde auch fertig gestellt, allerdings dann nicht aufgeführt. Ausgehend von seinem dafür komponierten „Libera me“ griff Verdi nach dem Erfolg von „Aida“ 1871 die Idee eines Requiems wieder auf – diesmal 1873, zum Tod des Dichters Alessandro Manzoni. Und er schrieb alles selbst. An Manzonis erstem Todestag 1874 wurde das neue „Requiem“ in Mailand uraufgeführt. Verdi hatte es aus der Keimzelle seines „Libera me“ entwickelt, in dem Ideen wie das „Dies irae“ oder der erste „Requiem“-Satz schon angelegt waren, die nun zu eigenständigen Stücken ausgeformt wurden.

Keine Effekthascherei – Maazel suchte die Essenz der Musik
Maazel dirigiert Verdi CD-CoverSein „Requiem“ steht fast am Ende der großen Opernkompositionen Verdis – nur „Otello“ und „Falstaff“ sollten noch folgen. Und Verdi hatte, sieht man von ganz frühen Versuchen ab, an die 30 Jahre lang keine sakrale Musik komponiert. Nimmt es da wunder, dass ein naheliegendes Bonmot das „Requiem“ als Verdis beste Oper bezeichnet? Und dass es noch im Monat der Uraufführung drei weitere Aufführungen in Mailand erlebte – im Teatro alla Scala? Und schon im Jahr 1875 einen für ein geistliches Werk einen unglaublichen Siegeszug durch die Konzertsäle der ganzen Welt antrat.

Lorin Maazel hebt Verdis Musik nicht ins pompös Dramatische, sondern lässt sich durch die Klangschönheit von Verdis Musik leiten. Zur Seite steht ihm „sein“ Orchester, die Münchner Philharmoniker. Samt dem Philharmonischen Chor München, wohl balanciert, der Chor auch in den Fortissimo-Passagen des „Dies irae“ bestens verständlich, die Solisten nirgendwo fahrlässig übertönt. Unter denen ist die Sopranistin Anja Harteros eine sichere Bank; sie fügt ihre klare, strahlende Stimme fein abgestimmt in Maazels Konzept ein – höchster Wohlklang und keine übertriebene Dramatik. Großartig auch Georg Zeppenfeld mit einem vollen, warmen Bass und Wookyung Kim mit einem feinen, schlanken Tenor. Schwächstes Glied im Solistenquartett ist Daniela Barcellona (Mezzosopran), deren Vibrato hin und wieder unhomogen aus dem Rahmen fällt.

Doch kann das den positiven Gesamteindruck nicht trüben – zu sehr profitiert der Hörer von den viele Nuancen, die Maazels sehr bedächtiges Musizieren aus den Tiefen der Partitur heraus aufstrahlen lässt. Wer Maazel in seinen letzten Lebensjahren erleben durfte, hat gespürt, dass er – der auf eine 75 Jahre während Arbeit am Dirigentpult zurückblicken konnte – keine Kraft mehr an vordergründige Effekte verschwenden wollte. Er hat die Essenz der Musik gesucht. Und letzte Geheimnisse. Er hat sie, wie dieses „Requiem“ seiner mutmaßlich letzten Aufnahme beweist, immer wieder gefunden, weil er ihnen viel Zeit lassen konnte.

Giuseppe Verdi: Messa da Requiem
Münchner Philharmoniker und Philharmonischer Chor München, Leitung: Lorin Maazel.
2 CDs, Sony Classical
88875083 302

Hörbeispiele


Abbildungsnachweis:
Header: Lorin Maazel. PR/Sony Classical
CD-Cover

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