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Mozarts: Così fan tutte – Currentzis holt die Musik vom Sockel

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Donnerstag, den 20. November 2014 um 14:03 Uhr
Mozart: Cosi fan tutte – Currentzis

Schon zum dritten Mal in diesem Jahr zeigt der „KlassikKompass“ nach Perm, der russischen Millionenstadt im Ural-Vorland, mehr als 1.000 Kilometer nordöstlich von Moskau. Diesmal wegen „Così fan tutte“ – wieder eine Mozart-/da Ponte-Oper – mit der der dortige Theaterchef Teodor Currentzis international von sich reden macht. Seine zweite nach „Le Nozze di Figaro“ im Februar. Und nach einem kürzlich erschienenen großartigen Rameau-Best-of-Album.

Currentzis, bei Sony Classical unter Vertrag, wird mit seinen Aufnahmen großzügig beworben. Die Geschichte ist aber auch zu gut: griechischer Dirigent geht nach Russland, arbeitet in Nowosibisrk, gründet ein Orchester und übernimmt das Theater in Perm unter der Bedingung, dass er sein Orchester mitbringen darf.
Reportagen erzählen von der symbiotischen Verbindung der Musiker, von einem jungen Klangkörper, der nicht streng nach Tarifvertrag probt, sondern auch mal nächtelang, bis alles stimmt. Wo miteinander diskutiert wird – nicht nur über Musik. Ein eingeschworener Orden von Musikfanatikern, mit einem charismatischen, präzisionsvernarrten Leiter, der vor allem eines nicht mag, wenn er am Dirigentenpult steht: Musik, die einfach nur reproduziert wird. Videos auf YouTube künden von dem Geschehen am Ural, angesichts der Lobeshymnen ist man versucht zu sagen: Geht’s nicht auch ne Nummer kleiner?
Das fragt man aber nur, bis man die Aufnahmen gehört hat. Nun also Mozarts ernsteste, komischste, radikalste und ergreifendste Abhandlung über das Thema Liebe: „Così fan tutte, ossia La scuola degli amanti“ – „So machen’s alle (Frauen – auf die verweist der weibliche Plural „tutte“) oder: Die Schule der Liebenden“. Schon während man die ersten Takte der forsch angetriebenen Ouvertüre hört, glasklar im Klang, ultrapräzise bis in kleinste Details, drängt sich ein Bild vors Auge: Ein Dirigent, der mit Akribie und Lust die Patina von den altehrwürdigen Noten Mozarts wegkärchert, bis es wieder zu glänzen und funkeln anfängt.

Man muss das mögen, Currentzis’ ungenierte Art, Musik vom Sockel zu holen, um sie genauer hören und betrachten zu können. Bei ihm kommen die Melodien und Klänge und Rhythmen nicht aus festgefahrener, in 224 Jahren „Così“) gewachsenen Aufführungstradition, ihm geht es auch nicht ständig ums optimal Klangschöne. Er will mehr: Seine Musik ist unmittelbar Handlung, sie wird bei ihm geradezu haptisch greifbar. Legt wie in einer Anatomiestunde auch die handlungstreibenden Ideen und Interessen frei. Und wirkt dabei doch spontan und locker (was natürlich akkuratest probiert, diskutiert und geprobt ist) und wie eben im Moment der Ausführung entstanden.

altIn dem seltsamen, skurrilen Bäumchen-wechselt-euch-Experiment zweier Pärchen kosten Currentzis, die Musiker seines Animaeterna-Orchesters und -Chors und seine sechs Solisten allerinnigste Momente so herzzerreißend aus, dass man mitweinen möchte (etwa das im Quintett „Di scrivermi ogni giorni“ im leisesten Pianissimo beim vorgetäuschten Abschied der beiden jungen Männer oder fast gehauchte das Terzettino „Soave sia il vento“. Oder die Augenblicke, in denen der Widerstand der beiden Frauen gegen ihre neuen Lover dahinschmilzt. Oder die traumschöne Szene des Innehaltens vor der gespielten Hochzeit – „E nel tuo, nel mio bicchiero“, in denen in einem Kanon das Vergessen der früheren Liebe herbeigefleht wird. Hinreißend, grandios, an der Grenze zum Hörbaren, wie eine stilles letztes Innehalten.
In anderen Punkten treibt Currentzis seine Crew zu Höchsttempi an – etwa bei der hochdramatische Abwehr provozierenden Kussforderung „Dammi un bacio“ oder im Finale des ersten Aktes, „Per carità, partiamo“. Dem Orchester ist das offenbar längst in Fleisch und Blut übergegangen, von den Solisten fordert es stimmbandbrecherischen Wagemut und artikulatorische Top-Akrobatik – wie sonst könnte man schneller singen als der eigene Schatten?

Die Kunst dieser Aufnahme ist es, dass all das nicht aus Effekthascherei geschieht, sondern dem prallen Leben abgelauscht ist. Currentzis musiziert aus einem großen Atem heraus, macht Tempo, wenn das Geschehen atemlos vorwärtstreibt, lässt die Musik manches gegen den Strich bürsten, kann explosive Ausbrüche inszenieren wie bei der Rückkehr der beiden Geliebten aus nie geschlagener Schlacht, als sie den Ehevertrag finden, den sie eben selbst noch unter falschem Namen mit der Geliebten ihres Freundes unterzeichnet haben („Giusto ciel! Voi qui scriveste“). Es ist ein Mozart voller Überraschungen, innig und ekstatisch zugleich. So wie seine Figuren auf der Bühne verletzlich und im nächsten Moment selbst verletzend sind, himmelhoch liebend, abgrundtief zweifelnd.
Currentzis hat die richtigen Sänger dafür, allen vorweg mit wunderbar leichter und beweglicher Stimme Simone Kermes (Fiordiligi). Die anderen fünf – Malena Ernman als Dorabella, Christopher Maltman als Guglielmo, Kenneth Tarver als Ferrando mit elegant schlankem Tenor, Konstantin Wolff als Don Alfonso and Anna Kasyan als freche, zuweilen urkomische Despina – passen ebenfalls zu dem Konzept: eine Opernhandlung nicht unbedingt nur schön, sondern so lebendig, so psycho-logisch und so tief unter die Haut gehend wie möglich zu singen. Aufgeregt, nachdenklich, zickig, verwirrt, zynisch, wütend.

Wer sich auf dieses lohnende Experiment einlassen will, ist bei Currentzis genau richtig. Sein geradezu besessen zelebrierter Mozart ist wilder und viel weniger brav, als man ihn gemeinhin spielt und hört. Ganz so wie die Liebe selbst, das pure, unberechenbare Leben.

Wolfgang Amadeus Mozart: Così fan tutte. Musicaeterna, Leitung: Teodor Currentzis.
3 CDs,
Sony Classical
8884 3095 832


Videos:
Currentzis über seine Mozart/da Ponte-Opernaufnahmen
Reportage aus der Oper in Perm


Abbildungsdnachweis:
Header: Teodor Currentzis mit Orchester bei den Mozart-Aufnahmen, 2014. Foto: Anton Zawiyalow, 2014
CD-Cover

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