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Carlos Kleibers rare Tonaufnahmen

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Geschrieben von Hans-Juergen Fink  -  Dienstag, den 14. Oktober 2014 um 13:34 Uhr
Carlos Kleiber

Einer der großen Vorzüge der CD ist es, dass ganze Werkpakete in relativ handlichem Format an die Zuhörer gebracht werden können: Der ganze Bach, Alles von Vivaldi, Mozart komplett. Manchmal allerdings sind solche Komplettpakete erstaunlich schmal. So wie bei „Carlos Kleiber – Complete Orchestral Recordings on Deutsche Grammophon“: drei CDs – zwei Beethoven-Symphonien, zwei von Schubert und die vierte von Brahms. Dazu eine „Pure Audio-Blu-ray“ mit demselben Programm, abgespeichert in höherer Qualität (24 bit/96 kHz) und einem informativen 70-Minuten Audio-Essay „Carlos Kleiber – A Memoir“, mit vielen O-Tönen von Freunden und Weggefährten über Dirigierstil, Qualitäten, Charakter und Umgang des Dirigenten mit Sängern und Orchestermusikern und weiteren Musikbeispielen von Aufnahmen, die nicht in dieser Sammlung enthalten sind.

Kleiber (1930-2004) sträubte sich notorisch gegen Tonaufnahmen; die ihn kannten, führten das auf seinen unendlich akribischen Perfektionismus zurück, der sich nie zugestehen wollte, gut genug zu sein. Was Wunder, wenn man als Vater einen Erich Kleiber hatte, selbst berühmter Dirigent, der seinem Sohn ausdrücklich von diesem Beruf abgeraten hatte und mit dem sich der Sprössling bis ins hohe Alter doch immer wieder verglich, um herauszufinden, ob er endlich vor ihm bestehen könnte. Kleiber junior hörte sich oft Aufnahmen seines Vaters an, und er ließ Orchester aus den Stimmen spielen, mit denen schon sein Vater gearbeitet hatte. Geradezu legendär sind seine ausführlichen und detailschürfenden Orchesterproben, sein besessenes Klangfeilen, seine Suche nach äußerster Präzision. Aber auch sein Zagen vor dem Auftritt – das im Moment des ersten Tons alle Spannung in die Musik hinein entlud.

Cover Carlos KleiberAlle drei CDs dieser Box entstanden mit den Wiener Philharmonikern: die der 5. und 7. Symphonie Beethovens 1974 bzw. 1976, die Schubert-Symphonien 3 und 8 wurden 1978 aufgenommen, die Vierte von Brahms 1980, und alle im Großen Saal des Musikvereins in Wien.
Schade ist es, dass etliche Orchesteraufnahmen fehlen, die bei der DG-DVD-Sammlung von Kleiber-Aufnahmen dabei waren: zwei legendäre Neujahrskonzerte etwa. Es existieren auch Aufnahmen von Mozart-Symphonien, von der Vierten von Beethoven, der Zweiten von Brahms, der Coriolan-Ouvertüre – die alle in einer Box zu versammeln verhindern bedauerlicherweise die auf mehrere CD-Firmen verteilten Rechte. Was betrüblich ist, denn allein die fünf Symphonien bei der Deutschen Grammophon lassen spüren, welch herausragender, ja einzigartiger Interpret Kleiber war, wie sensibel und beflügelnd er seine Musiker zu Höchstleistungen antrieb. Beethovens Fünfte, ein Klassik-Standard: Unglaublich zupackend, eine radikale kraftvolle Interpretation, die Musik blüht auf unter seinen Händen auf – kein Wunder, dass diese Aufnahme einer der großen Bestseller der DG geworden ist.

Kleibers Schubert-Symphonien vermitteln eine geradezu flirrende Intensität, Leichtigkeit und schlanke Empfindsamkeit, vereint mit einer hohen Transparenz im Orchesterklang, der nur bei höchster Präzision entstehen kann.
Auch bei Brahms’ Vierter verweigert er romantische Schwere und findet einen neuen, aufregend lebendigen Brahms-Klang, allen kitschigen Überhöhungen, allen spektakulären Übertreibungen abhold, und selbst in der Tiefe der Emotionen immer auf der Suche nach maximaler Klarheit.
Bedauerlich, dass dieser großartige Dirigent, der sich immer als Diener an der Musik verstand und der jede einzelne Aufnahme der Verzweiflung und Unsicherheit über das eigene Können abrang, gut zwanzig Jahre vor seinem Tod ganz aufhörte, Musik einzuspielen. Unglücklich über Aufnahmesitzungen zu „Tristan und Isolde“ in Dresden 1982 brach er sie vorzeitig ab und betrat nie mehr ein Aufnahmestudio.

Das macht die raren Aufnahmen, die existieren und zum 10-Jährigen Todestag , zu überragenden Dokumenten seines Könnens. Unbedingt empfehlenswert.


Carlos Kleiber – Complete Orchestral Recordings on Deutsche Grammophon.
Edition mit 3 CDs, 1 Pure Audio-Blu-ray, 32-Seiten-Booklet,
Deutsche Grammophon
Bestellnummer 479 2687

Hörprobe

Abbildungsnachweis: Carlos Kleiber
Foto: © Siegfried Lauterwasser / Deutsche Grammophon
CD-Cover

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